Zusammenfassung der Online – Befragung zur Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung

Woche vom 02.11. – 06.11.2020

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An der Online Befragung zur aktuellen Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung nahmen insgesamt 1370 Therapeutinnen und Therapeuten teil. Mit 43% war die Physiotherapie der am häufigsten angebotene Leistungsbereich der Befragten, gefolgt von der Ergotherapie (34%), der Logopädie (29%), der Massage (10%), der Podologie (7%) und der Diätassistenz (1%).

Insgesamt war die am häufigsten genannte Betriebsgröße, die mit 4 bis 10 Mitarbeitenden (43%).

60 % der Befragten waren in der Haupttätigkeit Selbständig in der ambulanten Versorgung.

Höhere Zahl an Erkrankten und Quarantänefälle bei Patienten und Therapeuten als Hauptgründe

War im Frühjahr noch der Hauptausfallgrund in 94% der Praxen die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten, ohne dass eine tatsächliche Erkrankung vorlag, so lag im November der Hauptausfallgrund in 69% der Praxen bei der Absage durch Patienten aufgrund einer tatsächlichen Erkrankung. In 60% der Praxen waren Patienten in Quarantäne und in 15 % der Praxen mussten sich Mitarbeiter in Quarantäne begeben.

Mit 16% werden fehlende Verordnungen durch Schließung oder Überlastung von Arztpraxen als Ausfallgrund genannt. Auch Absagen von Pflegeeinrichtungen gehören mit 32% wieder zu den häufigeren Ausfallgründen.

Durchschnittliche Auslastungsquote von ca. 80% in der ambulanten Versorgung

34% der Befragten gaben an, dass die Auslastungsquote noch bei über 90% liegt. Allerdings gab es hier Unterschiede in den einzelnen Leistungsbereichen.

Eine Auslastungsquote von über 90% gaben an:

Physiotherapie – 42%

Ergotherapie –  28%

Podologie – 26%

Logopädie – 25%

  • Absage aufgrund tatsächlicher Erkrankung 69% 69%
  • Patienten in Quarantäne 60% 60%
  • Absagen durch Pflegeeinrichtungen 32% 32%
  • Fehlende Verordnung durch Schließung oder Überlastung von Arztpraxen 16% 16%
  • Mitarbeiter in Quarantäne 15% 15%

Materialbeschaffung durch zu geringe Hygienepauschale eine wirtschaftliche Herausforderung

In Bezug auf die notwendigen Hygienemaßnahmen sehen sich 52% der Befragten gut informiert und haben aktuell ausreichend Material, um Schutzmaßnahmen einhalten zu können. 22% sehen Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung, welche Schutzmaßnahmen aktuell gelten. Die Mehrheit von 74% sehen in der Materialbeschaffung eine wirtschaftliche Herausforderung, da die Hygienepauschale mit 1,50 Euro je Verordnung zu niedrig kalkuliert ist.

Verständnis und Motivation zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen bei Patienten überwiegend hoch

55% der Befragten gaben an, dass das Verständnis und die Motivation zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen überwiegend hoch oder mit 19% sogar sehr hoch ist. 6% der Befragten sahen allerdings überwiegend ein geringes Verständnis seitens der PatientInnen.

  • Gut informiert und ausreichend Material vohanden 52% 52%
  • Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung zu Schutzmaßnahmen 22% 22%
  • Wirtschaftliche Herausforderung Hygienepauschale 74% 74%

Einzelne Patientengruppen unterschiedlich häufig von Therapieausfällen betroffen

 

15% der Befragten gaben an, dass Therapieausfälle gleichmäßig alle Patientengruppen betreffen. 45% sahen HeimbewohnerInnen und 34% generell ältere Patienten betroffen. In den freien Kommentaren wurden zusätzlich häufig Menschen mit Behinderungen genannt. Die Antworten in dieser neu aufgenommenen Kategorie deuten darauf hin, dass einzelne Patientengruppen unterschiedlich von Therapieausfällen betroffen sind.

Weiterhin hohes wirtschaftliches Risiko, aber aktuell wenig Kurzarbeit

 

40% der Befragten sehen nach wie vor ein hohes wirtschaftliches Risiko. 9% schätzen diese sogar als sehr hoch ein. Gleichzeitig waren in der ersten Novemberwoche nur 9% der Befragten von Kurzarbeit betroffen.

Unterschiedliche Nutzung telemedizinischer Anwendungen

Sehr unterschiedlich fiel in den Leistungsbereichen erneut die Nutzung Telemedizinischer Anwendungen aus. Vorreiter waren wieder die LeistungserbringerInnen in der Logopädie. Hier nutzten 42% die Möglichkeit der Telemedizin. In der der Ergotherapie waren es 21% und in der Physiotherapie nur 10%.

Zusammenarbeit mit lokalen Gesundheitsbehörden

Insgesamt hat sich nach Einschätzung der Befragten die Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden leicht verbessert. 20% empfanden die Zusammenarbeit allerdings immer noch als „mangelhaft“.

Hohe psychische Belastung durch die Bedingungen der Pandemie

88% der Befragten sehen sich durch die Bedingungen der Corona-Pandemie einer höheren psychischen Belastung ausgesetzt.

Mit 77% war der zeitliche Druck durch höhere Hygienemaßnahmen der am häufigsten genannte Grund für psychische Belastungen. Aber auch wirtschaftliche Sorgen (66%), die Angst Angehörigen zu infizieren (59%), Angst vor eigener Infektion (52%) und vermehrte Diskussionen über die Einhaltung der Hygienemaßnahmen mit PatientInnen (46%) wurden häufig genannt.

  • Hoher zeitlicher Druck 77% 77%
  • Wirtschaftliche Sorgen 66% 66%
  • Angst Angehörige zu infizieren 59% 59%
  • Angst vor eigener Infektion 52% 52%
  • Diskussionen zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen 46% 46%
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Freie Kommentare der Befragten

Auch in den freien Kommentaren wurden häufig psychische Belastungen thematisiert:

Antwortbeispiele:

„Die psychische Belastung ist unerträglich. Mir ist vor 10 Jahren mal meine gesamte Praxis abgebrannt. Ich musste ein halbes Jahr in Noträumen mit Sonderzulassung arbeiten. Das war eine schlimme Zeit und sehr belastend für mich als „frisch Selbständigen“. Die aktuelle Situation mit all ihren politischen Entscheidungen empfinde ich aber als noch belastender. Es geht mittlerweile an die Substanz ständig diese Sorgen tragen zu müssen. Sorge das wir jeder Zeit wegen eines Corona-falls geschlossen werden könnten. Sorge z.B. Krebskranke Patienten trotz Hygienekonzeptes infizieren zu können usw. Die Liste ist lang.“

„Man steht als Angestellter unter enormen Druck möglichst viele Patienten zu versorgen, um eine Schließung der Praxis zu vermeiden und somit den Verlust seiner Arbeitsstelle zu vermeiden.“

„Pro Behandlung fallen 5 Min zusätzlich an, dazu höhere Heizkosten durch permanentes Lüften, und nun auch noch nach BG Empfehlung eine Maskenpause nach zwei Stunden. Und permanent Fragen von Patienten zum Thema Corona und Impfung, da brummt der Kopf und es ist richtig anstrengend geworden.“

„Es ist insgesamt für therapeutische Betriebe eine sehr belastende Situation, da wir Therapeuten den Patienten einerseits Sicherheit vermitteln sollen, Aufklärungsarbeit leisten (Hygiene, Masken,…), Patienten deutlich ihre Grenzen zeigen müssen, auf keinen Fall mit dem Infektionsgeschehen in Berührung sein dürfen (hatte bereits vor einigen Monaten einen Covid-Fall im persönlichen Umfeld und wurde daraufhin von einigen Patienten bis zu 8 Wochen gemieden). Informationen müssen selbständig beschafft werden, Gesundheitsamt und BG informieren nicht aktiv, bzw. Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter sind oft unfassbar schlecht informiert. Ich selbst fühle mich durch das aktuelle Geschehen psychisch am Limit, da die oben genannten Punkte unfassbar viel Kraft rauben. Es gäbe noch viel zu sagen, aber ich denke, die wichtigsten Punkte sind wenigstens kurz dargestellt.“

„Körperlich, mental und wirtschaftlich stehe ich unter sehr hohem Druck. Die fehlende finanzielle Anerkennung und Herabstufung in der Physiotherapie, lässt mich am Limit agieren. Die “noch” hohe Auslastung in der Praxis, lässt sich mit dem Ausscheiden eines Mitarbeiters erklären. Durch hohe Mieten und viel zu geringe Einkünfte, verbunden mit der Corona-Pandemie, sehe ich eine düstere Zukunft für meine Praxis.“

 

 

„Hoher Druck durch Ausfall von Mitarbeitern aufgrund fehlender Kinderbetreuung und Krankheitstage aufgrund von leichten Erkältungs-Symptomen. Sehr hoher Organisationsaufwand durch Patienten Umbestellung.“

„Ein zusätzlicher Punkt bei der psychischen Belastung besteht bei der Kooperation mit Einrichtungen. Es besteht eine große Unsicherheit in Bezug auf Maßnahmen. Es werden neue Maßnahmen beschlossen, aber die Kommunikation zwischen den beteiligten Berufsgruppen funktioniert nur schlecht. Es entstehen Situationen mit erhöhtem Konfliktpotenzial und leider ist es einigen Menschen nicht möglich, dennoch respektvoll miteinander umzugehen.“

Häufig wurde auch das Problem der Schnelltests thematisiert. Mit dem Inkrafttreten der neuen Testverordnung (TestV) sind für Praxen der Heilmittelversorgung  kostenlose Test unter bestimmten Umständen möglich. In den Kommentaren weisen die Befragten allerdings häufig auf Probleme hin.

„Es herrscht völlige Unklarheit, wie das mit den Antigenschnelltests laufen soll. Die eine Hand weiß nicht, was die andere macht. Mitarbeiter sind dadurch sehr verunsichert.“

„Heilmittelerbringer sollten ein eigenes Kontingent mit Schnelltests zur Verfügung gestellt bekommen um mehr Sicherheit zu haben. Ich renne für jeden Mitarbeiter hinterher.“

„Warum werden Therapeuten nicht standardmäßig durchgetestet?! Warum können wir uns immer noch nicht kostenlos testen lassen!? Warum bekommen Heilmittelerbringer kein Testkontingent?!“

„Ich bekomme keine Schnelltest für meine Mitarbeiter. Es gibt keine Arztpraxis, welche Schnelltests durchführt. Grund u.a.: Die Anschaffungskosten liegen je nach Beschaffungszeitpunkt zw. 12-19€. Erstattet werden aber nur maximal 7 € bei den Ärzten. Ich bin wütend! Wieder ein Erlass, der für uns nicht durchführbar ist, während Heime, etc. es selbst durchführen dürfen. Ein Schnelltest würde viele Ausfallzeiten meiner Mitarbeiter kompensieren, wenn er negativ ist.“

„Es besteht ja nun die Möglichkeit, dass auch Therapeuten sich regelmäßig vorsorglich testen lassen können. Unser zuständiges Gesundheitsamt weiß davon allerdings noch nichts…“

Fazit:

In der ersten Novemberwoche, unter den verschärften Bestimmungen zur Kontaktbeschränkung, waren die Auswirkungen auf die ambulante Heilmittelversorgung weniger drastisch als noch im Frühjahr. Allerdings scheinen die Auswirkungen regional und je Leistungsbereich unterschiedlich zu sein.

Insgesamt scheinen TherapeutInnen und PatientInnen besser informiert und vorbereitet zu sein als zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr. Trotzdem gibt es Anzeichen dafür, dass verschiedene Patientengruppen unterschiedlich von Terminausfällen betroffen sind.

Auch zunehmende psychische Belastungen für die TherapeutInnen lassen sich beschreiben und sollten weiter beobachtet werden.

Leicht verbessert hat sich gegenüber dem Frühjahr die Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden. Trotzdem bewerten noch immer 20% der Befragten die Zusammenarbeit als mangelhaft. Probleme gab es hier häufig bei der Durchführung von Schnelltests und bei der Kommunikation.

Das Ziel muss weiterhin sein, bestehende Versorgungsstrukturen zu schützen, denn die ambulante Heilmittelversorgung wird auch in der Nachbehandlung von Covid-19-Patienten eine wichtige Funktion übernehmen.

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