Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Heilmittelversorgung

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Heilmittelversorgung

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Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Heilmittelversorgung in Deutschland

Zusammenfassende Analyse, Lösungsansätze und Ausblick auf mögliche Herausforderungen in der Heilmittelversorgung

Einleitung

Um die Auswirkungen, die die Situation in der Heilmittelversorgung mit Beginn der ersten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf die Berufsangehörigen hatten, besser einschätzen zu können, ist zunächst ein kurzer Rückblick erforderlich. Seit 2014 machten Heilmittelerbringer immer wieder auf die prekäre Situation in ihren Berufen aufmerksam. Anfang des Jahres 2019 wurde die wissenschaftliche Auswertung der Brandbriefe, die im Rahmen des Aktionsbündnisses “Therapeuten am Limit” die Probleme im Bereich der Heilmittelversorgung beschrieben, durch Frau Prof. Dr. Heidi Höppner und Eva-Maria Beck präsentiert (Höppner, Beck,2019).

Unterversorgung durch Fachkräftemangel, fehlende Hausbesuchskapazitäten, komplexe Versorgungssituationen, Fehlsteuerung, problematische Therapiezeittaktung und Vereinzelung in ambulanten Praxen waren Themen, die in den Brandbriefen sehr häufig beschrieben wurden (Höppner, Beck,2019). Die Forscherinnen konnten das hohe Maß an Frustration und Resignation in der jeweiligen beruflichen Situation herausstellen und plädierten eindringlich für vertrauensbildende Maßnahmen, „…um die im Prinzip als attraktiv und äußerst sinnhaft erlebte Arbeit zu sichern und in ihrer Bedeutung für das Gesundheitssystem und für die Bevölkerungsgesundheit aufzuwerten.“ (ebenda).

Die Politik reagierte und es wurden unterschiedliche Maßnahmen getroffen, um die Attraktivität der Berufe anzuheben, Verbesserungen sollten schnell erlebbar werden.

Die Probleme, die durch die Corona-Krise entstanden, trafen folglich im Heilmittelbereich auf einen Versorgungszweig, in dem die Leistungserbringer sich gerade erst umfangreiche Veränderungen erkämpft hatten.

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Problembereiche

Obgleich die Corona-Krise erst wenige Wochen besteht, lassen sich schon jetzt unterschiedliche Problembereiche analysieren.

 

Informationsdefizite – die fehlende Stimme im System

Sehr schnell kam es zu einem starken Rückgang der Nachfrage nach therapeutischen Leistungen und damit einhergehend zu einem Umsatzrückgang aus Sicht der Praxen und einer geringeren Versorgung aus Sicht der Patienten. Für diese Entwicklung gab es vielfältige Gründe. In jeder Umfragewoche wurde als Hauptgrund für Terminausfälle die vorsorgliche Absage durch Patienten angegeben, obwohl keine Erkrankung akut vorlag. Dabei kam es teilweise zu erheblichen Verwirrungen aufgrund falscher Meldungen auch seitens der Gesundheitsbehörden. Regionale Gesundheitsbehörden hatten dabei ebenso große Schwierigkeiten Heilmittelleistungen richtig den systemrelevanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zu zuordnen, wie einige Landesbehörden. In der Summe führte dies zu einer erheblichen Verunsicherung von Therapeut*innen und Patient*innen gleichermaßen.

In den Praxen übernahm man aber auch selbständig die Verantwortung und sagte Termine in Absprache mit den Patient*innen ab, wenn dieser zu einer Risikogruppe gehörten.

In Pflegeeinrichtungen wurde im Rahmen des allgemeinen Besuchsverbotes häufig auch den Therapeut*innen der Zugang verwehrt. In der Folge besteht aktuell eine gravierende Unterversorgung bei dieser vulnerablen Patientengruppe.

Gerade zu Beginn der Krise gab es Unsicherheiten bezüglich der erforderlichen Schutzmaßnahmen. Auch hier wurden teilweise unterschiedliche Empfehlungen, beispielsweise ob und in welchen Fällen ein Mund-Nase-Schutz für Behandler und Patienten gleichzeitig angeraten sei, veröffentlicht. An den Ergebnissen der von uns durchgeführten Umfragen lässt sich sehr gut ablesen, dass in der ambulanten Heilmittelversorgung sehr schnell ein Lernprozess eingesetzt hatte und in den Praxen erhöhte Hygienemaßnahmen umgesetzt wurden. Gleichzeitig stellte die Versorgung mit entsprechendem Schutzmaterial und Desinfektionsmitteln die Therapeut*innen vor große Herausforderungen. Die Verteilung an die Praxen war nicht geregelt und gilt immer noch gegenüber anderen Versorgungsbereichen als nachrangig.

Trotz der offiziellen Zuordnung der Heilmittelversorgung zu dem systemrelevanten Teil der Gesundheitsversorgung kam es häufig zu Problemen bei der Kinderbetreuung der Berufsangehörigen. Teilweise wurde eine Betreuung erst nach längerer Diskussion bewilligt, teilweise aber auch bis heute abgelehnt.

Die beschriebenen Probleme zeigen deutlich, dass die Heilmittelversorgung an unterschiedlichen Stellen im System immer noch nicht mitgedacht wird. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Heilmittelversorgung mit einem Umsatz von knapp 7,4 Milliarden Euro 2018 (GKV-HIS 2018) allein im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung einen nicht unbedeutenden Wirtschaftszweig darstellt und auch mit knapp 37 Millionen Verordnungen einen wichtigen Anteil an der Patientenversorgung hat, muss man sich die Frage stellen, warum ganz objektiv noch immer eine wahrnehmbare Stimme dieses wichtigen Bereiches im System der Gesundheitsversorgung fehlt. Insbesondere für die Zukunft sollte daraus abgeleitet werden, dass eine einheitliche und verlässliche Informationsstrategie erforderlich ist, um auf ähnliche Herausforderungen reagieren zu können. Zusätzlich ist zu empfehlen die strukturellen Bedingungen der Berufsstandvertretung und deren Einbindung in die Selbstverwaltung wertfrei zu analysieren und gegebenenfalls zu modernisieren.

Wertschätzung – die Kommunikation mit einem Berufsstand

Wenn schon die Einordnung von therapeutischen Leistungen in den Bereich Körperpflege oder Wellness durch einige Landesbehörden erstaunten, so wirft die offizielle Kommunikation des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesgesundheitsministers mit dem Berufsstand zusätzlich Fragen auf.

Die Frage nach einer wie auch immer gearteten Wertschätzung und deren Einforderung mag im Zusammenhang mit der Patientenversorgung überraschen, lässt sich aber mit den in der Einleitung aufgeführten Punkten mit dem Wort „Berufsflucht“ zusammenfassend erklären.

Schon vor der Krise bestand ein gravierender Fachkräftemangel, der vielfach auch durch eine zunehmende Berufsflucht erklärt wurde. In der Krise entstand sehr schnell das Gefühl bei den Berufsangehörigen, wieder vergessen zu werden. Nach dem öffentlichen Aufruf der Berufsverbände, Medien und Politik massiv mit der finanziellen Not der Therapeut*innen zu konfrontieren, verstärkte sich dieses Gefühl deutlich. Immerhin riefen jetzt auch Verbände zum öffentlichen Protest auf, die dies bisher immer vermieden hatten.

Erst nach massiven öffentlichem Druck wurden die Heilmittelerbringer in einen zweiten Rettungsschirm mit aufgenommen. Therapeutinnen und Therapeuten haben jedoch spätestens jetzt gelernt, dass man um jede Verbesserung auch in Zukunft bangen und kämpfen muss. Durch diesen Lernprozess besteht die Möglichkeit einer verstärkten Flucht aus den Therapieberufen, insbesondere dann, wenn die Beschäftigten durch Kurzarbeit und Wegfall von Nebentätigkeiten die eigentlichen Verlierer der Krise bleiben.

Durch eine bessere Kommunikationsstrategie seitens der Bundesregierung hätte diese Verunsicherung der Gesundheitsfachberufe vermieden werden können.

Abhängigkeiten – wann ist eine Behandlung medizinisch erforderlich?

Nach §32 SGB V haben Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung einen Anspruch auf Versorgung mit Heilmitteln. Die Grundlage dafür ist die ärztliche Verordnung. Daraus wurde zu recht vielfach abgeleitet, dass eine Heilmitteltherapie immer dann medizinisch erforderlich ist, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt.

In der Auswertung der Umfragen zeigt sich, dass der Anteil von Praxen, die als Ausfallgrund ausbleibende Verordnungen angaben, wöchentlich gestiegen ist. Grund für die ausbleibenden Verordnungen war auch eine Schließung oder Überforderung der ärztlichen Praxen (Abb.1)

Abb.1 Fehlende Verordnungen als Ausfallgrund

Daraus lässt sich die Frage ableiten, ob eine fehlende Verordnung auch gleichzeitig bedeutet, das eine Behandlung nicht medizinisch erforderlich ist. Zur Beantwortung dieser Frage müsste ausführlich darüber diskutiert werden, dass der ärztlichen Verordnung auch eine Nutzen-Risiko-Bewertung vorausgeht. Lässt sich der Versorgungsanspruch auch unter dem Gesichtspunkt einer eventuell höheren Ansteckungsgefahr rechtfertigen? Diese Frage wird aktuell sicherlich sehr wohl mit beachtet, wenn Heilmittelverordnungen ausgestellt werden. Doch was ist in den Fällen, in denen eine ärztliche Verordnung nicht erreichbar ist für die Patienten? Dies kann durch fehlende Kapazitäten in der ärztlichen Versorgung der Fall sein, oder durch fehlende Inanspruchnahme der Patienten, die auf einen Arztbesuch verzichten, weil sie eine Ansteckung befürchten.

Dieser plötzliche Nachfragerückgang wird auch in anderen Leistungsbereichen gerade beobachtet. In einem offenen Brief an Bundesforschungsministerin Karliczek wiesen am 8. April Fachgesellschaften darauf hin, dass die Zahl der Krankenhausaufnahmen von Patienten mit akuten Herzbeschwerden, insbesondere lebensbedrohlichen Herzinfarkten oder Herzklappenerkrankungen, dramatisch zurückgegangen ist (Zeiher et al., 2020).

Die Ministerin selbst wies bereits am 2. April darauf hin, dass sich speziell Krebspatienten Sorgen um die Qualität ihrer Behandlung machen (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2020).

Wenn es also schon in Bereichen von potentiell lebensbedrohlichen Indikationen zu einem deutlichen Rückgang der Nachfrage kommt, so wird dies im Bereich der Heilmittelversorgung ebenfalls zu vermuten sein, wahrscheinlich in einem noch sehr viel größeren Umfang und regional sehr unterschiedlich.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch klar, dass eine fehlende Verordnung nicht automatisch auf eine fehlende medizinische Notwendigkeit zurückzuführen ist. Vielmehr wird die Versorgung von Patienten mit Heilmitteln vor eine große Herausforderung gestellt, denn es ist zu vermuten, dass ein sehr hoher Bedarf entsteht, der dann gedeckt werden muss, wenn die Lockerungen der Kontaktverbote dies zulassen. Als Engpass für die Versorgung lässt sich die ärztliche Verordnung definieren. Aus Sicht der Versorgung wäre sehr nachlässig, wenn bei der Frage der Optimierung von Behandlungspfaden und damit auch einer Vermeidung von Pflegezeiten oder Reduzierung von Krankheitstagen weiterhin die RessourceTherapeutnicht genutzt wird, wenn schon die Ressource „Arzt“ immer knapper verfügbar ist. Gerade jetzt in der Krise und zur Bewältigung der Herausforderungen, die nachfolgen werden, darf die Frage nicht mehr sein, warum etwas nicht funktioniert, sondern wie ein klar definiertes Ziel erreicht werden kann. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass Therapeut*innen sehr wohl selbst und in enger Kooperation mit den Patienten und anderen Gesundheitsfachberufen, abschätzen können, wann eine Behandlung medizinisch sinnvoll ist.

Herausforderungen für die Versorgung nach Aufhebung der Kontaktverbote

Aus den Vorbemerkungen wird deutlich, dass die Versorgung durch das Nachfrageverhalten der Patient*innen vor Herausforderungen gestellt wird, die noch nicht in vollem Umfang abzuschätzen sind. Grundsätzlich sind unterschiedliche Szenarien denkbar, die das Angebot und die Nachfrage von therapeutischen Leistungen nach einer Lockerung oder einer Aufhebung der Kontaktbeschränkungen betreffen. Auf der Angebotsseite wäre im Idealfall eine im Vergleich zum Februar gleichbleibende Angebotsstruktur denkbar. Je nach Dauer und Schwere des Pandemieverlaufs werden entsprechend Strukturen wegbrechen. Auch auf der Nachfrageseite sind die Auswirkungen nicht genau zu benennen. Objektiv besteht eine deutliche Unterversorgung und somit wird es wahrscheinlich mit Aufhebung der Kontaktverbote zu einer erhöhten Nachfrage nach Leistungen in allen Versorgungsbereichen kommen. Die Ausprägungen dieser Nachfrageentwicklung sind von vielen, auch regional bedingten, Faktoren abhängig und werden sehr unterschiedlich verlaufen.  Möglicherweise werden trotzdem Gruppentherapien, Reha-Sport und Präventionsmaßnahmen bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffes allein durch eine veränderte Inanspruchnahme der Patient*innen nicht mehr angeboten werden können, oder es kommt sogar zu einem weiteren Durchführungsverbot für diese Maßnahmen.

Je nach Struktur der ärztlichen Versorgung ist zu erwarten, dass die ärztliche Verordnung für eine Heilmitteltherapie einen deutlichen Versorgungsengpass darstellen wird. Auch hier werden die Ausprägungen regional sehr unterschiedlich sein und können selbst in Nachbar-Gemeinden oder -Kreisen sehr stark variieren. Diese Situation kann durch eine völlig unterschiedliche Zahl an Covid-19 Erkrankten zusätzlich beeinflusst werden.

Auch bei einem verhältnismäßig milden Verlauf der Pandemie ist es wahrscheinlich, dass ein gewisser Reorganisationsprozess einsetzen wird. Die unterschiedlichen Versorgungsstrukturen müssen sich „erholen“. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die an der Belastungsgrenze gearbeitet haben, brauchen ebenso eine Phase der Erholung, wie solche, die vielleicht selbst erkrankt sind.

Fraglich ist, ob die bisherige Systematik der Heilmittelversorgung den zumindest temporär veränderten Bedarfen nach Aufhebung der Kontaktverbote noch gerecht werden kann. Dabei könnten die Varianten Blankoverordnung und Direktzugang als Lösungsmöglichkeiten dienen. Die Blankoverordnung als Regelfall der Versorgung würde den Therapeut*innen die erforderliche Flexibilität in der Behandlungsplanung ermöglichen und unnötige Bürokratie vermeiden. Der Direktzugang könnte als regionaler Sonderfall helfen, die Versorgung sicher zu stellen. Solche Maßnahmen müssten jetzt zeitnah vorbereitet werden, ausreichend Expertise ist im System vorhanden, um ein solches Projekt erfolgreich zu gestalten.

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Fazit:

Die Corona-Krise zeigt wie unter einem Brennglas die Probleme innerhalb der Heilmittelversorgung in Deutschland. Objektiv stellt gerade die bisherige Systematik der Heilmittelversorgung hohe Hürden für eine bedarfsgerechte, wohnortnahe Versorgung der Patientinnen und Patienten mit notwendigen Heilmitteln dar, wenn es nach einer Lockerung der Kontaktverbote absehbar zu einem deutlichen Anstieg der Versorgungsbedarfe kommt. Abzuwarten bleibt, ob die Akteure die Herausforderung annehmen und gemeinsam die notwendigen Maßnahmen ergreifen, oder ob alte Verhaltensmuster weiterhin die Versorgungsrealität bestimmen werden. Eventuell könnte die Einrichtung eines unabhängigen Heilmittelkrisenstabes, in dem die Patientenperspektive mit abgebildet wird, helfen, um zukünftig ähnlichen Herausforderungen besser begegnen zu können.

Die Sicherstellung der Versorgungsstrukturen muss höchste Priorität besitzen. Dabei ist zu beachten, dass die Mitarbeiter, die letztendlich einen hohen Beitrag zur Sicherstellung der Versorgung leisten, durch Kurzarbeit in einem Niedriglohnbereich stark von der Krise betroffen sind.

Abgeleitete Empfehlungen zur Sicherstellung der Heilmittelversorgung:

  • Priorität für die Versorgung von Heilmittelpraxen mit Schutzmaterialien erhöhen, Zuteilung sicherstellen und Ausgaben tatsächlicher Höhe erstatten.
  • Formulierung einer einheitlichen Informationsstrategie, um Verunsicherungen zu vermeiden.
  • Vorbereitungen für schnell ansteigende, regional unterschiedliche Versorgungsbedarfe
  • Versorgungsstrukturen schützen und  erhaltenBerufsflucht vermeiden.

Quellenangabe

Bundesministerium für Bildung und Forschung; (2020), Karliczek: Neue Task-Force will Behandlung von Krebspatienten trotz Corona-Pandemie sichern, Pressemitteilung, online:

https://www.bmbf.de/files/2020_04_02_039%20PM_Krebs_Corona.pdf

14.04.2020

Höppner, H; Beck, E-M; (2019), Therapeutinnen am Limit verstehen, pt  Z. f. Physiotherapeuten, Pflaum Verlag, online:

https://physiotherapeuten.de/artikel/therapeutinnen-am-limit-verstehen/,

14.04.2020

Zeiher, A; Gummert, J; Haas, N; Andresen, D; (2020), „Lebensbedrohliche Herzerkrankungen nicht ignorieren – Notfallversorgung ist gewährleistet!“, offener Brief an Bundesforschungsministerin Karliczek, online: https://dgk.org/daten/schreiben_herzmedizin_an_mdb_karliczek.pdf, 14.04.2020

 

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Presse und Medien

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Notversorgung oder Praxisschließung?

Notversorgung oder Praxisschließung?

Notversorgung oder Praxisschließung – das aktuelle Dilemma in der Heilmittelversorgung

Nach wie vor herrscht große Unsicherheit unter den Therapiepraxen in Deutschland. Wir versuchen die aktuelle Situation nochmals zu beschreiben.

Unsicherheit bleibt bestehen

In den letzten Jahren haben die Gesundheitsberufe immer wieder auf sich aufmerksam gemacht und ihre Bedeutung für die Gesundheitsversorgung hervorgehoben. Dieser Aspekt darf bei der aktuellen Debatte um Praxisschließungen nicht vergessen werden. Völlig zu Recht haben die Therapieberufe auf ihre Bedeutung für die Patientenversorgung hingewiesen, daran hat sich auch unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie nichts geändert.

Nach wie vor gibt es Patienten, die dringend eine Therapie benötigen und es wäre ein fatales Zeichen, wenn diese Patienten sich in der aktuellen Situation Hilfe in Krankenhäusern suchen müssten, weil die ambulante Versorgung wegbricht. Viele Praxen stehen also vor dem Problem, wie sie die Versorgung zumindest in diesen dringenden Fällen aufrechterhalten können. Die Problemstellungen sind dabei so vielfältig wie individuell. Teilweise sind die erforderlichen Schutzmaßnahmen nicht bekannt, die Behandler im Umgang damit nicht geschult, Materialien nicht lieferbar oder alles gleichzeitig trifft zu.

Hinzu kommen Probleme mit der Betreuung der eigenen Kinder, oder sogar eigene Vorerkrankungen, die die TherapeutInnen selbst zu einer Risikogruppe zugehörig macht. Finanzielle Unwägbarkeiten, eine Fülle von teils konträren Informationslagen und sogar von offizieller Seite verwirrende Informationen runden das Gesamtpaket ab. So hatte der Kreis-Nordfriesland am 17.3. zunächst eine Schließung von Physiotherapiepraxen verkündet und musste diese Einordnung dann selbst wieder zurücknehmen, weil man einen entsprechenden Erlass der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung falsch interpretiert hatte. Zudem werden Onlinepetitionen zur Schließung von Praxen durchgeführt und manche Therapeuten rufen gar zum Generalstreik auf. Insgesamt zeichnet sich hier ein eher verheerendes Gesamtbild ab, das aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich ist, denn keiner der Beteiligten hat sich zuvor schon einmal in einer ähnlichen Situation befunden.

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Aktuelle Empfehlung des BED nach Rücksprache mit dem Robert-Koch-Institut

Aktuell hat der Bundesverband für Ergotherapie in Deutschland e.V. (BED) nach Rücksprache mit dem Robert-Koch-Institut eine Empfehlung für eine mögliche Schließung durch Gesundheitsbehörden herausgegeben.

Wir versuchen hier nochmals die Situation einzuordnen:

  • Heilmitteltherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung, der aktuell notwendige Umfang kann jedoch nur individuell bemessen werden.
  • Eine generelle Schließung von Praxen könnte zu einer zusätzlichen Belastung der stationären Versorgung führen.
  • Die notwendige Versorgung muss unter Beachtung besonderer Schutzmaßnahmen erfolgen. Diese Maßnahmen dienen dem Schutz der PatientenInnen, TherapeutInnen und der Gesamtbevölkerung.
  • Wir empfehlen die Übersicht des BED über notwendige Schutzmaßnahmen, die in Abstimmung mit dem Robert-Koch-Institut erfolgt sind. Nach Auskunft des BED wird von Seiten des RKI in den nächsten Tagen auch noch eine gesonderte Empfehlung für Therapiepraxen veröffentlicht.
  • Selbständigen und PraxisinhaberInnen muss die Möglichkeit gegeben sein, individuell auf ihre Situation bezogen eine Praxisschließung durch die örtlichen Gesundheitsbehörden erwirken zu können, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, die empfohlenen Schutzmaßnahmen umzusetzen.
  • Wir empfehlen in diesem besonderen Fall die Formulierungshilfe des BED für den schriftlichen Kontakt mit der zuständigen Gesundheitsbehörde.
  • Für die Ermittlung der jeweils zuständigen Behörde empfehlen wir die Suchfunktion des RKI
  • Die Leistungserbringer brauchen schnelle und unbürokratische Hilfen, um die Liquidität aufrechterhalten zu können. Hierzu gibt es bereits mehrere Initiativen, wie z.B. den Vorschlag von Dr. Roy Kühne für einen Rettungsschirm: Rettungsschirm_Therapiepraxen_Kühne_20200316

 

Wir werden an dieser Stelle weiter über aktuelle Entwicklungen berichten und weisen gern schon einmal auf eine aktuelle Umfrage am kommenden Samstag, den 22.03. hin.

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Aktuelle Situation in der Heilmittelversorgung – 17.03.2020

Aktuelle Situation in der Heilmittelversorgung – 17.03.2020

Aktuelle Situation in der Heilmittelversorgung Stand 17.03.2020

Unsere aktuelle Umfrage in Betrieben der Heilmittelversorgung zeigt, dass es schon in der letzten Woche zu deutlichen Therapieausfällen gekommen ist. Für die Woche vom 9.-14. März würden wir aufgrund der Daten die Ausfälle mit 20 bis 25% durchschnittlich beziffern. Am kommenden Wochenende starten wir dazu eine neue Befragung, um ein aktuelles Bild zu bekommen.

Doch die Probleme in der Heilmittelversorgung scheinen aktuell noch tiefgreifender zu sein. Sehr viele TherapeutInnen oder PraxisinhaberInnen machen sich große Sorgen um die Sicherheit ihrer Patienten. Aktuell wird als zweithäufigster Grund für Therapieausfälle angegeben, dass Terminabsagen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten geplant werden, insbesondere dann, wenn es um Risikopatienten oder auch deren Angehörige geht.

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Robert - Koch - Institut stuft Gesundheitsrisiko "hoch" ein

Das Robert-Koch-Institut hat heute seine Risikoeinschätzung für Deutschland auf „hoch“ heraufgesetzt. Viele TherapeutInnen fühlen sich verpflichtet im Sinne des Schutzes der Bevölkerung zu handeln und ihren Beitrag zu leisten, die Kurve von Neuinfektionen möglichst flach zu halten.

Dilemma in der Versorgungsrealität

Auf Anweisung der Bundesregierung sind alle Einrichtungen des Gesundheitswesens offen zu halten und besondere Hygienemaßnahmen zu beachten. Nimmt man den Stellenwert der Therapieberufe innerhalb der Gesundheitsversorgung ernst, so ist die Intention der Bundesregierung zur Aufrechterhaltung der Versorgung auch auf den Heilmittelbereich übertragbar. In der aktuellen Versorgungsrealität gibt es zwei unterschiedliche Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Auf der einen Seite steht der berechtigte Anspruch der TherapeutInnen die PatientInnen und auch sich selbst vor den Folgen einer Ausweitung der Corona-Pandemie zu schützen. Auf der anderen Seite gilt der professionelle Anspruch an diese Berufsgruppen zur Aufrechterhaltung der Versorgung, wohlgemerkt dort, wo es sinnvoll ist. Augenscheinlich ist dieses Dilemma neu, vielleicht auch deshalb, weil die Heilmittelberufe noch nicht richtig in der Gesundheitsversorgung verortet sind und mitgedacht werden. Aus Patientensicht ist die Auflösung des Dilemmas etwas einfacher. Das Robert-Koch-Institut rät zur Einhaltung besonderer Hygienemaßnahmen. Die TherapeutInnen müssen durch Schulungen und konkrete Handlungsempfehlungen in die Lage versetzt werden diese Maßnahmen umzusetzen und damit die Versorgung aufrecht zu erhalten. Ebenso müssen entsprechende Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung bevorzugt für Betriebe zugänglich gemacht werden. Wenn dann TherapeutInnen trotzdem Verantwortung übernehmen und Betriebe schließen oder nur noch in sehr kleinem Umfang weiter betreiben, weil sie wissen, dass sie diese notwendigen Schutzmaßnahmen nicht einhalten können, so muss diese Entscheidung individuell möglich bleiben.

Gleichzeitig ist klar, dass die Heilmittelversorgung aufgrund der hohen Ausfallquoten nur noch eine Art Notversorgung darstellen wird. Dies wird ein entsprechendes Liquiditätsproblem für die Betriebe zur Folge haben, dessen Umfang bisher niemand vorhersehen kann. In wie weit Maßnahmen, wie das Kurzarbeitergeld hier helfen, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen.

Rettungsschirm für Heilmittelbetriebe

MdB Dr. Roy Kühne hat heute einen Vorschlag für einen Rettungsschirm vorgelegt, der sicher eine gute Grundlage bieten würde, die Liquidität der Heilmittelbetriebe vorläufig zu sichern. Der Vorschlag hat den Vorteil, dass er sehr schnell umsetzbar wäre, da die entsprechenden Mittel abrufbar sind. Zudem würden die vielen Solo-Selbständigen, die einen großen Beitrag zur Sicherung der Versorgung leisten, ebenfalls davon profitieren.

Einen Nachteil hat der Vorschlag, denn das Liquiditätsproblem wird nur auf die Zukunft verteilt und dadurch abgemildert. Wenn wir davon ausgehen, dass die Ausfälle nur einen relativ kurzen Zeitraum umfassen, ist diese Verlagerung kein Problem. Dauern die Ausfälle über Monate an, so wird aus dem anfänglichen Liquiditätsproblem ein nachhaltiges Rentabilitätsproblem.

Ein Rettungsschirm ist folglich absolut zu begrüßen, allerdings muss explizit an die Möglichkeit einer Nachjustierung gedacht werden, wenn die Auswirkungen der aktuellen Situation abzusehen sind. Hier sind insbesondere die Kostenträger gefordert den Schutz von Versorgungsstrukturen ernst zu nehmen. Es wäre in diesem Zusammenhang zu diskutieren, ob eine Bereitstellungspauschale für die strukturelle Sicherung der Praxen hier Abhilfe schaffen kann. Krankenkassen könnten dann diese Bereitstellungs- oder Sicherstellungspauschale von den Rückzahlungen der Betriebe abziehen und so ein Rentabilitätsproblem minimieren. Ebenso wäre eine Beteiligung des Bundes denkbar, um die finanziellen Belastungen möglichst gering zu halten.

Regelungen zur Fristüberschreitung reichen nicht aus

Die Krankenkassen haben sich ihrerseits aktuell darauf verständig, das Problem von Fristüberschreitungen bei Heilmittelverordnungen zu vermeiden, indem auf die Prüfung dieser Fälle zunächst verzichtet wird. Dieser Schritt ist zu begrüßen, da die Krankenkassen das Problem sehen und proaktiv lösen möchten. Aber gerade weil es zu Liquiditätsproblemen in den Praxen kommt, wären diese vielleicht besser beraten, aktuell unterbrochene Verordnungen zu beenden und abzurechnen. Zudem bleibt das generelle Problem der fehlerhaft ausgestellten Verordnungen bestehen.

Weiterhin müssen Patienten oder TherapeutInnen fehlerhafte Verordnungen in den Arztpraxen korrigieren lassen, was in der aktuellen Situation wieder ein massiv erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Zum Schutz der Versicherten und zur Entlastung speziell der Arztpraxen wäre ein Verzicht auf Prüfung und Retaxierung von Heilmittelverordnungen angemessen.

Unsere Empfehlungen zum Schutz der Versorgungsstrukturen in der Zusammenfassung:

  • Besondere Hygienemaßnahmen müssen nachvollziehbar beschrieben sein.
  • Abläufe der Hygienemaßnahmen müssen klar formuliert werden.
  • Der Zugang zu entsprechenden Materialien muss sichergestellt werden.
  • Die individuelle Entscheidung von TherapeutInnen zum Eigenschutz und zum Schutz der Bevölkerung Praxen nur eingeschränkt zu betreiben, oder ganz zu schließen darf keine finanziellen Nachteile bedingen.
  • Ein Rettungsschirm zur Sicherung der Liquidität und damit der Versorgungsstrukturen ist unter der Berücksichtigung einer möglichen Nachjustierung schnellstmöglich einzurichten. Eine Beteiligung des Bundes könnte ein späteres Rentabilitätsproblem der Praxen vermeiden.
  • Die formale Prüfung und Retaxierung von Heilmittelverordnungen muss ausgesetzt werden.

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Krisenmanagement in der Heilmittelversorgung

Krisenmanagement in der Heilmittelversorgung

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Krisenmanagement in der Heilmittelversorgung muss jetzt Finanzhilfen und Aussetzung von Prüfpflicht und Retaxierungen beinhalten.

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Wöchentliche Kurzumfrage zur Situation der Heilmittelversorgung

Wir starten Samstag den 14.03.2020 eine Kurzumfrage die als Serie wöchentlich wiederholt wird. Wir möchten damit die Situation der Patientenversorgung durch Heilmittel darstellen.

Hier geht es zur Umfrage:

Kurzumfrage: Auswirkungen des Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung

Durch die aktuelle Situation in Bezug auf COVID – 19 wird auch die Versorgung im Heilmittelbereich vor große Herausforderungen gestellt.
Gerade die Versorgung von Risikopatienten bedarf einer sehr genauen und individuellen Betrachtung. Dies kann von besonderen Schutzmaßnahmen einzelner Räume bis zur Planung von Hausbesuchen mit entsprechenden Vorbereitungen gehen. Gerade bei der Einhaltung von Fristen kann es so zu vielen Problemen kommen, beispielsweise wenn Quarantäne-Vorschriften eingehalten werden müssen.

Aussetzen der Prüfpflicht zur Entlastung der Patientenversorgung

Ein Aussetzen der Prüfpflicht würde hier die Therapiepraxen entlasten und vor allen Dingen unnötige Kontakte speziell in den Arztpraxen vermeiden. Es ist nicht zwingend logisch Schulen zu schließen und zu einem Verzicht auf soziale Kontakte aufzurufen und gleichzeitig ein absehbar größeres Korrekturvolumen für Heilmittelverordnungen zu tolerieren.

Zusätzlich würde eine zumindest zeitliche begrenzte Aussetzung von Retaxierungen, die durch den Verzicht von Prüfungen automatisch notwendig wird, den Therapiepraxen etwas mehr Planungssicherheit in einer ohnehin schwierigen Finanzsituation garantieren.

Gerade im Bereich der Heilmittelversorgung sind die Leistungserbringer in der Vergangenheit kaum in der Lage gewesen, Rücklagen zu bilden und dementsprechend besonders anfällig, wenn durch äußere Umstände plötzlich massiv Umsätze einbrechen. Krankenkassen sollten erkennen, dass in dieser Situation eine Erhöhung der Zahlungsfrist für Heilmittelrechnungen auf 42 Tage eher kontraproduktiv ist.
Durch die zu erwartenden Umsatzeinbußen, die durch die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Neuerkrankungen mit dem Sars-CoV-2 Virus zwangsläufig zu erwarten sind, darf nicht die Existenz der meist kleinen Therapiebetriebe gefährdet werden, denn diese bilden die Grundstruktur für eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Patientenversorgung.
Verdi hat in einer aktuellen Veröffentlichung auf die Situation der Solo-Selbständigen hingewiesen, die sich in vielen Punkten auf kleine Praxen überragen lässt.

Politik und Heilmittelverbände sind hier gefordert Regelungen für bereits in Aussicht gestellte Finanzhilfen zu treffen und diese möglichst unbürokratisch und verlässlich den Leistungserbringern zukommen zu lassen. Einheitliche und verlässliche Informationen dazu sind besonders wichtig.

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Lösungsvorschlag: Positivliste zur fehlerfreien Ausstellung von Heilmittelverordnungen

Lösungsvorschlag: Positivliste zur fehlerfreien Ausstellung von Heilmittelverordnungen

Bei der Umsetzung der Vorgaben der Bundesregierung zur Vermeidung von falsch ausgestellten Heilmittelverordnungen, die bereits 2015 im GKV Versorgungsstärkungsgesetz festgeschrieben wurden, scheint es noch immer Probleme zu geben.

Bis zu 10 Millionen Heilmittelverordnungen müssen jährlich korrigiert werden. Dies stellt neben der Belastung für Patienten, Therapeuten und Ärzte eine unverhältnismäßige Ressourcenverschwendung dar.
Um eine möglichst schnelle Lösung zu erhalten und weitere Probleme in der Patientenversorgung zu vermeiden schlagen wir eine Positivliste vor, die konkret die Sachverhalte aufzählt, die zukünftig noch seitens der Kostenträger geprüft werden können.
Detaillierte Informationen erhalten Sie über den folgenden kostenlosen Download:

Positivliste