Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/ Die Grünen) ist nicht nur Mitglied des Bundestages und gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, sondern auch Mitglied des Gesundheitsausschusses. Ende des Jahres 2019 stand sie der TAL gGmbH Rede und Antwort über ihre Vorstellungen und Lösungen zu den Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem

Um Reformen im Gesundheitssystem voranzubringen braucht es komplexe Lösungsansätze.
Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht eine Beteiligung von Pflege- und Therapieberufen in den entsprechenden Gremien? Wie können diese eingebunden werden.

Die Therapeuten als Akteure in der Selbstverwaltung werden derzeit über ihre Berufsverbände vertreten. Allerdings scheint mir die Verbändelandschaft ziemlich zersplittert. Zwar gibt es einen Dachverband, den Spitzenverband Heilmittelerbringer, (SHV), doch in diesem sind bei weitem nicht alle Verbände Mitglied. Auch jeder therapeutische Beruf hat diverse Verbände. Die Berufsangehörigen selbst teilen sich auf in Selbständige/Praxisinhaber, unter denen es Soloselbständige und Leute mit großen Praxen gibt. Zudem gibt es Angestellte, die in Kliniken teilweise tariflich verdienen, in kleinen Praxen häufig sehr viel weniger.

“Eine Therapeutenkammer wäre ein gutes Instrument“

Darum denke ich, eine Therapeutenkammer wäre ein gutes Instrument, um die Interessen zu bündeln und mit einer starken Stimme aufzutreten. Zudem könnte die Hauptaufgabe einer Kammer, die beruflichen Belange der Berufsangehörigen zu vertreten und Aufgaben der Berufsangehörigen sowie Qualitätsstandards zu definieren ein wertvoller Beitrag auf dem Weg zur Akademisierung und zum Direktzugang sein. Eine Kammer kann aber nicht von außen aufoktroyiert werden. Die Therapeuten müssen das selbst wollen und sich aktiv dafür entscheiden.

Digitalisierung ist mittlerweile ein Zauberwort im Gesundheitssektor. So richtig geht es in Deutschland nicht voran. Woran liegt es aus Ihrer Sicht?

Es gibt keine Strategie. Es gibt keine benannten Akteure, die dafür sorgen, dass alle, die für die Versorgung wichtig sind, an einer Digitalisierungsstrategie beteiligt werden. Es fehlt eine Standardsetzung und eine Formulierung von Standards, damit alle, die in der Versorgung tätig sind, mit gleichen Standards arbeiten und Daten austauschen können. Es fehlt auch – und das ist das Wichtigste – eine konkrete und durchgängige Patientenbeteiligung.

„Therapeutische Berufe müssen komplett akademisiert werden“

In den letzten Jahren haben Sie sich auch sehr stark für Heilmittelerbringer eingesetzt. Unter anderem soll die Ausbildung reformiert werden. Noch steht nicht mal ein Eckpunktepapier. Wo sollte die Reise hingehen?

Meines Erachtens müssen die therapeutischen Berufe innerhalb eines Übergangszeitraums komplett akademisiert werden. Und zwar aus versorgungspraktischen Gründen. Die Herausforderungen des Gesundheitssystems wurden eingangs benannt. Um sie zu bewältigen braucht es u.a. starke therapeutische Gesundheitsberufe, die Verantwortung übernehmen und dafür auch entsprechend vergütet werden. Wenn uns das gelingt, kriegen wir auch den Fachkräftemangel in den Griff. Die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden, da eine Überarbeitung der Berufsgesetze ansteht. Ein weiteres Aufschieben der Akademisierung können wir uns nicht leisten.

Dabei sollen die gut ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten, die derzeit die Versorgung stemmen, die Möglichkeit erhalten, einen akademischen Abschluss schnell nachholen zu können, wenn sie das wollen, etwa weil sie in der Forschung tätig werden oder ins Ausland gehen möchten. Ihre Berufserfahrung soll dabei anerkannt werden. In Österreich bspw. können Ausbildung plus Berufserfahrung als hochschulisch äquivalent anerkannt werden.

„Offenbar will die Bundesregierung ihre Erkenntnisse nicht mit uns teilen“

Diesbezüglich haben Sie mit Ihrer Fraktion eine Anfrage gestellt. Das Ergebnis der Bundesregierung zeigt sehr deutlich, dass man nicht weiß, wie viele Schüler derzeit ausgebildet werden und zu welchen Konditionen. Wie ordnen Sie diese Antwort ein?

Mit unserer Kleinen Anfrage wollten wir erfragen, wie die Voraussetzungen für die Akademisierung der therapeutischen Gesundheitsberufe sind. Wir haben u.a. nach den Schulabschlüssen der Auszubildenden, nach der Anzahl der Fachschulen und der Qualifikation der Fachschullehrerinnen und -lehrer gefragt, nach Anzahl und Art der Studiengänge, nach Absolventenzahlen an Fachschulen und Hochschulen u.v.a.m.

Die Antworten sollten u.a. eine Basis für ein Umsetzungskonzept liefern. Allerdings haben wir kaum Informationen erhalten. Bei den meisten Fragen verweist die Bundesregierung auf die Zuständigkeit der Länder. Das ist zwar richtig, allerdings plant die Bundesregierung ein Gesetz zur Überarbeitung der Berufsgesetze und hat auch eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept zur Neuordnung und Stärkung der Ausbildung der Gesundheitsfachberufe“ eingerichtet, die sich regelmäßig trifft. Offenbar will die Bundesregierung ihre Erkenntnisse nicht mit uns teilen.

 

Es gibt kaum öffentliche belastbare Daten, die einen Bedarf an Versorgung mit Heilmitteln, anzeigen. Warum geben Krankenkassen zum Beispiel Versorgungsquoten nicht heraus?

Versorgungsquoten können ein hilfreiches Mittel zur Versorgungsplanung sein. Sie lassen allerdings auch Rückschlüsse darauf zu, wie restriktiv eine Kasse bei der Gewährung von Leistungen vorgeht, gerade im direkten Vergleich. Bei der Anhörung zum Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz (GKV-FKG) am 18. Dezember habe ich die Vertreterin des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV-SV) gefragt, was der GKV-SV von der Veröffentlichung von Versorgungsquoten halte. In ihrer Antwort verwies die Vertreterin darauf, dass Versorgungsquoten allein im Hinblick auf die Versorgungsqualität nicht aussagekräftig seien und auch nicht auf Über- oder Unterversorgung hinweisen könnten. Als Beispiel nannte sie die Heilmitteltherapie, die bei bestimmten Indikationen nur eine von mehreren Behandlungsoptionen sei.

Es ist sicher richtig, dass es zur Bewertung der Versorgungsqualität und bei der Versorgungsplanung mehr Angaben braucht als die Versorgungsquote. Sie könnte aber ein Bestandteil sein. Man könnte damit beginnen, die Versorgungsquoten mit Heilmitteln bei schweren Erkrankungen zu veröffentlichen, wie es der Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland (BED) gefordert hat. Wir haben diese Forderung in unserem Antrag zur Heilmittelversorgung aufgegriffen, und dazu hat sich der GKV-SV in seiner Stellungnahme weniger ablehnend geäußert. Die Veröffentlichung von Versorgungsquoten mit Heilmitteln bei schweren Erkrankungen wurde als unter versorgungspolitischen Aspekten sinnvoll bewertet.

Vielen Dank dafür, dass Sie Ihre Visionen für eine zukunftsorientierte Versorgung mit uns geteilt haben.
Michael Schiewack, TAL gGmbH, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Hier geht es zur PDF Version des Interviews:

Im Austausch mit Maria Klein-Schmeink

 

14420cookie-checkIm Austausch mit Maria Klein-Schmeink MdB, Bündnis 90/Die Grünen (Teil 2)