Der demographische Wandel in der Heilmittelversorgung

Der demographische Wandel in der Heilmittelversorgung

Der demographische Wandel in der Heilmittelversorgung

Schriftenreihe: Versorungsmonitor

Über veränderte Versorgungsbedarfe in einer alternden Gesellschaft wurde bereits vielfach diskutiert und die Notwendigkeit einer Anpassung an die Versorgungsrealität kann als Konsens vorausgesetzt werden. Im Detail fällt bei der Betrachtung der einzelnen Leistungsbereiche auf, dass die Analyse der Entwicklung und daraus abgeleitete Maßnahmen völlig unterscheidlich ausfallen.

“Bedarf muss im Mittelpunkt der Diskussion stehen!”

Als Beispiel kann hier in dieser kurzen Übersicht die unterschiedliche sprachliche Würdigung der Versorgungsbereiche genannt werden. Mit Blick auf die ärztliche Versorgung oder die Versorgung in Krankenhäusern fallen häufig die Begriffe Versorgungsbedarf oder Versorgungsgerechtigkeit. Sehr selten sind diese Begriffe in der Analyse der Heilmittelversorgung zu finden. Dort beherrschen Kosten, Kostensteigerung und Mengenausweitung die Diskussion.

Wir sprechen demnach von einem Versorgungsbereich, bei dem schon in der Bedarfsplanung der veränderte Bedarf durch die demografische Entwicklung berücksichtig wird und von einem anderen Versorgungsbereich, dem der Heilmittel, bei dem sofort Mengensteuerungsinstrumente das Mittel der Wahl sein sollen.

Dabei geben schon die Daten des GKV- Heilmittelinformationssystems Hinweise darauf, dass durch die demografische Entwicklung eine Veränderung in der Versorgungsrealität bereits Einzug gefunden hat.

Im Gegensatz zu den Behandlungseinheiten in den Altersgruppen bis 64 Jahren, deren Anstieg einen deutlich flacheren Verlauf zeigen, steigen die Behandlungszahlen bei den älteren Versichertengruppen deutlich an. Ab 2015 ist in den meisten Altersgruppen ein Rückgang der Behandlungszahlen zu erkennen, die Behandlungseinheiten nehmen bei den über 80jährigen jedoch weiter zu. (Abb.1-3) Dabei steigen die Behandlungsfälle nicht nur absolut an, sondern auch je 1000 Versicherten in den jeweiligen Altersgruppen. Hier scheint speziell in den höheren Altersgruppen objektiv ein größerer Bedarf an Heilmittelleistungen vorzuliegen, was nicht überrascht, denn dies würde sich mit den Erfahrungen aus anderen Leistungsbereichen decken.

Ein weiteres Indiz für einen steigenden Bedarf zeigen die Heilmittel der Krankengymnastik auf neurologischer Grundlage (KG ZNS) für deren Verordnung eine entsprechend schwerwiegende Indikation vorliegen muss, ebenso wie die steigende Zahl an Hausbesuchen, die ebenfalls einer entsprechenden medizinischen Indikation bedürfen. Bei den Kindern ging die Zahl der neurologischen Behandlungen in der Physiotherapie von 4,2 Millionen im Jahr 2007 auf 3,5 Millionen in 2018 zurück. Bei den Erwachsenen stieg die Anzahl der Behandlungen im gleichen Zeitraum von 11,8 Millionen auf 24,4 Millionen. Ebenso stieg die Anzahl der Hausbesuche durch Therapeutinnen und Therapeuten deutlich und verdoppelte sich nahezu in der Zeit von 2007 bis 2018. (Abb.4)

Altersgruppe über 64 Jahre

Anzahl der Heilmittelbehandlungen nach Altersgruppen über 64 Jahre je 1000 Versicherten, GKV-HIS Bundesbericht 4. Quartal 2009 bis 2018 (Abb. 1)

Altersgruppe 40 bis 64

Anzahl der Heilmittelbehandlungen nach Altergruppe 40 bis 64 Jahre je 1000 Versicherten, GKV-HIS Bundesbericht 4. Quartal 2009 bis 2018 (Abb. 2)

Altergruppe bis 39 Jahre

Anzahl der Heilmittelbehandlungen nach Altersgruppen bis 39 Jahre je 1000 Versicherten, GKV-HIS Bundesbericht 4. Quartal 2009 bis 2018 (Abb. 3)

Demographische Entwicklung in der Heilmittelversorgung

(Abb. 4)

Demographische Entwicklung in der Heilmittelversorgung

(Abb. 5)

 

Fazit

Im Sinne eine qualitätsorientierten Patientenversorgung ist ein Umdenken bei der Bewertung des Versorgungsgeschehens in der Heilmittelversorgung zu empfehlen. In einer alternden Gesellschaft sollte in allen Versorgungsbereichen der Bedarf im Mittelpunkt der Diskussionen stehen. Aus Patientensicht wäre eine Betrachtung der Behandlungsqualität, der Erreichbarkeit der Leistung und deren Evidenz sinnvoller als reine Mengendiskussionen.

Nach Angaben der AOK erhielten etwa ein Drittel der Pflegebedürftigen im Jahr 2014 Heilmittelleistungen (WIdO Heilmittelbericht 2015:

https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/heilmittelbericht/2015/

Hier zeigt sich die Bedeutung der Heilmittelversorgung im Kontext der Pflege. Eine wichtige Frage wäre hier nach dem Nutzen der Heilmittelversorgung um Pflege zu vermeiden oder Zeiten von Pflegebedürftigkeit zu verringern.

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Hoher Anteil von Teilzeitarbeit und alternde Beschäftigte in den Therapieberufen

Hoher Anteil von Teilzeitarbeit und alternde Beschäftigte in den Therapieberufen

Das statistische Bundesamt führt in seiner Gesundheitspersonalrechnung die Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse in den einzelnen Gesundheitsfachberufen auf. In einigen Publikationen wird fälschlicher Weise von der Anzahl der Beschäftigten gesprochen. In der Beschreibung der Methodik wird wörtlich darauf hingewiesen:

„Unter den Beschäftigten werden Beschäftigungsfälle nachgewiesen, so dass Personen mit mehreren Arbeitsverhältnissen in verschiedenen Einrichtungen auch mehrfach gezählt werden. (…) Zu den Beschäftigten rechnen im Einzelnen Selbständige, mithelfende Familienangehörige, Beamtinnen/Beamte, Angestellte, Arbeiterinnen/Arbeiter, Personen im Bundesfreiwilligendienst, Zivildienst oder freiwilligen sozialen Jahr sowie Praktikantinnen/Praktikanten. Den Beschäftigten werden auch zugeordnet: Erkrankte, Personen, die Übungen bei der Bundeswehr ableisten und alle sonstigen vorübergehend Abwesenden, Streikende und von Aussperrung betroffene Personen, solange das Arbeitsverhältnis nicht gelöst ist.“ (https://www.destatis.de/DE/Methoden/Qualitaet/Qualitaetsberichte/Gesundheit/gesundheitsersonalrechnung.pdf?__blob=publicationFile&v=5)

Vergleicht man die Zahlen in dem kurzen Zeitraum von 2012 bis 2017, so wird deutlich, dass die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten (die vermutlich auch den größten Teil der Selbständigen beinhalten) nur geringfügig zugenommen hat. Der Anteil der Beschäftigungsverhältnisse in Teilzeit, oder auf Geringfügigkeit hat dagegen stark an Bedeutung gewonnen. Speziell immer mehr ältere Beschäftigte fallen in diese Kategorie. So waren in der Physiotherapie 2012 noch 20.000 Beschäftigungsverhältnisse in der Altersgruppe 50-59 Jahre gemeldet, 2017 waren es schon 32.000. In der Altersgruppe über 60 Jahre stieg die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse von 6.000 auf 11.000. Auffällig ist auch, dass in der Physiotherapie die Zahl der Vollzeitbeschäftigungen in der Altersgruppe von 40-49 Jahre um 5.000 gesunken ist, bei der Teilzeitbeschäftigung hingegen um 2.000 anstieg.

Generell könnten sich in diesen Zahlen auch geänderte Erwartungen an die Arbeitszeit und die Work-Life-Balance widerspiegeln. Zumindest wird deutlich, dass sich die Therapeutinnen und Therapeuten mit den Anforderungen einer alters- und alternsgerechten Arbeitsgestaltung verstärkt auseinandersetzen müssen, denn auf die Arbeitskraft der älteren Berufsangehörigen wird man in der Patientenversorgung in den nächsten Jahren nicht verzichten können.

Eine Prognose für die Zukunft ist nur schwer zu treffen, denn sicherlich werden durch die möglichen Honorarsteigerungen unterschiedliche Effekte einsetzen. Einerseits kann eine deutlich bessere Vergütung Beschäftigte, die nur teilzeitbeschäftigt sind, dazu motivieren die Stundenzahl zu erhöhen, andererseits werden Beschäftigte, die mehrfachbeschäftigt sind, vermutlich ihre Arbeitsbelastung reduzieren. Die ersten Effekte werden jetzt im Jahr 2020 zu beobachten sein, bis 2019 wird der Trend zu mehr Beschäftigungsverhältnissen durch erneutes Wachstum im Teilzeitbereich anhalten. Gleichzeitig wird in diesem Jahr vermutlich ein spürbarer Druck durch eine größere Zahl von Renteneintritten auf dem Arbeitsmarkt zu verzeichnen sein.

Mengenentwicklung in der Heilmittelversorgung 2. Quartal 2019

Mengenentwicklung in der Heilmittelversorgung 2. Quartal 2019

Versorgungsmonitor Heilmittel

Auf Basis der Daten des GKV Heilmittelinformations-Systems (HIS) werden an dieser Stelle regelmäßig quartalsbezogen Trends in der Heilmittelversorgung dargestellt. Im Hinblick auf das tatsächliche Versorgungsgeschehen werden dabei vorrangig die Mengenentwicklungen betrachtet. Relevante Bezugsgrößen sind zu diesem Zweck die Anzahl der Verordnungen, die Anzahl der Behandlungseinheiten insgesamt und die Anzahl der Behandlungseinheiten pro 1000 Versicherten.

Grundlage des GKV-HIS sind die von den Leistungserbringern übermittelten und anonymisierten Datensätze gemäß § 302 SGB V vor Prüfung und Zahlbarmachung durch die Krankenkassen.                                                                                                              

https://www.gkv-heilmittel.de/fuer_vertragsaerzte/das_his_projekt/das_his_projekt.jsp

 

Aktuell: 2. Quartal 2019

Im ersten und zweiten Quartal 2019 sind bundesweit die Anzahl der Verordnungen und der Behandlungseinheiten in allen Heilmittelbereichen deutlich gestiegen, erstaunlicherweise ausgehend von einem Tiefstand im 4. Quartal 2018. Auffällig ist der große regionale Unterschied in der Versorgung. Während die Behandlungseinheiten pro 1000 Versicherten in Hamburg in allen Heilmittelbereichen im 2. Quartal leicht gegenüber dem Vorjahr rückläufig waren, gab es in den östlichen Bundesländern einen deutlichen Zuwachs. So stiegen beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern die Behandlungseinheiten pro 1000 Versicherten in Podologie um 30% (Physiotherapie +16,3%, Ergotherapie 17,3%, Logopädie 17,3%). Ob sich hieraus eine Trendwende für die Versorgung nach einem zuletzt deutlichen Rückgang der Behandlungsmengen ableiten lässt, oder ob nicht eher viele Verordnungen vor dem Inkrafttreten der bundeseinheitlichen Höchstpreise zum 1.7.2019 ( https://www.gkv-heilmittel.de/fuer_heilmittelerbringer/heilmittelpreise/heilmittelpreise.jsp) vorgezogen wurden, wird sich zeigen, wenn auch die Zahlen für das 3. Und 4. Quartal veröffentlicht werden.