Corona-Krise aus der Perspektive der Heilmittelindustrie

Corona-Krise aus der Perspektive der Heilmittelindustrie

Uwe Kalin - opta data Gruppe

Herausforderungen der Corona-Krise aus der Perspektive der Heilmittel-Industrie – Interview mit Uwe Kalin von der opta data Gruppe

Ein wichtiger Teil der Heilmittelversorgung sind die Unternehmen, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen die Arbeit der TherapeutInnen unterstützen oder auch durch eigene Innovationen die Versorgung verbessern.
Wie erleben diese Unternehmen die Krise? Wir sprachen mit Uwe Kalin von der opta data Gruppe.

Vita Uwe Kalin:

Uwe Kalin ist studierter Diplom-Sportwissenschaftler und Sporttherapeut. Er arbeitete in der ambulanten und stationären Rehabilitation sowie der erweiterten ambulanten Physiotherapie (EAP). Seit 2016 bekleidet er bei der opta data Gruppe die Position des Business Development Managers im Bereich Heilmittel, wo er für die strategische Ausrichtung und Marktbearbeitung zuständig ist.

Expertise Uwe Kalin:

Uwe Kalin bringt 20 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen mit sich als Diplom-Sportwissenschaftler und Sporttherapeut in verschiedenen ambulanten und stationären Einrichtungen. Zuletzt war er maßgeblich am Aufbau und der Leitung zweier Gesundheitszentren in Nordrhein Westfalen beteiligt.

Wie sieht für Sie das Ideal der zukünftigen Patientenversorgung aus und wie möchten Sie mit Ihrem Unternehmen die Entwicklung mitgestalten?

Wir wünschen uns eine Verzahnung der administrativen Prozesse, die sich dadurch spürbar verbessern würden. Nehmen wir einmal das folgende Beispiel: Der Patient kommt mit seiner digitalen Versorgung oder sogar mit seiner digitalen Patientenakte inklusive der Verordnung in die Praxis. Der Therapeut liest alles direkt ein. Er vermerkt die Behandlungen im Anschluss und gibt sie direkt aus seinem Praxisverwaltungs-System zur Abrechnung frei. opta data reicht am Ende die Daten direkt zur Abrechnung bei den Kassen ein.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine Verzahnung die Prozesse in der Praxis und auch bei uns deutlich vereinfachen würde. Ganz zu schweigen von den Papierkosten, die dadurch eingespart werden. Kurz gesagt: Der Weg der Verordnung muss digital werden. Die opta data Gruppe ist darauf vorbereitet. Wir könnten diesen Weg sofort beschreiten.

Sie engagieren sich auch in der Heilmittelversorgung, wieso gerade in diesem Bereich?

 

opta data ist in den Gesundheitsbereichen der Hilfsmittel und Pflege genauso vertreten wie bei den Krankentransporten oder eben auch den Heilmitteln. In all diesen Bereichen müssen die Leistungserbringer mit den Kassen abrechnen. Bei uns in Essen landen täglich über 100.000 Belegsendungen.

Der Heilmittelmarkt ist einer unserer größten Bereiche, weil es dort eine große Zahl an Einrichtungen gibt, für die wir beispielsweise mit unserem Praxisverwaltungs-System TheraPlus einen echten Mehrwert schaffen können. Der Verwaltungsaufwand in einer Heilmittelpraxis ist einfach enorm. Unsere Kunden freuen sich also über die Hilfe bei der täglichen Praxisverwaltung. Auch die Möglichkeit der Vorfinanzierung bei der Verordnungsauszahlung bietet uns eine Möglichkeit, die Praxen mit handfesten Lösungen zu unterstützen.

Der gerade beschlossene Rettungsschirm für Heilmittelerbringer bemisst sich nach den Umsätzen des letzten Quartals 2019. Ist dies aus Ihrer Sicht eine gute Lösung?

Das ist eine gute Frage. Ich finde es erst einmal gut, dass solch ein Rettungsschirm für die Branche initiiert worden ist. Ich glaube, dass es vielen helfen wird, die Umsatzeinbußen wenigstens etwas zu kompensieren. Persönlich denke ich aber, dass der Mittelwert des letzten Quartals 2019 inklusive Januar und Februar 2020 die bessere Lösung gewesen wäre.

Wir haben Kunden, die die Abrechnung für den Dezember, einen der umsatzstärksten Monate, erst im Januar 2020 eingereicht haben. Da ist die Enttäuschung natürlich groß. Wir wissen durch jahrelange Erfahrung, dass die Praxen Ende Dezember den restlichen Stapel mit Verordnungen abarbeiten. Deshalb fahren wir zwischen den Feiertagen auch immer mit voller Besetzung in unserem Abrechnungsbereich.

Wie entwickeln sich die Abrechnungsumsätze im Heilmittelbereich seit Beginn der Corona-Krise?

Im Vergleich zum Vorjahr sind die Belegzahlen der opta data Abrechnungs GmbH in den vergangenen Wochen und Monaten über alle Geschäftsbereiche hinweg – einschließlich dem Heilmittelbereich – um bis zu circa 25 Prozent zurückgegangen. In den letzten Wochen konnten wir jedoch eine Verbesserung in der Entwicklung der Belegzahlen beobachten. Natürlich hat dies jedoch Auswirkungen auf unsere Abrechnungsumsätze.

Unsere anderen Gruppenunternehmen sind – wie die opta data Abrechnungs GmbH – ebenfalls von der Corona-Krise betroffen. Dies muss man jedoch differenzierter betrachten. Die Firmen der opta data Gruppe bedienen schließlich ganz unterschiedliche Kunden und sind deshalb mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Nichtsdestotrotz haben viele unserer Unternehmen ebenfalls gesunkene Belegzahlen zu verzeichnen. Insgesamt zeigt der Belegrückgang im Vergleich zum Vorjahr daher, dass sehr viele unserer Kunden – teilweise massiv – von der Krise betroffen sind.

Wie erleben Sie mit Ihrem Unternehmen die aktuelle Corona-Krise?

Natürlich stellt die Corona-Krise eine große Herausforderung für unser Unternehmen dar. Ganz klar ist jeder Einzelne davon betroffen.

Schon direkt zu Beginn der Corona-Krise wurden Vorsorgemaßnahmen und Verhaltensregeln an unseren Standorten eingeführt, was gut angenommen wurde und gut funktioniert. Natürlich gab es – gerade in der Anfangszeit, als es zum großen Lockdown kam – Verunsicherung in der Kollegschaft. Unsere Geschäftsführer waren aber jederzeit für uns ansprechbar, haben Fragen beantwortet und regelmäßig transparente Informationen geliefert.

Wir alle wissen nicht, wie sich das Jahr weiter entwickeln wird und ob es eventuell nochmal zu einem zweiten großen Corona-Ausbruch kommt. Wir setzen daher als Familienunternehmen weiterhin auf den Zusammenhalt.

Wie können Sie diese Krise meistern, welche Hilfen sind nötig?

 

Unsere Geschäftsführer haben sich zu Beginn der Corona-Krise Ziele gesetzt: das Unternehmen bestmöglich durch die Krise zu bringen und dabei möglichst keine Arbeitsplätze zu verlieren. Deshalb waren die Unternehmensbereiche, in denen die Belege zurückgingen – und in denen somit auch weniger Arbeitsaufkommen bestand – von April bis Juni 2020 in Kurzarbeit.

Wir haben da als Familienunternehmen alle am selben Strang gezogen, denn nur gemeinsam konnten wir die von der Geschäftsführung gesetzten Ziele erreichen. Seit Juli arbeiten wir wieder im „Normalbetrieb“ – trotzdem halten die Geschäftsführer die Corona-Entwicklung weiterhin im Blick.

Sie und wir als Unternehmen sehen die Krise vor allem auch als Chance, da der Stellenwert der Digitalisierung durch die aktuelle Situation noch einmal bestätigt wird. Auch für unsere Kunden gewinnen Online-Prozesse und kontaktlose Abwicklungen zunehmend an Bedeutung. Wir bieten ihnen beispielsweise Online-Seminare zu unterschiedlichen Themen an und versorgen sie mit News über unser Online Kundencenter oder unsere Website.

Frankfurt am Main – 27.07.2020

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Digitalisierungsstrategie in der Heilmittelversorgung – Kommentar

Digitalisierungsstrategie in der Heilmittelversorgung – Kommentar

Ein Kommentar von GF Volker Brünger

Spätestens mit dem Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) ist klar, dass die Patientenversorgung in Zukunft immer mehr digitale Komponenten besitzen wird.

Mit der TAL gGmbH haben wir bereits viele Problemfelder in der Heilmittelversorgung herausgearbeitet. Seien es Themen wie alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen, Fachkräftemangel, interdisziplinäre Versorgung, alternative Zugangsformen, Herausforderungen der regionalen Versorgung, basisdemokratische Partizipation in der Berufspolitik oder ganz aktuell die besonderen Herausforderungen der Versorgung unter dem Einfluss der Corona-Pandemie: immer waren digitale Anwendungen ein wichtiger Teil der Lösungsansätze.

Barrieren abbauen – Vertrauen aufbauen

Gleichzeitig bestehen noch viele Barrieren für die Umsetzung einer erfolgreichen Digitalisierung in der Heilmittelversorgung. Die Diskussionen drehen sich vielfach um die Punkte, die nicht digital umgesetzt werden können. Kleinere Berufsgruppen geraten häufig aus dem Blick. So wird im DVG nur die Physiotherapie aus dem Bereich der Heilmittelversorgung genannt, der Bereich der logopädischen Versorgung hat jetzt in der Pandemie jedoch eindrucksvoll gezeigt, dass dort digitale Versorgungsangebote längst großflächig Teil der Therapie sein können.

Es muss den Entscheidern klar werden, dass ein mengenorientierter Verordnungskatalog wie der Heilmittelkatalog keine Antwort und keine Grundlage für eine moderne und qualitätsbezogene Heilmittelversorgung darstellt. Diese Versorgungssystematik steht als Rahmenkonstrukt einer besseren digitalen Versorgung entgegen.

“Wir bezahlen Qualität”

Digitale Versorgung ist immer auch Teil einer sehr individuellen Versorgung, deren Nutzen man speziell im Heilmittelbereich nicht unterschätzen darf. Ein solches Versorgungsmodell lässt sich jedoch nicht in einen Verhandlungsrahmen zwingen, der geprägt ist von der Angst vor Mengenausweitungen. Wenn von Seiten der Kostenträger der Satz „Wir bezahlen Qualität.“ ernst gemeint ist, so fehlt es dort objektiv bisher an Expertise für eine moderne Heilmittelversorgung.

Es versteht sich von selbst, dass in der Heilmittelversorgung ein großer Teil der Leistungen auch in Zukunft persönlich erbracht werden, digitale Anwendungen können hier jedoch helfen effektiver zu arbeiten, den Bürokratieaufwand reduzieren, Versorgungsforschung ermöglichen und auch den Therapieerfolg nachhaltig verbessern. Die Vorteile der Digitalisierung liegen auf der Hand.

Umfassende Digitalisierungsstrategie nötig!

Für eine Versorgung, die die Chancen der Digitalisierung effektiv nutzt, braucht es jetzt Akzeptanz, eine offene und auch öffentliche Debatte und eine umfassende Digitalisierungsstrategie. Dabei müssen alle Akteure mit einbezogen werden, zu denen selbstverständlich auch Patienten und Entwickler von digitalen Anwendungen gehören. Das Ziel muss sein, denjenigen, die digitale Versorgung bereits anbieten können, dies auch zu ermöglichen und klare Versorgungsziele zu definieren und Anreize zu schaffen.

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Zu Gast bei Gesundheit.macht.Politik “GmP Folge 67”

Zu Gast bei Gesundheit.macht.Politik “GmP Folge 67”

“Willkommen zur 67. (monothematischen Fokus-)Episode mit der Aufnahme am 13. Juni 2020! Leider ohne den Podcast-Arzt Pascal Nohl-Deryk (ganz liebe Grüße an dieser Stelle), dafür zur Verstärkung mit Claudia Czernik.”

Herzlichen Dank an Philip Schunke und Claudia Czernik

Corona ist ein Brennglas der Versorgungsdefizite

[…]”Man hat ganz klar gesehen, die eigentlichen Probleme, die in der Verortung der Therapeutinnen und Therapeuten im System immernoch bestehen, dass die sich unter dem Einfluß von Corona besonders herausbilden. D.h. die Frage nach Verteilung von Schutzmaterial, wie ist der Fokus auf die finanzielle Situation in den Praxen und müssen wir eingreifen um Versorgungsstrukturen zu schützen für die Zeit nach Corona”[…]

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Heilmittel – Die Stunde der Selbstverwaltung

Heilmittel – Die Stunde der Selbstverwaltung

Heilmittel – die Stunde der Selbstverwaltung

Nachdem Bundesgesundheitsminister Spahn in seinem „Facebook-Live“-Auftritt den Hoffnungen der Therapeutinnen und Therapeuten auf einen zweiten Rettungsschirm vorerst eine Absage erteilte, schlägt jetzt die Stunde der Selbstverwaltung.

Ein Kommentar von Volker Brünger

Die Krankenkassen, die die Versorgung ihrer Versicherten mit Heilmittelleistungen sicherstellen müssen, kennen die Probleme der Therapeutinnen und Therapeuten. Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass aufgrund der Abrechnungsmodalitäten das größte Liquiditätsproblem in den Praxen noch bevorsteht und sie stehen im direkten Kontakt mit ihren Verhandlungspartnern auf Seiten der Heilmittelerbringer.

Es dürfte auch kein Geheimnis sein, dass Therapie aktuell durch Einhaltung der Hygienestandards und des Angebotes von Videotherapie organisatorisch deutlich aufwändiger und teurer ist, als dies in den Rahmenverträgen abgebildet wird.

Die Krankenkassen wissen um die Bedeutung der Heilmittelversorgung aktuell bei der Versorgung von Intensivpatienten und später bei der Rehabilitation von Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Sie wissen wie wichtig es ist, die Versorgungsstrukturen zu schützen, damit Patienten auch nach der Krisenzeit behandelt werden können.
Es wäre jetzt ein starkes Signal für eine Selbstverwaltung, die auch in Krisenzeiten handlungsfähig ist, wenn Krankenkassen proaktiv ihre Partner unterstützen und dadurch die Bereitstellung von Versorgungsstrukturen sichern.

Dazu braucht es nicht die Politik oder den guten Willen eines Ministers.

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Der vergessene Patient

Der vergessene Patient

Ein Kommentar von Volker Brünger

Die jüngst veröffentlichten Eckpunkte der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“ greifen, wenn auch zaghaft, das Thema Direktzugang auf. Eine freundliche Analyse des Papieres kann zu dem Ergebnis führen, dass die Politik den Bedarf für eine modernisierte Rollenverteilung anerkennt, aber mit dem Blick auf die Patientensicherheit noch Beratungsbedarf sieht.

Diskussion bisher ohne Konsequenz

Allerdings ist diese Diskussion nicht neu. Seit etwa 20 Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, ob Patienten im Rahmen der Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenversicherung therapeutische Leistungen, wie beispielsweise in der Ergo- oder Physiotherapie, in Anspruch nehmen können, ohne zuvor einen Arzt konsultiert zu haben. International ist dieses Vorgehen nicht unüblich, jedoch sind die Ausbildungswege dort oftmals nicht mit denen der Gesundheitsfachberufe in Deutschland vergleichbar. In den USA werden Physiotherapeuten, die im Direktzugang arbeiten, auf Masterniveau ausgebildet. Genau dieser Umstand wird ebenfalls seit 20 Jahren als Argument angeführt, warum ein Direktzugang nicht ermöglicht werden soll, ohne die Konsequenz daraus abzuleiten etwa die Ausbildung anzupassen. Dies scheint sich jetzt langsam zu ändern, wenn man die Ankündigungen des Eckpunktepapiers ernst nimmt.

Eigenverantwortliche Berufsausübung nur über Umweg

Mit der Modernisierung der Ausbildung in den Berufen würde den Kritikern des Direktzugangs ein Argument entzogen. Denn bisher war es so, dass Vertreter der Therapieberufe den in ausländischen Studien nachgewiesenen Nutzen eines Direktzugangs gebetsmühlenartig anführten, während direkt von Seiten der Ärzteschaft, der Kostenträger und der Politik die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus als Gefahr für die Patientensicherheit postuliert wurden, gleichwohl ohne einen Nachweis für diese Annahme zu erbringen. Patienten können schon jetzt, beispielsweise in der Physiotherapie, den Direktzugang wählen, wenn sie die Kosten selbst tragen und die Therapeuten den Status des „sektoralen Heilpraktikers“ erworben haben, was teilweise per Verwaltungsakt erfolgen kann. Allein diese Regelung, dass Therapeuten, die sich einer umfangreichen staatlichen Prüfung unterziehen müssen, zusätzlich eine Erlaubnis über eine ungeregelte Berufsbezeichnung erwerben müssen, um ihren eigentlich erlernten Beruf vollumfänglich ausüben zu können, wirkt wie ein typischer Schildbürgerstreich. Der „sektorale Heilpraktiker“ kann sicher nicht in den Verdacht geraten die staatlich kontrollierte Ausbildung in Deutschland auf Masterniveau anzuheben. Trotzdem sind Fälle, in denen auf diesem Weg Patienten gefährdet wurden, nicht bekannt.

Kompetenzgerangel statt Patientenperspektive

 

In weiten Teilen kann man die stattgefundene Diskussion bestenfalls als Kompetenzgerangel werten, in der es bildlich gesprochen nur noch darum ging, wer den Patienten als vermeintlich Ertrinkenden in sein Boot retten darf. Doch wer hat eigentlich jemals die PatientInnen gefragt?

Eigentlich wissen wir doch sehr genau, dass die Gesundheitsversorgung immer dann besonders effektiv gelingt, wenn die Patienten in den Prozess so weit wie möglich aktiv integriert werden. Je besser Patienten aufgeklärt sind, je aktiver und selbstbestimmter sie in Behandlungsprozesse eingebunden werden, desto besser ist das Ergebnis. Das bedeutet auch, dass die Kompetenzen der Patienten in Bezug auf die Gesundheitsversorgung verbessert werden müssen. Das hat unlängst die Bundesregierung erkannt und den Start eines „Nationalen Gesundheitsportals“ für das Jahr 2021 in Aussicht gestellt.

Im Kern geht es um die Wahlfreiheit der Patienten

Im Kern geht es bei der Frage nach einem Direktzugang um nichts anderes als die Wahlfreiheit des Patienten, welche Leistung er für eine konkrete Problemstellung in Anspruch nehmen möchte. In den Aufgabenbereich des jeweiligen Leistungserbringers gehört es dann zu erkennen, ob nicht eventuell eine andere Leistung indiziert wäre und ob die Problemstellung des Patienten durch seine Profession effektiv zu behandeln ist. Dies sind Grundprinzipien wirtschaftlichen Handelns im Sinne des §12 SGB V und interprofessioneller Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten. Die geeignete Kommunikationsform wäre durch eine elektronische Gesundheitsakte gegeben.

Diese Möglichkeit der Wahlfreiheit unterstreicht sehr schön die aktuelle Kampagne des amerikanischen Physiotherapieverbandes (APTA), der die seit vielen Jahren laufende Kampagne #PTfirst in #choosePT umbenannte und damit auf den zunehmenden Konsum von Schmerzmitteln in den USA reagierte. Bevor die Patienten dort zu schnell zu Schmerzmitteln greifen, will man ihnen die Möglichkeit einer physiotherapeutischen Intervention näherbringen. Während in Deutschland also noch diskutiert wird, ob durch den Direktzugang die Patientensicherheit gefährdet ist, wird in den USA die Möglichkeit der Wahlfreiheit der therapeutischen Intervention ausdrücklich als Stärkung der Patientensicherheit interpretiert.

Entlastung der Ärzte ist das falsche Argument

 

In der deutschen Diskussionsrealität kommt dieser Aspekt der Wahlfreiheit bisher nicht zum Tragen, häufig wird als Argument die Entlastung der Ärzte durch einen möglichen Direktzugang erwähnt. Ärztefunktionäre leiten daraus dann häufig einen Kompetenzverlust für ihre Mitglieder und das Umsteuern von Patientenströmen in die Praxen der Heilmittelerbringer ab. Allein aus diesem Grund wäre das Argument der Entlastung für Ärzte die falsche Sichtweise. Schaut man etwas detaillierter auf die fachliche Entwicklung in den Gesundheitsberufen, so sollte klar sein, dass deren Kompetenzen sich kontinuierlich von reinen Hilfsberufen hin zu eigenständigen Professionen entwickelt haben. Gleichwohl ist es auch kein Geheimnis mehr, dass durch das Zusammenwirken aller Professionen der größte Nutzen für den Patienten erzielt wird. Wer dann von einer Entlastung der Ärzte spricht, verkennt die Kompetenzentwicklung in den Gesundheitsfachberufen und die Anforderungen an eine moderne Gesundheitsversorgung.

Debatte verlief zu oberflächlich

Man kann heute also die Diskussion um den Direktzugang nicht mehr mit den gleichen Argumenten führen, wie vor zwanzig Jahren. Aber auch in der Vergangenheit war die Debatte viel zu oberflächlich. Viele Details der rechtlichen Rahmenbedingungen, wie beispielsweise die Bedeutung der ärztlichen Verordnung für den formalen Vergütungsanspruch blieben unerwähnt. Auch der Steuerungseffekt der ärztlichen Verordnung in Bezug auf die Adhärenz und die Akzeptanz für eine therapeutische Leistung wurden nicht betrachtet. Welchen Effekt hat eigentlich die ärztliche Verordnung als schriftliche Handlungsempfehlung für die Inanspruchnahme der Therapie? Beschränkt sich die Patientensicherheit nur auf den Ausschluss von schwerwiegenden Diagnosen, oder ist die Information über eine Therapieform und die gezielte Zuweisung nicht ein ebenso wichtiger Aspekt? Wer übernimmt im Falle eines Direktzugangs die Aufklärung der Patienten über die Möglichkeiten der unterschiedlichen Therapieformen? Wie wirken sich diese Aspekte auf Patientengruppen in den unterschiedlichen Altersklassen aus? Wie gelingt eine kontinuierliche Information der Patienten über die Vorteile und den Nutzen der einzelnen Interventionen?

Versorgungsrealität fordert Fokus auf die Patientensicht

 

Auch im Falle einer möglichen Einführung ist der Direktzugang kein Selbstläufer, sondern  bleibt eher eine mögliche Variante, die nur von einem Teil der Patienten genutzt wird, denn in der Realität werden zukünftig mehr multimorbide Patienten zu versorgen sein, die natürlich sehr häufig in ärztlicher Behandlung sind und deren Therapieprozesse langfristig sind. Innerhalb des Teams müssen dann die Kompetenzen klar definiert sein, in der Regel behandeln die Ärzte dann Krankheiten und die Gesundheitsfachberufe behandeln klar beschriebene Funktionsstörungen, idealerweise auf Grundlage der Klassifizierung der ICF.

Wenn wir in der Diskussion um den Direktzugang nun die Patientensicht in den Mittelpunkt stellen, so sind uns die Prinzipien einer effektiven Gesundheitsversorgung eigentlich völlig klar und es ist ebenso klar, dass die Möglichkeit der Wahlfreiheit des Patienten oberstes Ziel sein muss, auch wenn man sich vielleicht noch um Ausbildungsdetails in den Gesundheitsfachberufen streiten kann. Leider haben wir es 20 Jahre lang versäumt hier eine zielführende Diskussion zu etablieren. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels aber auch mit dem Wissen um die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen muss jetzt ein Umdenken gelingen.

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Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Franz Knieps

Vorstand  BKK Dachverband

Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Als Vorstand leitet Franz Knieps den BKK Dachverband seit dem 1. Juli 2013. Der 1956 geborene Jurist, Politik- und Literaturwissenschaftler weist jahrzehntelange Erfahrung im deutschen und internationalen Gesundheits- und Sozialwesen auf. 1987/88 wurde er als Referent an das Bundesarbeitsministerium abgeordnet. 1990 politischer Berater des von Regine Hildebrandt geführten DDR Ministeriums für Arbeit und Soziales. In dieser Zeit war Knieps u.a. als Geschäftsführer Politik beim AOK Bundesverband tätig, bevor er 2003 als Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung, Gesetzliche Krankenversicherung, Pflegesicherung zum Bundesministerium für Gesundheit in der Ära Ulla Schmidt wechselte. Knieps arbeitete von 2009 bis 2013 als Berater für Gesundheits- und Sozialpolitik. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „Gesundheits- und Sozialpolitik“ und der BKK Dachverbandszeitschrift „Betriebskrankenkassen“.

1. Multimorbide Patienten, eine zusehends alternde Gesellschaft, Krankheiten in Deutschland, die als längst „ausgestorben“ galten und ein enormer Fachkräftemangel in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Wie zukunftsfähig ist das deutsche Gesundheitssystem?

Viele Defizite sind erkennbar

Die Aufzählung kann noch ergänzt werden: technischer Fortschritt, sozialer Wandel, mangelnde Vernetzung und Sektoregoismen, die Dominanz der Ärzte, Qualitäts– und Effizienzprobleme in allen Bereichen. Es sind aber nicht nur die großen Systembaustellen, auf denen viele Defizite erkennbar sind. Auch wenn es keine große Reform aus einem Guss geben kann, brauchen wir statt immer detaillierterer und kleinteiliger Gesetzgebung abgestimmte – an einem neuen Zielbild der Versorgung ausgerichtete –  Lösungen. Das bedeutet auch eine Rückbesinnung auf die Ordnungspolitik und somit eine transparente Neuordnung des Mixes von staatlicher Administrierung, Selbstverwaltung und Wettbewerb. Das Anstoßen eines solchen Prozesses ist elementar, um unser Gesundheitssystem fit für die Zukunft zu machen.

2. Wie gut sind die Kostenträger aufgestellt, um diese Herausforderungen zu meistern?

 

Kassen brauchen ein faires und manipulationssicheres finanzielles Fundament

Die finanzielle Situation der Kostenträger, also der gesetzlichen Krankenkassen, ist aktuell sehr unterschiedlich. Einige stehen gut dar, verfügen auch über hohe Finanzreserven – andere leider nicht. Das liegt auch an der bisherigen Ausgestaltung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA), also des Mechanismus, der das Geld nach bestimmten Kriterien auf die Krankenkassen verteilt. Die führt aktuell leider nicht zu fairen Bedingungen zwischen den Krankenkassen. Ich bin daher sehr froh, dass die Politik dies mit dem Fairen-Kassenwettbewerb-Gesetz (GKV-FKG) nun aufgegriffen hat. Wir brauchen ein faires und möglichst manipulationssicheres finanzielles Fundament, um die beschriebenen künftigen Herausforderungen angehen zu können.

3. Gesundheitsminister Spahn hat mit dem „Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz – GKV-FKG“
versucht massiv in die bisherige Autonomie der Krankenkassen einzugreifen? War das
notwendig?

 

Eingriff in die Autonomie der Selbstverwaltung ist nicht notwendig

Ganz klar, nein, das war es nicht. Dementsprechend sind wir froh, dass in letzter Minute die geplanten, tiefen Einschnitte in die soziale Selbstverwaltung durch die Änderungen an den Strukturen des GKVSpitzenverbandes abgeschwächt wurden.

Man kann sicher manches an den konkreten Arbeitsformen der Selbstverwaltung kritisieren. Zu viele Multifunktionäre, zu wenig Junge, zu wenig Frauen, erstarrte Rituale, zu langsame Entscheidungsprozesse, zu viel Selbstbezogenheit. Hier sind aber in erster Linie diejenigen gefordert, die Selbstverwalter in die Gremien entsenden, also Gewerkschaften, Unternehmen, Arbeitgeberverbände, Ärzteverbände usw. Auch der Gesetzgeber muss sich fragen, ob sie die Selbstverwaltung nicht einerseits mit Aufgaben überfrachten und sie andererseits mit kleinlichen Ausführungsbestimmungen und überbordender Aufsicht lähmen.

4. In Ihrer Eröffnungsrede für den Jubiläumskongress des Bundesverbandes „Managed Care“ wiesen Sie darauf hin, dass das SGB V “zu sehr ein Gesetz der Institutionen sei“. Was meinen Sie damit genau? Wie würden Sie dies anders gestalten?

 

 

Das Verhältnis von Regelversorgung und Integrierter Versorgung muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden

In den letzten Jahren wurde am bestehenden Regelwerk zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), am SGB V, nur noch geflickschustert. Die Verbände der Ärzteschaft, der Krankenhäuser, der gesetzlichen Krankenkassen u.a. schaffen es nicht zusammen mit dem Gesetzgeber einen Ordnungsrahmen zu erarbeiten, der vor allem die Nutzer des Gesundheitssystems im Blick hat. Statt einer Auflistung allgemeiner Strukturprinzipien, Leistungen und Organisationen ist es notwendig, die unterschiedlichen Anliegen der Bürger, der Versicherten und der Patienten herauszustellen und deren Rechte, Aufgaben und Pflichten rechtssicher zu beschreiben. In einem neuen SGB V müsste von Anfang an dieser Perspektivwechsel erfolgen. Es müssten und sollten darüber hinaus konstruktive Konzepte entwickelt werden, die den demografischen Wandel in einer immer älter werdenden Gesellschaft berücksichtigen. Ansonsten sollte der Gesetzgeber satt der derzeitigen Überregulierung in Detailfragen, selbst nur die Grundlagen der Leistungen beschreiben und die Detaillierung der (Gemeinsamen) Selbstverwaltung überlassen. Zudem müssten die bestehenden Hürden und Barrieren zwischen den Versorgungssektoren, Professionen und Institutionen aufgebrochen werden und Vorrang für Vernetzung, Kooperation, Koordination und Integration geschaffen werden. Dazu muss das Verhältnis von Regelversorgung und Integrierter Versorgung – jetzt rechtstechnisch eine besondere Versorgungsform – vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

5. Als ein Schlüssel für eine effizientere Versorgung gilt eine interprofessionelle Zusammenarbeit aller Gesundheitsfachberufe. Welche neuen Aufgaben oder Kompetenzen sehen sie bei Therapieberufen und den Akteuren der Pflege?

Mehr Kompetenzen für Gesundheitsfachberufe

Es geht hier weniger um Effizienz, als darum Versorgung vom Versicherten und Patienten und dessen tatsächlichen Bedarfen her zu denken. Welcher Gesundheitsberuf die Versorgung erbringt ist dabei nicht vorrangig, sondern die erbrachte Qualität von Behandlung und Behandlungsergebnis. Auf Grund unterschiedlicher Bedarfe werden wir nicht umhinkommen, verschiedenste Versorgungsformen und -ansätze miteinander zu kombinieren. Hierzu gehört ein Arbeiten in hierarchiefreien interprofessionellen Netzwerken.

Bei den Physiotherapeuten kommen wir langsamen dahin auch nichtärztlichen Gesundheitsberufen, Kompetenzen entsprechend ihrer Kompetenz zuzugestehen.

In der Pflege machen wir dank vielversprechender internationaler Vorbilder auch Fortschritte. Hier müssen wir dahin kommen Pflegekräfte auf APN-Niveau mit deutlich erweiterten Kompetenzen einzusetzen, vorstellbar ist die Versorgung von stabilen chronischen Erkrankungen, Verordnung von definierten Arzneimitteln, Anordnung von Bildgebungsverfahren, Präventionsempfehlungen und und und… . Internationale Erfolgsmodelle können uns für die Versorgung unserer Versicherten neue Wege aufzeigen.

6. Was müssen Kostenträger der GKV tun, um diese Rollen der Therapieberufe und Pflege zu stärken?

Wir befürworten eine neue Rollenverteilung innerhalb der Gesundheitsberufe

Nicht so viel, wie wir gerne würden, dazu fehlen die gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Wir können uns thematisch einbringen, wir können der Politik verdeutlichen, dass wir neue Rollen und eine neue Rollenverteilung innerhalb der Gesundheitsberufe befürworten. Wir haben in den letzten Tagen ein Impulspapier veröffentlicht, um aufzuzeigen, was sich aus unserer Sicht durch eine Kompetenzerweiterung bei Pflegkräften an Möglichkeiten eröffnen würden. Letztlich sind wir hier aber wie so oft in einem stark reglementierten Gesundheitssystem auf den Gesetzgeber angewiesen. Wenn die Weichen nicht zielgerichtet gestellt werden, sind uns die Hände gebunden.

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