Zu Gast bei Gesundheit.macht.Politik “GmP Folge 67”

Zu Gast bei Gesundheit.macht.Politik “GmP Folge 67”

“Willkommen zur 67. (monothematischen Fokus-)Episode mit der Aufnahme am 13. Juni 2020! Leider ohne den Podcast-Arzt Pascal Nohl-Deryk (ganz liebe Grüße an dieser Stelle), dafür zur Verstärkung mit Claudia Czernik.”

Herzlichen Dank an Philip Schunke und Claudia Czernik

Corona ist ein Brennglas der Versorgungsdefizite

[…]”Man hat ganz klar gesehen, die eigentlichen Probleme, die in der Verortung der Therapeutinnen und Therapeuten im System immernoch bestehen, dass die sich unter dem Einfluß von Corona besonders herausbilden. D.h. die Frage nach Verteilung von Schutzmaterial, wie ist der Fokus auf die finanzielle Situation in den Praxen und müssen wir eingreifen um Versorgungsstrukturen zu schützen für die Zeit nach Corona”[…]

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Der vergessene Patient

Der vergessene Patient

Ein Kommentar von Volker Brünger

Die jüngst veröffentlichten Eckpunkte der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“ greifen, wenn auch zaghaft, das Thema Direktzugang auf. Eine freundliche Analyse des Papieres kann zu dem Ergebnis führen, dass die Politik den Bedarf für eine modernisierte Rollenverteilung anerkennt, aber mit dem Blick auf die Patientensicherheit noch Beratungsbedarf sieht.

Diskussion bisher ohne Konsequenz

Allerdings ist diese Diskussion nicht neu. Seit etwa 20 Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, ob Patienten im Rahmen der Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenversicherung therapeutische Leistungen, wie beispielsweise in der Ergo- oder Physiotherapie, in Anspruch nehmen können, ohne zuvor einen Arzt konsultiert zu haben. International ist dieses Vorgehen nicht unüblich, jedoch sind die Ausbildungswege dort oftmals nicht mit denen der Gesundheitsfachberufe in Deutschland vergleichbar. In den USA werden Physiotherapeuten, die im Direktzugang arbeiten, auf Masterniveau ausgebildet. Genau dieser Umstand wird ebenfalls seit 20 Jahren als Argument angeführt, warum ein Direktzugang nicht ermöglicht werden soll, ohne die Konsequenz daraus abzuleiten etwa die Ausbildung anzupassen. Dies scheint sich jetzt langsam zu ändern, wenn man die Ankündigungen des Eckpunktepapiers ernst nimmt.

Eigenverantwortliche Berufsausübung nur über Umweg

Mit der Modernisierung der Ausbildung in den Berufen würde den Kritikern des Direktzugangs ein Argument entzogen. Denn bisher war es so, dass Vertreter der Therapieberufe den in ausländischen Studien nachgewiesenen Nutzen eines Direktzugangs gebetsmühlenartig anführten, während direkt von Seiten der Ärzteschaft, der Kostenträger und der Politik die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus als Gefahr für die Patientensicherheit postuliert wurden, gleichwohl ohne einen Nachweis für diese Annahme zu erbringen. Patienten können schon jetzt, beispielsweise in der Physiotherapie, den Direktzugang wählen, wenn sie die Kosten selbst tragen und die Therapeuten den Status des „sektoralen Heilpraktikers“ erworben haben, was teilweise per Verwaltungsakt erfolgen kann. Allein diese Regelung, dass Therapeuten, die sich einer umfangreichen staatlichen Prüfung unterziehen müssen, zusätzlich eine Erlaubnis über eine ungeregelte Berufsbezeichnung erwerben müssen, um ihren eigentlich erlernten Beruf vollumfänglich ausüben zu können, wirkt wie ein typischer Schildbürgerstreich. Der „sektorale Heilpraktiker“ kann sicher nicht in den Verdacht geraten die staatlich kontrollierte Ausbildung in Deutschland auf Masterniveau anzuheben. Trotzdem sind Fälle, in denen auf diesem Weg Patienten gefährdet wurden, nicht bekannt.

Kompetenzgerangel statt Patientenperspektive

 

In weiten Teilen kann man die stattgefundene Diskussion bestenfalls als Kompetenzgerangel werten, in der es bildlich gesprochen nur noch darum ging, wer den Patienten als vermeintlich Ertrinkenden in sein Boot retten darf. Doch wer hat eigentlich jemals die PatientInnen gefragt?

Eigentlich wissen wir doch sehr genau, dass die Gesundheitsversorgung immer dann besonders effektiv gelingt, wenn die Patienten in den Prozess so weit wie möglich aktiv integriert werden. Je besser Patienten aufgeklärt sind, je aktiver und selbstbestimmter sie in Behandlungsprozesse eingebunden werden, desto besser ist das Ergebnis. Das bedeutet auch, dass die Kompetenzen der Patienten in Bezug auf die Gesundheitsversorgung verbessert werden müssen. Das hat unlängst die Bundesregierung erkannt und den Start eines „Nationalen Gesundheitsportals“ für das Jahr 2021 in Aussicht gestellt.

Im Kern geht es um die Wahlfreiheit der Patienten

Im Kern geht es bei der Frage nach einem Direktzugang um nichts anderes als die Wahlfreiheit des Patienten, welche Leistung er für eine konkrete Problemstellung in Anspruch nehmen möchte. In den Aufgabenbereich des jeweiligen Leistungserbringers gehört es dann zu erkennen, ob nicht eventuell eine andere Leistung indiziert wäre und ob die Problemstellung des Patienten durch seine Profession effektiv zu behandeln ist. Dies sind Grundprinzipien wirtschaftlichen Handelns im Sinne des §12 SGB V und interprofessioneller Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten. Die geeignete Kommunikationsform wäre durch eine elektronische Gesundheitsakte gegeben.

Diese Möglichkeit der Wahlfreiheit unterstreicht sehr schön die aktuelle Kampagne des amerikanischen Physiotherapieverbandes (APTA), der die seit vielen Jahren laufende Kampagne #PTfirst in #choosePT umbenannte und damit auf den zunehmenden Konsum von Schmerzmitteln in den USA reagierte. Bevor die Patienten dort zu schnell zu Schmerzmitteln greifen, will man ihnen die Möglichkeit einer physiotherapeutischen Intervention näherbringen. Während in Deutschland also noch diskutiert wird, ob durch den Direktzugang die Patientensicherheit gefährdet ist, wird in den USA die Möglichkeit der Wahlfreiheit der therapeutischen Intervention ausdrücklich als Stärkung der Patientensicherheit interpretiert.

Entlastung der Ärzte ist das falsche Argument

 

In der deutschen Diskussionsrealität kommt dieser Aspekt der Wahlfreiheit bisher nicht zum Tragen, häufig wird als Argument die Entlastung der Ärzte durch einen möglichen Direktzugang erwähnt. Ärztefunktionäre leiten daraus dann häufig einen Kompetenzverlust für ihre Mitglieder und das Umsteuern von Patientenströmen in die Praxen der Heilmittelerbringer ab. Allein aus diesem Grund wäre das Argument der Entlastung für Ärzte die falsche Sichtweise. Schaut man etwas detaillierter auf die fachliche Entwicklung in den Gesundheitsberufen, so sollte klar sein, dass deren Kompetenzen sich kontinuierlich von reinen Hilfsberufen hin zu eigenständigen Professionen entwickelt haben. Gleichwohl ist es auch kein Geheimnis mehr, dass durch das Zusammenwirken aller Professionen der größte Nutzen für den Patienten erzielt wird. Wer dann von einer Entlastung der Ärzte spricht, verkennt die Kompetenzentwicklung in den Gesundheitsfachberufen und die Anforderungen an eine moderne Gesundheitsversorgung.

Debatte verlief zu oberflächlich

Man kann heute also die Diskussion um den Direktzugang nicht mehr mit den gleichen Argumenten führen, wie vor zwanzig Jahren. Aber auch in der Vergangenheit war die Debatte viel zu oberflächlich. Viele Details der rechtlichen Rahmenbedingungen, wie beispielsweise die Bedeutung der ärztlichen Verordnung für den formalen Vergütungsanspruch blieben unerwähnt. Auch der Steuerungseffekt der ärztlichen Verordnung in Bezug auf die Adhärenz und die Akzeptanz für eine therapeutische Leistung wurden nicht betrachtet. Welchen Effekt hat eigentlich die ärztliche Verordnung als schriftliche Handlungsempfehlung für die Inanspruchnahme der Therapie? Beschränkt sich die Patientensicherheit nur auf den Ausschluss von schwerwiegenden Diagnosen, oder ist die Information über eine Therapieform und die gezielte Zuweisung nicht ein ebenso wichtiger Aspekt? Wer übernimmt im Falle eines Direktzugangs die Aufklärung der Patienten über die Möglichkeiten der unterschiedlichen Therapieformen? Wie wirken sich diese Aspekte auf Patientengruppen in den unterschiedlichen Altersklassen aus? Wie gelingt eine kontinuierliche Information der Patienten über die Vorteile und den Nutzen der einzelnen Interventionen?

Versorgungsrealität fordert Fokus auf die Patientensicht

 

Auch im Falle einer möglichen Einführung ist der Direktzugang kein Selbstläufer, sondern  bleibt eher eine mögliche Variante, die nur von einem Teil der Patienten genutzt wird, denn in der Realität werden zukünftig mehr multimorbide Patienten zu versorgen sein, die natürlich sehr häufig in ärztlicher Behandlung sind und deren Therapieprozesse langfristig sind. Innerhalb des Teams müssen dann die Kompetenzen klar definiert sein, in der Regel behandeln die Ärzte dann Krankheiten und die Gesundheitsfachberufe behandeln klar beschriebene Funktionsstörungen, idealerweise auf Grundlage der Klassifizierung der ICF.

Wenn wir in der Diskussion um den Direktzugang nun die Patientensicht in den Mittelpunkt stellen, so sind uns die Prinzipien einer effektiven Gesundheitsversorgung eigentlich völlig klar und es ist ebenso klar, dass die Möglichkeit der Wahlfreiheit des Patienten oberstes Ziel sein muss, auch wenn man sich vielleicht noch um Ausbildungsdetails in den Gesundheitsfachberufen streiten kann. Leider haben wir es 20 Jahre lang versäumt hier eine zielführende Diskussion zu etablieren. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels aber auch mit dem Wissen um die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen muss jetzt ein Umdenken gelingen.

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Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Franz Knieps

Vorstand  BKK Dachverband

Notwendige Reformprozesse für eine zukunftsfähige Versorgung – Interview mit Franz Knieps

Als Vorstand leitet Franz Knieps den BKK Dachverband seit dem 1. Juli 2013. Der 1956 geborene Jurist, Politik- und Literaturwissenschaftler weist jahrzehntelange Erfahrung im deutschen und internationalen Gesundheits- und Sozialwesen auf. 1987/88 wurde er als Referent an das Bundesarbeitsministerium abgeordnet. 1990 politischer Berater des von Regine Hildebrandt geführten DDR Ministeriums für Arbeit und Soziales. In dieser Zeit war Knieps u.a. als Geschäftsführer Politik beim AOK Bundesverband tätig, bevor er 2003 als Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung, Gesetzliche Krankenversicherung, Pflegesicherung zum Bundesministerium für Gesundheit in der Ära Ulla Schmidt wechselte. Knieps arbeitete von 2009 bis 2013 als Berater für Gesundheits- und Sozialpolitik. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „Gesundheits- und Sozialpolitik“ und der BKK Dachverbandszeitschrift „Betriebskrankenkassen“.

1. Multimorbide Patienten, eine zusehends alternde Gesellschaft, Krankheiten in Deutschland, die als längst „ausgestorben“ galten und ein enormer Fachkräftemangel in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Wie zukunftsfähig ist das deutsche Gesundheitssystem?

Viele Defizite sind erkennbar

Die Aufzählung kann noch ergänzt werden: technischer Fortschritt, sozialer Wandel, mangelnde Vernetzung und Sektoregoismen, die Dominanz der Ärzte, Qualitäts– und Effizienzprobleme in allen Bereichen. Es sind aber nicht nur die großen Systembaustellen, auf denen viele Defizite erkennbar sind. Auch wenn es keine große Reform aus einem Guss geben kann, brauchen wir statt immer detaillierterer und kleinteiliger Gesetzgebung abgestimmte – an einem neuen Zielbild der Versorgung ausgerichtete –  Lösungen. Das bedeutet auch eine Rückbesinnung auf die Ordnungspolitik und somit eine transparente Neuordnung des Mixes von staatlicher Administrierung, Selbstverwaltung und Wettbewerb. Das Anstoßen eines solchen Prozesses ist elementar, um unser Gesundheitssystem fit für die Zukunft zu machen.

2. Wie gut sind die Kostenträger aufgestellt, um diese Herausforderungen zu meistern?

 

Kassen brauchen ein faires und manipulationssicheres finanzielles Fundament

Die finanzielle Situation der Kostenträger, also der gesetzlichen Krankenkassen, ist aktuell sehr unterschiedlich. Einige stehen gut dar, verfügen auch über hohe Finanzreserven – andere leider nicht. Das liegt auch an der bisherigen Ausgestaltung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA), also des Mechanismus, der das Geld nach bestimmten Kriterien auf die Krankenkassen verteilt. Die führt aktuell leider nicht zu fairen Bedingungen zwischen den Krankenkassen. Ich bin daher sehr froh, dass die Politik dies mit dem Fairen-Kassenwettbewerb-Gesetz (GKV-FKG) nun aufgegriffen hat. Wir brauchen ein faires und möglichst manipulationssicheres finanzielles Fundament, um die beschriebenen künftigen Herausforderungen angehen zu können.

3. Gesundheitsminister Spahn hat mit dem „Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz – GKV-FKG“
versucht massiv in die bisherige Autonomie der Krankenkassen einzugreifen? War das
notwendig?

 

Eingriff in die Autonomie der Selbstverwaltung ist nicht notwendig

Ganz klar, nein, das war es nicht. Dementsprechend sind wir froh, dass in letzter Minute die geplanten, tiefen Einschnitte in die soziale Selbstverwaltung durch die Änderungen an den Strukturen des GKVSpitzenverbandes abgeschwächt wurden.

Man kann sicher manches an den konkreten Arbeitsformen der Selbstverwaltung kritisieren. Zu viele Multifunktionäre, zu wenig Junge, zu wenig Frauen, erstarrte Rituale, zu langsame Entscheidungsprozesse, zu viel Selbstbezogenheit. Hier sind aber in erster Linie diejenigen gefordert, die Selbstverwalter in die Gremien entsenden, also Gewerkschaften, Unternehmen, Arbeitgeberverbände, Ärzteverbände usw. Auch der Gesetzgeber muss sich fragen, ob sie die Selbstverwaltung nicht einerseits mit Aufgaben überfrachten und sie andererseits mit kleinlichen Ausführungsbestimmungen und überbordender Aufsicht lähmen.

4. In Ihrer Eröffnungsrede für den Jubiläumskongress des Bundesverbandes „Managed Care“ wiesen Sie darauf hin, dass das SGB V “zu sehr ein Gesetz der Institutionen sei“. Was meinen Sie damit genau? Wie würden Sie dies anders gestalten?

 

 

Das Verhältnis von Regelversorgung und Integrierter Versorgung muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden

In den letzten Jahren wurde am bestehenden Regelwerk zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), am SGB V, nur noch geflickschustert. Die Verbände der Ärzteschaft, der Krankenhäuser, der gesetzlichen Krankenkassen u.a. schaffen es nicht zusammen mit dem Gesetzgeber einen Ordnungsrahmen zu erarbeiten, der vor allem die Nutzer des Gesundheitssystems im Blick hat. Statt einer Auflistung allgemeiner Strukturprinzipien, Leistungen und Organisationen ist es notwendig, die unterschiedlichen Anliegen der Bürger, der Versicherten und der Patienten herauszustellen und deren Rechte, Aufgaben und Pflichten rechtssicher zu beschreiben. In einem neuen SGB V müsste von Anfang an dieser Perspektivwechsel erfolgen. Es müssten und sollten darüber hinaus konstruktive Konzepte entwickelt werden, die den demografischen Wandel in einer immer älter werdenden Gesellschaft berücksichtigen. Ansonsten sollte der Gesetzgeber satt der derzeitigen Überregulierung in Detailfragen, selbst nur die Grundlagen der Leistungen beschreiben und die Detaillierung der (Gemeinsamen) Selbstverwaltung überlassen. Zudem müssten die bestehenden Hürden und Barrieren zwischen den Versorgungssektoren, Professionen und Institutionen aufgebrochen werden und Vorrang für Vernetzung, Kooperation, Koordination und Integration geschaffen werden. Dazu muss das Verhältnis von Regelversorgung und Integrierter Versorgung – jetzt rechtstechnisch eine besondere Versorgungsform – vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

5. Als ein Schlüssel für eine effizientere Versorgung gilt eine interprofessionelle Zusammenarbeit aller Gesundheitsfachberufe. Welche neuen Aufgaben oder Kompetenzen sehen sie bei Therapieberufen und den Akteuren der Pflege?

Mehr Kompetenzen für Gesundheitsfachberufe

Es geht hier weniger um Effizienz, als darum Versorgung vom Versicherten und Patienten und dessen tatsächlichen Bedarfen her zu denken. Welcher Gesundheitsberuf die Versorgung erbringt ist dabei nicht vorrangig, sondern die erbrachte Qualität von Behandlung und Behandlungsergebnis. Auf Grund unterschiedlicher Bedarfe werden wir nicht umhinkommen, verschiedenste Versorgungsformen und -ansätze miteinander zu kombinieren. Hierzu gehört ein Arbeiten in hierarchiefreien interprofessionellen Netzwerken.

Bei den Physiotherapeuten kommen wir langsamen dahin auch nichtärztlichen Gesundheitsberufen, Kompetenzen entsprechend ihrer Kompetenz zuzugestehen.

In der Pflege machen wir dank vielversprechender internationaler Vorbilder auch Fortschritte. Hier müssen wir dahin kommen Pflegekräfte auf APN-Niveau mit deutlich erweiterten Kompetenzen einzusetzen, vorstellbar ist die Versorgung von stabilen chronischen Erkrankungen, Verordnung von definierten Arzneimitteln, Anordnung von Bildgebungsverfahren, Präventionsempfehlungen und und und… . Internationale Erfolgsmodelle können uns für die Versorgung unserer Versicherten neue Wege aufzeigen.

6. Was müssen Kostenträger der GKV tun, um diese Rollen der Therapieberufe und Pflege zu stärken?

Wir befürworten eine neue Rollenverteilung innerhalb der Gesundheitsberufe

Nicht so viel, wie wir gerne würden, dazu fehlen die gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Wir können uns thematisch einbringen, wir können der Politik verdeutlichen, dass wir neue Rollen und eine neue Rollenverteilung innerhalb der Gesundheitsberufe befürworten. Wir haben in den letzten Tagen ein Impulspapier veröffentlicht, um aufzuzeigen, was sich aus unserer Sicht durch eine Kompetenzerweiterung bei Pflegkräften an Möglichkeiten eröffnen würden. Letztlich sind wir hier aber wie so oft in einem stark reglementierten Gesundheitssystem auf den Gesetzgeber angewiesen. Wenn die Weichen nicht zielgerichtet gestellt werden, sind uns die Hände gebunden.

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“Gesundheitsversorgung vom Patienten her denken” –  Interview mit Irina Cichon

“Gesundheitsversorgung vom Patienten her denken” – Interview mit Irina Cichon

Gesundheitsversorgung vom Patienten her denken - Herausforderungen in der Heilmittelversorgung. Interview mit Irina Cichon

Irina Cichon ist Kommunikationswissenschaftlerin mit Abschlüssen der Universitäten Karlsruhe und Twer (Russische Föderation). Nach einer Referententätigkeit in einem internationalen Logistik-Unternehmen trat sie 2007 in die Robert Bosch Stiftung ein. Im ThemenbereichGesundheit“ verantwortet sie Förderprojekte in der Kooperation der Gesundheitsberufe und im Interprofessionellen Lernen.

1. Die Patientenversorgung steht in naher Zukunft aber auch schon heute vor den Herausforderungen des demografischen Wandels. Welche Engpässe sehen Sie aktuell auch im Bereich der Heilmittel?

Auch der Heilmittelbereich muss sich in Richtung integrierter und kooperativer Versorgungskonzepte weiterentwickeln

Wir wissen, dass infolge des demografischen Wandels von einem deutlichen Anstieg des Versorgungsbedarfs in der Bevölkerung auszugehen ist. Zugleich verändert sich auch die Art des Bedarfs. Denn sowohl die Gesundheitsprobleme im Alter wie auch die bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit haben in der Regel komplexen Charakter. Die gesamte Gesundheitsversorgung und somit auch der Heilmittelbereich müssen sich in Richtung integrierter und kooperativer Versorgungskonzepte weiterentwickeln, um den Bedarfen chronisch kranker und alter Menschen besser zu begegnen und für sie eine gute, kontinuierliche Versorgung zu gewährleisten.
Die Heilmittelerbringer sind und bleiben ein wichtiges Verbindungsglied in der komplexen Versorgungskette. Und angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die unter anderem die Veränderung des Morbiditätsspektrums mitbringen, wird der Bedarf an Therapieberufen deutlich steigen, um z.B. die Pflegebedürftigkeit der Menschen zu lindern oder sogar zu vermeiden, deren Mobilität und Teilhabe zu erhalten und zu verbessern.

Schon heute ist die Heilmittelversorgung teilweise gefährdet

Die aktuelle Entwicklung geht leider in eine andere Richtung. Die wohnortnahe Versorgung mit Heilmitteln ist aufgrund von rasant zunehmendem Fachkräftemangel schon heute teilweise gefährdet. Die Zahl der niedergelassenen Heilmittelerbringer in Deutschland sinkt und die Zahl an unbesetzten Stellen steigt deutlich. Immer mehr Therapeuten steigen aufgrund des geringen Einkommens, der stetig steigenden Arbeitsbelastung und fehlender Karrieremöglichkeiten aus dem Beruf aus. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass die Heilmittelberufe aktuell für junge Menschen als nicht besonders attraktiv gelten und die Bewerbungen an den Ausbildungseinrichtungen zurückgehen. Die Folgen sind schon heute spürbar: Wartezeiten für Behandlungstermine oder fehlende Kapazitäten für dringend erforderliche Hausbesuche sind in der therapeutischen Patientenversorgung bereits die Regel.

2. Die Vorgaben zur Therapie verfolgen aktuell einem kurativen Ansatz. Gesundheitsversorgung und Prävention wird gerade seit wenigen Jahren ernsthaft von Kostenträgern erschlossen. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine adäquate Versorgung aus?

Die Partizipation der Patienten sollte ein Kernelement sein

In der Robert Bosch Stiftung nehmen wir das gesamte Versorgungskontinuum in Blick und setzen uns für umfassende, integrierte, kooperative Versorgungskonzepte ein, die eine bedarfsgerechte Versorgung ermöglichen sollen. Aus unserer Sicht sollten der Mensch und seine Bedarfe eine zentrale Orientierung für die Gestaltung der Prozesse in der Gesundheitsversorgung – und auch in der Heilmittelerbringung – sein. Dabei gilt es, vorausschauend im Hinblick auf das gesamte Versorgungskontinuum zu planen und von Anfang an die verschiedenen Phasen, von der Diagnose bis zur end-of-life care, zu berücksichtigen. Niederschwelliger Zugang zu Diagnostik und Therapie ist dabei wichtig und kann ein frühes Auffangen im individuellen Krankheitsfall und idealerweise das Wiederherstellen von Gesundheit sichern oder das bestmögliche Leben mit Krankheit ermöglichen. Im Bedarfsfall sollten der Übergang ins und die Rückkehr vom Krankenhaus oder anderer Einrichtungen gut begleitet werden. Die Partizipation der Patienten sollte dabei ein Kernelement sein. Wir sprechen von einem individuellen „Versorgungspaket“, das für jeden Patienten je nach Bedarf geschnürt, von Zeit zu Zeit überprüft und angepasst werden muss.
Solche Versorgungskonzepte erfordern ein eingespieltes Team von professionellen Helfern, die im Sinne des Patienten interprofessionell zusammenarbeiten und gute Übergänge über Schnittstellen hinweg ermöglichen.

3. Chronisch kranke und multimorbide Patienten insgesamt müssen besonders in der Gesundheitsversorgung betrachtet werden. Wo würden Sie Veränderungen ansetzen?

Versorgungskonzepte müssen auf einer engen Kooperation basieren

Unser Gesundheitssystem ist immer noch stark auf Akutversorgung ausgerichtet und eine enge Verzahnung zwischen den Sektoren und somit zwischen den ambulanten und stationären medizinischen Leistungen will nicht so richtig gelingen. Die üblichen eindimensionalen Versorgungsangebote und punktuellen Hilfen werden den Versorgungsbedarfen von chronisch kranken und multimorbiden Patienten nicht gerecht. Wir benötigen Versorgungskonzepte, die aus einem Kontinuum an unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Hilfen bestehen und auf einer engen Kooperation der Gesundheitsberufe basieren. Das System hat aber immer noch massive Schwierigkeiten, darauf bedarfsgerecht zu reagieren, weil es z.B. immer noch keine Abrechnungsziffern für Kooperation, Kommunikation, Koordination gibt. Die langjährigen berufspolitischen Forderungen und Reformbestrebungen – die Prozesse in der Gesundheitsversorgung von Patienten her zu denken und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt zu stellen – sollten endlich über die Lippenbekenntnisse hinausgehen. Es ist von großer Bedeutung, gegen die Fragmentierung der Leistungserbringung anzugehen und für integrierte Versorgung – auch mit guten digitalen Lösungen – zu sorgen, denn davon würden alle Patienten und Nutzer des Gesundheitssystems profitieren.

4. Immer häufiger wird das Prinzip des Value-based Healthcare, der nutzenorientierten Gesundheitsversorgung, diskutiert. In Deutschland wendet das System aktuell Mengensteuerungen, pauschalisierte Vergütungen und als Druckmittel Prüfungen bei Leistungserbringern an. Ist das noch zeitgemäß?

Wir benötigen eine andere Vergütungslogik

Bereits 2000/2001 hat der damalige Sachverständigenrat für Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen in seinem Gutachten „Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit“ (Link:  https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=18 ) eine grundlegende Änderung von Strukturen, Anreizen, Wissen und Werten zur Ausbalancierung von Prävention, Kuration und Rehabilitation in der Gesundheitsversorgung gefordert. Leider diskutieren wir auch 20 Jahre später immer noch darüber, denn diese Problematik besteht bis heute. Wir benötigen eine andere Vergütungslogik, die neben der eigentlichen Leistung die Qualität der Versorgung und das Ergebnis für den Patienten berücksichtigt, stabile Voraussetzungen für integrierte Versorgungskonzepte schafft und sektorenübergreifende Kooperation aller beteiligten Gesundheitsberufe unterstützt und honoriert.

5. Wie gelingt aus Ihrer Sicht zukünftig eine interprofessionelle Patientenversorgung? Welche Hürden müssen abgebaut werden?

Eine konsequente Veränderung der oft hierarchischen Form der Kooperation
zwischen d en Gesundheitsberufen ist notwendig

Eine gute Kooperation ist in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Gesundheitsversorgung notwendig und wird mit zunehmender digitaler Vernetzung gar unabdingbar. Folgerichtig werden aufgabenorientierte und teambasierte Formen der Kooperation gefordert, die auf einem gleichrangigen Verhältnis der Gesundheitsprofessionen beruhen. Dementsprechend müssen die Versorgungsprozesse, Abläufe und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen und Bereichen neu gedacht werden. Es geht aus meiner Sicht darum, die Aufgaben bei der Versorgung von Menschen mit unterschiedlichen Bedarfen zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen anders zu verteilen – damit jeder das macht, was er im Sinne von Patienten am besten kann. Nach dem Motto: „Wer kann welche Leistungen am besten erbringen, wie, wo, wann und mit wem?“. So entlasten sich alle Behandler gegenseitig. So kann mehr interprofessionelles Teamwork auf Augenhöhe, in der Praxis und der Ausbildung entstehen und der Therapieerfolg für die Patienten sichergestellt werden. Dafür ist eine konsequente Veränderung der noch oft hierarchischen Form der Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen notwendig.
Zugleich ist erforderlich, das Bildungsgefälle zwischen den Gesundheitsberufen zu verringern und Mängel im Ausbildungssystem zu beseitigen. Investitionen in die Bildung, interprofessionelle Lehrformate und die Akademisierung der Gesundheitsberufe sind unverzichtbar – auch, damit sie an Attraktivität, Wertschätzung und an Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen.

6. Mit der Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ geht die Robert Bosch Stiftung in den Dialog mit Bürgern und Experten, um Reformvorschläge für das Gesundheitssystem zu entwickeln. Welche Erkenntnisse haben Sie bisher aus diesem Projekt gewonnen?

Für einen „Neustart“ bedarf es der Überzeugung der politischen
Entscheidungsträger

Der Ausgangspunkt für dieses komplexe Projekt war die Erkenntnis, dass sich im Gesundheitssystem viel verändern muss, damit wir auch in Zukunft gute Gesundheitsversorgung für alle ermöglichen können. Als Robert Bosch Stiftung bieten wir in dem Projekt Bürgerinnen und Bürgern eine Plattform, um zusammen mit Expertinnen und Experten visionäre Reformvorschläge für die zukünftige Ausrichtung des Gesundheitswesens zu entwickeln. Im vergangenen Jahr haben wir neben einem ersten Bürgerdialog und drei Podiumsveranstaltungen auch drei Think Labs mit Experten durchgeführt: zur Zukunft unseres Gesundheitswesens, zur Wirkung der Megatrends auf das Gesundheitssystem und zu der Frage, wer die Patienten von morgen sind und was sie brauchen. Der Bürgerreport, die Podiumsberichte sowie das Diskussionspapier sind auf der Projekthomepage www.neustart-fuer-gesundheit.de veröffentlicht. Weitere Beiträge werden im Projektverlauf eingestellt.
Noch ist es zu früh über konkrete Reformvorschläge zu sprechen, der Prozess geht bis 2021 weiter. In diesem Jahr werden die Experten die Vorschläge aus dem Bürgerdialog konkretisieren.

Die weiterentwickelten Handlungsempfehlungen werden dann in einemzweiten Bürgerdialog diskutiert und auf Akzeptanz überprüft Das Ziel der Initiative ist ein Gesundheitssystem, das auch in Zukunft dem Menschen zugewandt, patientenorientiert und offen für Innovationen ist. Um aber tatsächlich einen „Neustart“ zu erreichen, bedarf es der Überzeugung der politischen Entscheidungsträger.
Und in dieser Hinsicht wollen wir gemeinsam mit Experten und Bürgern weiter daran arbeiten, überzeugende Ideen zu entwickeln und in die Gesundheitspolitik zu tragen. „Neustart!“ bietet jedem Einzelnen mehrere Möglichkeiten, mitzumachen und sich mit eigenen Ideen in die Initiative einzubringen. Ihre Leser sind herzlich dazu eingeladen
https://www.neustart-fuer-gesundheit.de/mitmachen

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Bericht: BMC Kongress 2020

Bericht: BMC Kongress 2020

BMC-Kongress 21.-22. Januar 2020

Der Bundesverband Managed Care (BMC) ist ein pluralistischer Verband, der sich für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems einsetzt. Im Fokus steht dabei eine zukunftsfähige, qualitätsgesicherte und patientenorientierte Versorgung. Zu den über 200 Mitgliedern des BMC gehören u.a. Arztnetze, Krankenkassen, Krankenhäuser, Pharma- und Medizintechnikunternehmen und gemeinnützige Organisationen

(https://www.bmcev.de/der-bmc/ueber-uns/).

Ein Jubiläum

Der jährlich im Januar stattfindende BMC-Kongress hat sich als wichtige gesundheitspolitische Veranstaltung etabliert und feierte in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum.

“Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Digitalisierung”

Schwerpunktthemen waren neben der Digitalisierung auch die Einbindung von Patienteninteressen im Sinne eines Value-Based Healthcare.

In seiner Eröffnungsrede wies Prof. Dr. Volker Amelung darauf hin, dass Deutschland trotz der vielen Diskussionen um die Digitalisierung, bei der Umsetzung international abgeschlagen ist. Die aufkommende Diskussion um notwendige Kostendämpfungsmaßnahmen verglich er mit der Versorgungsrealität: „Uns geht erst das Personal aus, bevor uns das Geld ausgeht“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn machte in einer Videobotschaft klar, dass mit dem Digitalen Versorgungsgesetz (DVG) jetzt ein erster Schritt gemacht wurde und dass weitere folgen werden. Dabei sei die Digitalisierung z.B. auch für Physiotherapeuten ein wichtiges Thema.

Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes, plädierte für eine Reform des SGB V, dass in seiner heutigen Form eher ein Gesetz der Institutionen sei und der Patient zukünftig mehr in den Fokus des Gesetzes rücken müsste. Dabei wäre die Annahme, dass die ärztliche Praxis Schwerpunkt des Versorgungsgeschehens sei, nicht mehr zeitgemäß. So hätten z.B. auch nichtärztliche Berufe eine entlastende Funktion für das System und mittlerweile sei ihre Stimme auch so stark, dass sie in der Politik gehört würde.

“Betriebswirtschaftliche Steuerungsmaßnahmen versagen”

Deutlich wurde in vielen Vorträgen und Gesprächen, dass die Behandlungsqualität und der Patientennutzen immer mehr in den Fokus rücken müssen. Der Gedanke des Value-Based Healthcare, also einer Versorgung, die den Patientennutzen oder das Outcome in den Vordergrund stellt, wurde vielfach diskutiert. PD Dr. Peter Berchtold betonte in seinem Vortrag, dass es nach Angaben der OECD Evidenz dafür gibt, dass 20% der Leistungen im Gesundheitswesen unnütz sind und dass sämtliche betriebswirtschaftliche Steuerungsmaßnahmen bisher versagt haben. Zur Darstellung des Nutzens können sogenannte Patient-reported outcome measures (PROMs) verwendet werden. Diese Kennzahlen liefern Informationen zum Gesundheitszustand von Patientinnen und Patienten und zu den Auswirkungen von Interventionen und Behandlungen aus Sicht der Patienten.

Systematisch erfasste PROMs, kombiniert mit evidenzbasierten Informationen, helfen, die medizinische Versorgung auf die Bedürfnisse, Werte und Präferenzen der Patientinnen und Patienten auszurichten. Dabei ist es auch durchaus denkbar, dass Vergütungen zukünftig teilweise an der Zielerreichung orientiert werden. Benjamin Westerhoff von der BARMER skizzierte ein Modell von virtuellen BehandlerTeams, die einen Teil der Vergütung durch qualitätsorientierte Zuschläge erhalten.

Deutlich wurde, dass die Behandlungsqualität in Zukunft immer wichtiger wird und auch messbar sein muss. Hier warten speziell für die Gesundheitsfachberufe noch große Herausforderungen.

Weiterführende Links zum Thema:

Über uns

Pressemitteilungen BMC e.V.:

2020 01 21 PM BMC Kongress 2020

Beitragsbilder mit freundlicher Genehmigung des BMC e.V.:

© BMC/ Valerie-Siba Rousparast

„Alles neu, alles besser? – Die neue Welt der Heilmittelversorgung“

„Alles neu, alles besser? – Die neue Welt der Heilmittelversorgung“

„Alles neu, alles besser? – Die neue Welt der Heilmittelversorgung“

Ein Gastbeitrag von Claudia Czernik

Claudia Czernik

2012-2015 Ausbildung Physiotherapeutin in Leipzig, ausbildungsintegrierendes Studium Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bis 2017

2017-2020 Master of Science Public Health an der Berlin School of Public Health Interessensschwerpunkte: Weiterentwicklung der Heilmitteltherapie, health workforce, gesundheitliche Chancengleichheit, empowerment

Erste größere Veranstaltung der GKV im Heilmittelbereich

Unter dem oben genannten Motto stand die Veranstaltung „GKV live“ des GKV-Spitzenverbandes am 29.01.2020. Dazu wurden VertreterInnen aus Politik, Heilmittelverbänden und Interessierte geladen, um auf einer Podiumsdiskussion miteinander zu diskutieren.  Dabei ging es um die Auswirkungen auf die Heilmittelerbringenden aus den Änderungen der Heilmittelrichtline und den Bestimmungen aus dem TSVG (Terminservice- und Versorgungsgesetz). Auf dem Podium diskutierten dazu: Stefanie Stoff-Ahnis (Vorstand GKV-Spitzenverband), Irina Cichon (Robert Bosch Stiftung), Andreas Pfeiffer (DVE Vorsitzender), Dr. Roy Kühne (CDU/CSU Bundestagsfraktion) und Dr. Achim Kessler (Fraktion DIE.LINKE im Bundestag).

In ihrer Eröffnungsrede hob Frau Stoff-Ahnis (GKV) zunächst hervor, dass die Heilmittelerbringung in den letzten Jahren eher ein kleines Versorgungsthema war. Mit der neuen Heilmittelrichtlinie sei schon jetzt viel zur Entbürokratisierung beigetragen worden. Noch große Potentiale sehe sie in Digitalen Gesundheitsanwendungen.

Anschließend stellte Frau Cichon (Robert Bosch Stiftung) Ihre Visionen für eine moderne Heilmitteltherapie vor und mahnte dabei besonders an, dass die wohnortnahe Versorgung im ländlichen Raum bereits jetzt gefährdet sei. Sie plädiert für bedarfsgerechte und patientenzentrierte Konzepte, welche eine kontinuierliche und lückenlose Versorgung ermöglichen, anstatt wie zurzeit nur punktuelle und akute Hilfen.

Praxis der Zertifikatsleistungen ist paradoxes System

Danach startete die einstündige Podiumsdiskussion, welche mit den Themen Akademisierung, Direktzugang, Digitalisierung und, der sich aktuell in der Verhandlung befindliche Blankoverordnung, eine volle Agenda abzuarbeiten hatte. Grundsätzlich herrschte dabei, für das Publikum, erstaunlicher Konsens auf dem Podium zwischen den Protagonisten. Es war klar benannt und herausgearbeitet, dass sich die Heilmittelbranche in einem Umbruch befindet und dringend weiterentwickelt werden muss. Für Stoff-Ahnis stellte beispielsweise die Praxis der Zertifikatsleistungen in der Physiotherapie ein paradoxes System dar. Denn mit diesem System „degradiert“ man die Therapeuten von vorn herein und es gehört in dieser Form abgeschafft, so Stoff-Ahnis (GKV) in ihren Ausführungen.

Herr Pfeiffer betonte die notwendige Ausbildungsreform in seinen Ausführungen: „Das was ich 1992 in meiner Ausbildung gelernte habe, hat nichts mehr damit zu tun, was die Medizin heute ausmacht“.

Direktzugang nur bei rechtlicher Sicherheit

Unstrittig bei den Teilnehmenden waren ebenso die notwendigen Investitionen in die Akademisierung der Berufe, um die Attraktivität für TherapeutInnen selber zu steigern und um wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewinnen, welcher die Therapiemethoden forschend auf Wirksamkeit untersuchen kann. Frau Stoff-Ahnis bemerkte dazu, dass diese Wirksamkeit „…noch sehr nebelig“ sei. Evidenz sei aber aus Ihrer Sicht dringend notwendig, um beispielsweise entscheiden zu können, welche Diagnosen für die Blankoverordnung in Frage kommen. Dr. Kühne kritisierte dabei allerdings, dass es nicht ausreicht, therapeutische AkademikerInnen auszubilden, sondern dass deren Mehrwert auch in Form von erweiterten Handlungsspielräumen, besserer Vergütung und Aufstiegsoptionen im Arbeitsmarkt abgebildet werden muss. In diesem Zusammenhang stellte sich auch die Frage nach dem Direktzugang, welcher für Frau Stoff-Ahnis derzeit nicht in naher Zukunft realisierbar sei.
Dr. Kessler bedauerte, dass entsprechender Paragraf zum Modellversuch für einen Direktzugang im Gesetzgebungsverfahren zum TSVG wieder gestrichen wurde. Dr. Kühne begründete dies u.a. damit, dass es zunächst rechtlicher Sicherheit bedarf, bevor ein solcher Versuch starten kann. Diese sei so nicht gegeben gewesen.

Kaum Dialogmöglichkeiten

Weiterhin wurden auch Lösungsideen für die Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum diskutiert, welche von finanziellen Anreizen bis hin zum Aus- und Aufbau von Medizinischen Versorgungszentren reichten. Für das wichtige Thema Digitalisierung blieb am Abend leider keine Zeit mehr. Ebenso konnten am Ende nur wenige Anwesende aus dem Publikum zu Wort kommen.

Alles in allem scheint es klar, wo die Reise in den nächsten Jahren für die Heilmittelerbringer hingehen soll: Evidenzbasierung, Akademisierung, gesteigerte Handlungsautonomie. Jetzt gilt es die gesetzlichen Chancen optimal zu nutzen, um die veralteten Strukturen in der Heilmittelerbringung an die Herausforderungen der heutigen Zeit anzupassen. Diese klare Botschaft ging bei dieser Veranstaltung an alle Verbände, Hochschulen und TherapeutInnen gleichermaßen!

Weitere Links zu dieser Veranstaltung:

https://gkv-live.de/

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