Ergebnisoffene Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026 – Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

Ergebnisoffene Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026 – Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

Prof. Dr. Heidi Höppner - ASH Berlin

Frau Prof. Dr. Heidi Höppner ist seit 2002 Professorin für Physiotherapie und engagiert sich seitdem für eine zukunftsorientierte Ausbildung und entsprechende hochschulische Rahmenbedingungen.

Seit 2012 ist sie im primärqualitativen Studiengang Physio- Ergotherapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Ihr Kommentar zum vorgelegten Referentenentwurf und zur „ergebnisoffenen Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026“.

Hintergrund:

Im sogenannten Omnibusgesetzes mit dem Namen „Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (Gesundheitsversorgungsentwicklungsgesetz – GVWG)“.  Unter Abschnitt II.26 auf S. 49 heißt es im Wortlaut:

„Die Modellklauseln zur Erprobung von akademischen Ausbildungsangeboten in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie werden bis Ende 2026 verlängert. Derzeit sind sie bis Ende 2021 befristet. Die Verlängerung ermöglicht den Ländern, gewachsene Strukturen akademischer Erstausbildungen zunächst fortzuführen.

Die bestehenden Modellstudiengänge können gegebenenfalls ein wichtiger Baustein sein, um reguläre akademische Ausbildungsangebote aufzubauen. Vor diesem Hintergrund ist die Verlängerung der Modellklauseln Voraussetzung für eine ergebnisoffene Entscheidungsfindung, ob und wenn ja in welcher Ausgestaltung die jeweilige Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie akademisiert werden soll.“

Primärqualifizierendes Studium auf die lange Bank geschoben

Mich trifft sehr, dass Innovation bewusst ausgebremst wird. Konkret bedauere ich, dass im Falle der weiteren Verlängerung, Hochschulen mit all den seit Jahren Engagierten weiter hingehalten und (potentielle) Studierende verunsichert werden. Denn, der Ausgang ist lt. Entwurf ergebnisoffen. Für mich ist das eine Farce.

Alle Ziele, die mit einem primärqualifizierenden Studium, also einem für die Berufsausübung vorbereitendem Studium, verbunden sind, werden somit auf die lange Bank geschoben und so die Zielerreichung gefährdet. Dabei stehen wir vor großen Aufgaben im System gesundheitlicher Versorgung und die therapeutischen Berufe sind aktuell gefordert. Worum es geht:

 

  • um eine notwendige wissenschaftliche Fundierung beruflicher Praxis und
  • Professionalisierung,
  • um die Einlösung einer gesetzlich geforderten Qualitätssicherung therapeutischer Leistungen,
  • um Kooperation aller Gesundheitsberufe und damit ein Ernstgenommen werden der Therapeut_innen als bedeutende Akteur_innen in der Gesundheitsversorgung sowie
  • um einen internationalen Anschluss an Forschung und Entwicklung seitens deutscher Therapieberufe und schlicht
  • um Attraktivität für den Nachwuchs.

Evaluationsergebnisse machen Mut für die Zukunft

Trotz und mit Corona: besonders trifft mich mit welcher Ignoranz das BMG unsere als positiv belegte Arbeit der letzten zehn Jahre zur Kenntnis nimmt.

Die Hausaufgaben an Hochschulen sind – unter schwierigen Bedingungen – gemacht. Evaluationsergebnisse machen Mut für die Zukunft und zeigen bereits jetzt offene Fragen.

Schon 2012 hat der Wissenschaftsrat sich in seinen Empfehlungen zur hochschulischen Qualifikation für das Gesundheitswesen – auch nach Anhörung von Expert_Innen aus der Versorgung – für die Einrichtung primärqualifizierender Studiengänge ausgesprochen.

Was ist in Deutschland das Problem?

Was jetzt passiert bedeutet einen erheblichen Innovationsstau in der Gesundheitsbildung der Therapieberufe. Mit diesem Vorschlag aus dem BMG wird Neues bewusst ausgebremst.

Die Frage sei gestattet: Was – bitte – ist in Deutschland das Problem? Warum entscheiden sich andere Länder (zuletzt Österreich und die Schweiz vor 15 Jahren) konsequent und geben somit Wege für Anpassungsprozesse der Gesundheitsfachberufe frei?

Verantwortung muss die Politik für das Tun und Lassen (!) übernehmen. Fakt ist: hier werden Chancen nicht ergriffen und Modellversuche vorgeschoben.

Ein konsequentes Ja zur Primärqualifikation an Hochschulen – jetzt!“ Der zitierte Titel meines Artikels ist nicht neu – er stammt bereits aus dem November 2016 – kurz vor der 1. Verlängerung der Modelle! Diese Forderung nach Entfristung der Modellklausel in den Berufsgesetzen gilt es heute deutlich vorzubringen.

09.11.2020

Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

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Digitalisierungsstrategie in der Heilmittelversorgung – Kommentar

Digitalisierungsstrategie in der Heilmittelversorgung – Kommentar

Ein Kommentar von GF Volker Brünger

Spätestens mit dem Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) ist klar, dass die Patientenversorgung in Zukunft immer mehr digitale Komponenten besitzen wird.

Mit der TAL gGmbH haben wir bereits viele Problemfelder in der Heilmittelversorgung herausgearbeitet. Seien es Themen wie alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen, Fachkräftemangel, interdisziplinäre Versorgung, alternative Zugangsformen, Herausforderungen der regionalen Versorgung, basisdemokratische Partizipation in der Berufspolitik oder ganz aktuell die besonderen Herausforderungen der Versorgung unter dem Einfluss der Corona-Pandemie: immer waren digitale Anwendungen ein wichtiger Teil der Lösungsansätze.

Barrieren abbauen – Vertrauen aufbauen

Gleichzeitig bestehen noch viele Barrieren für die Umsetzung einer erfolgreichen Digitalisierung in der Heilmittelversorgung. Die Diskussionen drehen sich vielfach um die Punkte, die nicht digital umgesetzt werden können. Kleinere Berufsgruppen geraten häufig aus dem Blick. So wird im DVG nur die Physiotherapie aus dem Bereich der Heilmittelversorgung genannt, der Bereich der logopädischen Versorgung hat jetzt in der Pandemie jedoch eindrucksvoll gezeigt, dass dort digitale Versorgungsangebote längst großflächig Teil der Therapie sein können.

Es muss den Entscheidern klar werden, dass ein mengenorientierter Verordnungskatalog wie der Heilmittelkatalog keine Antwort und keine Grundlage für eine moderne und qualitätsbezogene Heilmittelversorgung darstellt. Diese Versorgungssystematik steht als Rahmenkonstrukt einer besseren digitalen Versorgung entgegen.

“Wir bezahlen Qualität”

Digitale Versorgung ist immer auch Teil einer sehr individuellen Versorgung, deren Nutzen man speziell im Heilmittelbereich nicht unterschätzen darf. Ein solches Versorgungsmodell lässt sich jedoch nicht in einen Verhandlungsrahmen zwingen, der geprägt ist von der Angst vor Mengenausweitungen. Wenn von Seiten der Kostenträger der Satz „Wir bezahlen Qualität.“ ernst gemeint ist, so fehlt es dort objektiv bisher an Expertise für eine moderne Heilmittelversorgung.

Es versteht sich von selbst, dass in der Heilmittelversorgung ein großer Teil der Leistungen auch in Zukunft persönlich erbracht werden, digitale Anwendungen können hier jedoch helfen effektiver zu arbeiten, den Bürokratieaufwand reduzieren, Versorgungsforschung ermöglichen und auch den Therapieerfolg nachhaltig verbessern. Die Vorteile der Digitalisierung liegen auf der Hand.

Umfassende Digitalisierungsstrategie nötig!

Für eine Versorgung, die die Chancen der Digitalisierung effektiv nutzt, braucht es jetzt Akzeptanz, eine offene und auch öffentliche Debatte und eine umfassende Digitalisierungsstrategie. Dabei müssen alle Akteure mit einbezogen werden, zu denen selbstverständlich auch Patienten und Entwickler von digitalen Anwendungen gehören. Das Ziel muss sein, denjenigen, die digitale Versorgung bereits anbieten können, dies auch zu ermöglichen und klare Versorgungsziele zu definieren und Anreize zu schaffen.

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Heilmittel – Die Stunde der Selbstverwaltung

Heilmittel – Die Stunde der Selbstverwaltung

Heilmittel – die Stunde der Selbstverwaltung

Nachdem Bundesgesundheitsminister Spahn in seinem „Facebook-Live“-Auftritt den Hoffnungen der Therapeutinnen und Therapeuten auf einen zweiten Rettungsschirm vorerst eine Absage erteilte, schlägt jetzt die Stunde der Selbstverwaltung.

Ein Kommentar von Volker Brünger

Die Krankenkassen, die die Versorgung ihrer Versicherten mit Heilmittelleistungen sicherstellen müssen, kennen die Probleme der Therapeutinnen und Therapeuten. Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass aufgrund der Abrechnungsmodalitäten das größte Liquiditätsproblem in den Praxen noch bevorsteht und sie stehen im direkten Kontakt mit ihren Verhandlungspartnern auf Seiten der Heilmittelerbringer.

Es dürfte auch kein Geheimnis sein, dass Therapie aktuell durch Einhaltung der Hygienestandards und des Angebotes von Videotherapie organisatorisch deutlich aufwändiger und teurer ist, als dies in den Rahmenverträgen abgebildet wird.

Die Krankenkassen wissen um die Bedeutung der Heilmittelversorgung aktuell bei der Versorgung von Intensivpatienten und später bei der Rehabilitation von Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Sie wissen wie wichtig es ist, die Versorgungsstrukturen zu schützen, damit Patienten auch nach der Krisenzeit behandelt werden können.
Es wäre jetzt ein starkes Signal für eine Selbstverwaltung, die auch in Krisenzeiten handlungsfähig ist, wenn Krankenkassen proaktiv ihre Partner unterstützen und dadurch die Bereitstellung von Versorgungsstrukturen sichern.

Dazu braucht es nicht die Politik oder den guten Willen eines Ministers.

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