Game-Changer Blankoverordnung

Game-Changer Blankoverordnung

Game-Changer Blankoverordnung

Der Blankoverordnung wird derzeit nur ein winzig kleines Maß an Liebe entgegengebracht. Die Verhandlungen stocken, inhaltlich dringt nichts nach außen und in der Logopädie wurde jüngst die Schiedsstelle von Verbänden und GKV-SV gebeten, nicht vor Ende 2022 tätig zu werden. Viele Verbandsfunktionäre scheuen sich nicht, das Modell offen abzulehnen und als Hindernis für den Direktzugang zu identifizieren.

Doch ist die Blanko VO wirklich so unsexy?

Nachweis der Wirksamkeit der eigenen Interventionen

Ein Hauptproblem der Therapieberufe ist in Deutschland die fehlende Finanzierung der Versorgungsforschung. Internationale Studien belegen immer häufiger den Nutzen von Therapie, die Ergebnisse werden jedoch häufig direkt von verschiedenen Akteuren negiert oder infrage gestellt, weil ja die Bedingungen in Ausbildung und Versorgungsstrukturen oftmals mit den hiesigen nicht vergleichbar sind. Den Therapeutinnen und Therapeuten in Deutschland fehlen für eigene Forschung die Ressourcen und so bleibt es seit Jahrzehnten dabei, dass der Nutzen der Therapieberufe nicht nur nicht belegt ist, sondern dass in der Folge das Instrument der Heilmittelversorgung immer wieder für Innovationen übersehen wird.

Die Blankoverordnung bietet hier erstmals per Gesetz die Möglichkeit, innerhalb der Regelversorgung großflächig den Nutzen und auch den Mehrwert der Therapie zu belegen. Für Forschende ein Traum, für Bedenkenträger, die vom Nutzen ihrer eigenen Leistung scheinbar nicht überzeugt sind, eher ein Schreckgespenst.

Auswahl der Indikationen

Generell spricht nichts dagegen, alle Indikationen für die Blankoverordnung freizugeben, jedoch ist die gezielte Auswahl von Indikationen für die Evaluierung der Ergebnisse ein weiteres Geschenk für die Leistungserbringer. Der Gesetzgeber schaut hin und sagt: „Hey Leute, zeigt mal, was Ihr könnt!“

Dabei erscheint eine Fokussierung auf Indikationen, bei denen bereits Leitlinien und entsprechende Assessments vorhanden sind, sinnvoll, um mit der Evaluierung auf entsprechend valide Daten zugreifen zu können. Ebenso könnte man sich auf Bereiche konzentrieren, bei denen eher eine Unterversorgung vermutet wird, oder die von kontinuierlicher therapeutischer Versorgung erheblich profitieren könnten. Hierzu zählt der Bereich der seltenen Erkrankungen oder auch LongCovid. Auf den möglichen Nutzen einer Blankoverordnung für die Versorgung von Covid-19 oder LongCovid hatten wir bereits hingewiesen (https://tal-ggmbh.de/analyse-zur-umfrage-von-patienten-nach-covid-19-erkrankung/

Wissenstransfer

Beschränkt man sich bei der Blankoverordnung beispielsweise auf Indikationen für die Leitlinien vorliegen, würde sich die Chance ergeben, durch Information der teilnehmenden Leistungserbringer den Wissenstransfer in die praktische Tätigkeit zu verbessern und TherapeutInnen für evidenzbasiertes Arbeiten großflächig zu begeistern. So könnte die Blankoverordnung auch für eine Verstetigung der Evidenzbasierten Therapie und damit nachhaltig insbesondere im Bereich der Physiotherapie für eine bessere Versorgungsrealität sorgen.

Dauer und Frequenz der Therapie

Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit für die TherapeutInnen, die Frequenz und die Dauer der einzelnen Behandlungen selbst bestimmen zu können. Tagesaktuell könnte die Intensität der Therapie auf die Bedürfnisse der PatientInnen angepasst werden, wodurch die Möglichkeit entsteht, aus den bisherigen starren therapeutischen Zeitrahmen – die im Übrigen nicht annähernd therapeutisch zu begründen sind – ausbrechen zu können. Hier liegt eine große Chance für mehr Behandlungsqualität und auch für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Behandelnden.

Die Dauer und Frequenz und damit die Intensität der Therapie individuell an die Bedürfnisse der PatientInnen anpassen zu können, kann bedeuten, täglich zu behandeln, Behandlungspausen einzulegen oder einzelne Termine (dann auch als Videotherapie) evtl. als Coaching zu nutzen.

Hieraus ergeben sich nicht nur für die jeweilige Behandlung Vorteile, sondern auch in der Praxisorganisation würden sich zeitliche Fenster ergeben, die beispielsweise zur Reduzierung der Wartelisten genutzt werden können.

 

Budgetverantwortung

Als Schreckgespenst malen die Bedenkenträger neben der angeblichen Blockade des Direktzugangs auch die Budgetverantwortung in dunklen Farben an jede Wand.

Faktisch bleibt die Blankoverordnung eine verordnete Leistung. Somit ist ein Globalbudget auch rechtlich gar nicht möglich, denn Auslöser für die Nachfrage der Leistung bleibt die ärztliche Verordnung. Zwar fordert der Gesetzgeber „Maßnahmen zur Vermeidung einer unverhältnismäßigen Mengenausweitung in der Anzahl der Behandlungseinheiten je Versicherten, die medizinisch nicht begründet sind“, diese Maßnahmen gibt es jedoch bereits in Form z. B. der orientierenden Behandlungsmenge. Lediglich die Übertragung in den Vertrag nach § 125a SGB V bleibt hier Aufgabe der Verhandlungspartner. Eine Budgetverantwortung fordert der Gesetzgeber explizit nicht.

Davon abgesehen stellt sich die Frage, ob die Leistungserbringer durch die Erfahrungen aus der Blankoverordnung dann nicht eher Kompetenzen erlernen, die später eine Übernahme von Budgetverantwortung erleichtern, wenn der nächste Schritt in Richtung Direktzugang erfolgt und sich damit ein Globalbudget tatsächlich begründen ließe. Wobei man auch beachten sollte, dass die negativen Auswirkungen einer Budgetierung im ärztlichen Bereich bekannt sind und die politische Diskussion gerade unter einer neuen Bundesregierung eher in Richtung einer Aufhebung der Budgetierung zu erwarten ist.

Fazit:

Entgegen allen Bedenken muss man die Blankoverordnung als große Chance sehen. Man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei schon um die Regelversorgung handeln wird. Die Heilmittelerbringenden haben hier die Möglichkeit, ihre Stärken unter Beweis zu stellen und bei der Evaluierung unter Zuhilfenahme von Routinedaten der GKV den Nutzen von Therapie für das Gesamtsystem zu belegen. Eine Budgetverantwortung muss ebenso wenig gefürchtet werden wie die dauerhafte Blockierung des Direktzugangs. Eher werden durch die Blankoverordnung die Grundlagen für den Direktzugang geschaffen. Ebenso besteht die einmalige Möglichkeit, den Wissenstransfer in die praktische Tätigkeit zu verbessern und die Notwendigkeit einer akademischen Ausbildung und des evidenzbasierten Arbeitens zu belegen.

Gelingt den Heilmittelerbringenden und speziell deren Vertretern an dieser Stelle ein wenig visionäres Denken, so wird deutlich: Die Blanko-Verordnung hat das Potenzial, die Versorgungsrealität grundlegend zu ändern und die Wahrnehmung der Therapieberufe als eigenständige Professionen zu untermauern. Damit wäre die Blanko-Verordnung der lang ersehnte Gamechanger in der ambulanten Heilmittelversorgung.

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Die Verortung der ambulanten Ergotherapie – Inteview mit Anne Scheiding

Die Verortung der ambulanten Ergotherapie – Inteview mit Anne Scheiding

Der Ort der Leistungserbringung in der ambulanten ergotherapeutischen Praxis

Interview mit Anne Scheiding

Frau Anne Scheiding ist ausgebildete Ergotherapeutin und Inhaberin von zwei Praxen in Oldenburg. (Praxis für Ergotherapie und Ergo-Verhaltenstherapie, Praxis für Supervision und systemische Therapie). Zusätzlich absolvierte sie folgende Aus- und Fortbildungen:

  • Systemische Therapeutin
  • Hypnosetherapeutin (nach Milton Erickson)
  • Traumatherapeutin
  • Ergoverhaltenstherapeutin
  • Psychologische Beraterin (zertifiziert)
  • Entspannungstrainerin
  • Fortbildungen in den Bereichen „Hochbegabtenberatung und -diagnostik“, „Burn-out und Depression“, „Mobbing und Cybermobbing“ sowie „Prüfungs- und Leistungsängste“

Mit Frau Scheiding sprachen wir über die Problematik der Verortung der ergotherapeutischen Leistungserbringung.

  1. Ergotherapie ist ein klientenbezogener Gesundheitsberuf. Welche Bedeutung kommt dabei dem Ort der Leistungserbringung zu?

Als Ergotherapeutin habe ich schon in der Ausbildung gelernt, funktionsbezogen zu therapieren. Dort musste ich z. B. ein Konzept für ein Einkaufstraining erstellen. In der Therapie wollen wir die Patient*innen umfassend funktionell fördern. Gerade bei neurologischen und psychischen Erkrankungen beinhaltet die individuelle und patientenbezogene Zielsetzung der Therapie andere Settings als das häusliche Umfeld oder die Praxisräume. Je nach Erkrankung hat der Ort der Leistungserbringung somit einen ganz entscheidenden Anteil an dem Therapieerfolg.

  1. In § 11 der Heilmittelrichtlinie (HeilM-RL) wird der Ort der Leistungserbringung auf die Praxisräume und das häusliche Umfeld der Patient*innen begrenzt. Ist das für eine effektive Therapie sinnvoll?

Wir arbeiten sehr viel mit Patient*innen, die unter psychischen Erkrankungen leiden. Dabei kommt es natürlich auch vor, dass ganz alltägliche Abläufe wie das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, einkaufen oder berufliche (Re-) Integration trainiert werden müssen. Also alltägliche Dinge auch in der Interaktion mit anderen Menschen. Diese Belastungen kann man in Praxisräumen nur sehr bedingt und nur bis zu einer begrenzten Intensität simulieren. Gleiches gilt auch für Fälle von Schulverweigerung, bei denen logischerweise auch im schulischen Alltag trainiert werden müsste. In all diesen Fällen führt eine Verlagerung des Ortes der Leistungserbringung in die Praxisräume unweigerlich zu einer längeren Therapiedauer. Das wissen auch die Krankenkassen und haben daher eigentlich eine Ausnahmeregelung in die Verträge implementiert.

3. Politik und Kostenträger möchten nach eigener Aussage die Effizienz der Leistungserbringung verbessern. Aus Ihrer Sicht wäre dies in der Ergotherapie allein schon durch eine Flexibilisierung des Ortes der Leistungserbringung zu erreichen?

Ja, absolut. Wir haben hier vor Ort z. B. das Problem, dass es für Erwachsene mit den Diagnosen ADHS oder Autismus kaum eine Möglichkeit einer gezielten Diagnostik gibt. Folglich wird noch nicht einmal eine Verordnung für einen Hausbesuch ausgestellt, sodass zumindest eine Therapie im häuslichen Umfeld stattfinden könnte. Alle anderen Settings entfallen dann sowieso. Es geht also zusätzlich auch erheblich viel Zeit verloren, bis eine Therapie nur annähernd alle Bereiche abdecken kann. In diesem Umfeld ist es sogar fast unmöglich, aktuelle Leitlinien zu beachten und evidenzbasiert zu arbeiten.

 

  1. Sie selbst haben rechtliche Probleme mit der Regelung des § 11 bekommen. Können Sie kurz schildern, was Ihnen konkret vorgeworfen wird und welche Konsequenzen drohen?

Ich habe in einer Fortbildung und auch in neueren Studien von den positiven Effekten des therapeutischen Kletterns erfahren. Daraufhin habe ich mit wenigen Patientinnen und Patienten eine örtliche Kletterhalle besucht und die dortigen Ressourcen für die Therapie genutzt. Den Patient*innen sind dabei keine zusätzlichen Kosten entstanden, sie konnten aber von den Bedingungen der Umgebungserfahrung, der Kletterhöhe und dem Kontakt mit anderen Menschen deutlich profitieren. Allerdings interpretiert die AOK Niedersachsen ihren eigenen Rahmenvertrag scheinbar willkürlich. Aufgrund dessen droht mir jetzt eine Geldstrafe.

5. Wie wirkt sich diese Anschuldigung auf Ihre konkrete Praxisorganisation und auf die Versorgung Ihrer Patient*innen aus?

Die Ermittlungen liefen von mir unbemerkt zunächst im Hintergrund. Hier wurden stichprobenartig Patienten und Patientinnen zur Ermittlung von der Polizei einbestellt, darunter auch Kinder. Als ich von diesen Ermittlungen erfuhr, hat mich das emotional und psychisch sehr belastet. Ich kannte die jeweilige Situation der Betroffenen und konnte mir nur schwer vorstellen, wie gerade psychisch belastete Kinder auf diese Befragung durch die Polizei reagieren würden. Das hat neben dem nachhaltigen Reputationsschaden bei mir schwere Schuldgefühle ausgelöst. Natürlich habe ich dann jedes Mal dreimal überprüft, ob ich irgendeine Vorschrift übersehen habe oder diese fehlerhaft interpretieren könnte. Auch der Gedanke, den Beruf an den Nagel zu hängen, war sehr lange präsent. Heute geht es im Praxisalltag vornehmlich darum, sich im korrekten Rahmen zu bewegen und weniger um effektive Behandlungsstrategien. Das frustriert sehr und macht die ohnehin herausfordernde Arbeit nicht leichter.

Anmerkung

Auf Nachfrage konnte die AOK Niedersachsen sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern, signalisierte jedoch grundsätzlich Bereitschaft, einer Diskussion über den Ort der Leistungserbringung in der Ergotherapie gegenüber offen zu sein.

Generell muss diskutiert werden, ob das konsequente Einhalten von vertraglichen Rahmenbedingungen im Sinne der Patientenversorgung sinnvoll ist, wenn absehbar diese Rahmenbedingungen eine unwirtschaftliche Leistungserbringung provozieren und somit eventuell andere gesetzliche Vorschriften außer Acht lassen. Ebenso ist eine Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in diesem Fall und die Abwägung von Patientennutzen und entstandenem finanziellen „Schaden“ zu beachten.

Zusätzliche Informationen:

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Lasst uns endlich die Versorgung verbessern – Ein Appell

Lasst uns endlich die Versorgung verbessern – Ein Appell

Lasst uns endlich die Versorgung verbessern – ein Appell

Wir leben schon jetzt in einer Realität, in der Gesundheitsthemen einen wichtigen Wachstumsfaktor für unsere Volkswirtschaft darstellen. So fallen beispielsweise immer häufiger erfahrene Arbeitskräfte aus, weil sie die Pflege von Angehörigen organisieren oder sicherstellen müssen. Therapieberufe können Pflegezeiten vermeiden oder verkürzen, sie sichern Teilhabe, fördern die Gesundheit und können die Arbeitsfähigkeit wieder herstellen.

Gleichzeitig erleben wir sicher bald auch eine Realität, in der unser Smartphone uns tagesaktuell sagen kann, zu wie viel Prozent wir krank sind und uns Vorschläge unterbreitet, was wir tun können, um die Gesundheit zu verbessern und Krankheit effektiver zu vermeiden. Die Anforderungen an die Gesundheitsdienstleister werden sich absehbar verändern.

Wir brauchen Behandler-Teams, die aus Experten unterschiedlicher Disziplinen bestehen und Patienten, die in die Lage versetzt werden, als Manager ihrer eigenen Gesundheit zu agieren. Was wir nicht brauchen, sind altbackene Kompetenzgefechte und hierarchisches Denken aus Kaisers Zeiten oder eine Leistungserbringung in guter alter Bädertradition. All dies wissen wir und trotzdem tritt die Heilmittelversorgung derart heftig auf der Stelle, dass derzeit keine Schritte vorwärts in Richtung einer zukunftsorientierten Patientenversorgung zu erkennen sind.

Weder eine Modernisierung der Berufsgesetze, eine Entstaubung des Fortbildungswesens, eine nachhaltige Stärkung der akademischen Strukturen oder der notwendigen Forschung noch eine stärkere Einbindung in die Versorgungsverantwortung sind bisher in greifbare Nähe gerückt.

Die Vertreter der Kostenträger und der Therapieberufe ringen seit eineinhalb Jahren in zähen Verhandlungen um Vertragsdetails und Vergütungen. Selbst das Mittel des Schiedsverfahrens schafft keine klaren Ergebnisse. Dabei scheinen die Fronten derart verhärtet zu sein, dass man sich die Frage stellen muss, wie es überhaupt möglich sein soll, dass die gleichen Personen jetzt aus der Sicht der Patientenversorgung sinnvolle Verträge für die neue Versorgungsform der Blankoverordnung vereinbaren. Denn auch hier beherrschen nicht etwa konkrete Indikationen oder zu evaluierende Qualitätskriterien die Diskussionen, sondern Maßnahmen zur Reduzierung von eventuell möglichen Mengenausweitungen und Budgetverantwortungen. Gerade aufseiten der Kostenträger scheint der Patient als unersättlicher Nachfrager nach Wellnessbehandlungen und passiven Maßnahmen gesehen zu werden und der Therapeut als der unreflektierte Leistungsanbieter, der diese kruden Bedürfnisse bereitwillig erfüllt. Doch wie soll unter dieser Prämisse auch nur ansatzweise eine moderne Patientenversorgung gelingen?

Vielleicht würde es helfen, die anstehenden Verhandlungen zur Blankoverordnung unter neutraler Mediation und Moderation stattfinden zu lassen. Die Selbstverwaltung sollte ein großes Interesse an einem baldigen Ende des Verhandlungsmarathons haben, denn ein erneutes Eingreifen der Politik speziell im Wahljahr, wäre nicht überraschend, zumal der Unmut und der Widerstand aufseiten der Therapeutinnen und Therapeuten sich gerade neu formiert.

Wie auch immer, ob durch ein politisches Eingreifen, erfolgreiche Verhandlungen oder durch einen klaren, unmissverständlichen Schiedsspruch: Auf  der Dauerbaustelle „Heilmittel“ muss es endlich vorwärts gehen.

TAL gGmbH 09.03.2021

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Blankoverordnung – Ein Interview mit MdB Dr. Roy Kühne

Blankoverordnung – Ein Interview mit MdB Dr. Roy Kühne

(c) Deutscher Bundestag - Thomas Trutschel

(c) Deutscher Bundestag – Thomas Trutschel

Kurzvita: Dr. Roy Kühne, MdB CDU

Dr. Roy Kühne MdB, Jahrgang 1967, hat Lehramt für Gymnasien in den Fächern Biologie und Sport an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale studiert. Im Anschluss promovierte er dort zum Dr. phil. mit der Arbeit „Heben und Tragen unter kinästhetischem Aspekt“. Kühne ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie im niedersächsischen Northeim. Seit 2013 gehört er dem Deutschen Bundestag und dort dem Ausschuss für Gesundheit an. Er ist Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Heilmittel, Hilfsmittel und Pflege.

Hintergrund:

Holprig gestaltete sich die Umsetzung von Modellvorhaben zur sogenannten Blankoverordnung in der Umsetzung des Heil- und Hilfsmittel Versorgungsgesetzes (HHVG), woraufhin nun der Gesetzgeber mit § 125a SGB V das Versorgungsmodell kurzerhand zur Regelversorgung deklarierte.
Die erforderlichen Verträge sollen bis zum 15. März 2021 zwischen der GKV und den maßgeblichen Berufsverbänden geschlossen werden. Wir sprachen dazu mit MdB Dr. Roy Kühne (CDU). 

TAL gGmbH 18.02.2021

Gemäß §125a Abs.1 SGB V sollen bis zum 15. März Verträge zur Blanko-Verordnung geschlossen werden. Wie ist der aktuelle Umsetzungsstand nach Ihrer Kenntnis?

Meinem Kenntnisstand nach verhandeln die maßgeblichen Verbände auf Bundesebene derzeit mit den Krankenkassen dazu.

Allein die im Gesetz aufgeführten Punkte, die vertraglich zu regeln sind, sind recht komplex. Halten Sie einen fristgerechten Vertragsabschluss für machbar?

Die Frist 15.03.2021 haben wir verbindlich vorgegeben, ich bin nicht bereit diese jetzt aufzugeben. Dass die Verhandlungen so spät begonnen haben ist schade, sicherlich aber auch der pandemischen Lage von nationaler Tragweite und den sehr schwierigen und langwierigen Verhandlungen inkl. der laufenden Schiedsverfahren geschuldet.

Der Gesetzgeber fordert schon zu Beginn „Maßnahmen zur Vermeidung einer unverhältnismäßigen Mengenausweitung in der Anzahl der Behandlungseinheiten je Versicherten, die medizinisch nicht begründet sind“. Der Gesetzgeber geht also davon aus, dass es fast zwangsläufig zu einer Mengenausweitung kommt, woher stammt diese Annahme und ist sie aus Ihrer Sicht begründet?

 

Wir haben in einem Modellprojekt nach § 63 Abs. 3b SGB V  diesen Trend feststellen müssen: Im Beobachtungszeitraum von drei Monaten ab Behandlungsbeginn zeigten sich höhere Kosten, ebenfalls konnte eine Mengenausweitung festgestellt werden. Die Gefahr einer automatischen Mengenausweitung sehe ich nicht. Ich bin mir sicher, dass die Therapeuten sehr verantwortungsvoll mit dieser Möglichkeit der Behandlung umgehen. Die Blankoverordnung soll dem Patienten helfen besser versorgt zu werden, daher müssen sich die Entscheidungen nach dem Versicherten und dem Patientenwohl richten.

Aktuell wird eine mögliche Budgetverantwortung auf Seiten der Therapeut_Innen diskutiert. Technisch bleibt die neue Versorgungsform eine veranlasste Leistung. Ist eine Budgetverantwortung dann übertragbar?

Diese Diskussion muss geführt werden. Die Ärzteschaft hat nach der Indikationsstellung einer Blankoverordnung quasi keinen Einfluss auf die Auswahl und die Dauer der Therapie bzw. auf die Frequenz der Behandlungseinheiten. Ich bin der Auffassung, dass die Therapeuten die Budgetverantwortung auch wirklich meistern können. Gleichzeitig müssen wir die Ärzteschaft von dieser Last entbinden. Ein Vertrag zu Lasten Dritter ist generell unzulässig, dies müssen wir auch bei der Blankoverordnung umsetzen.

Die Verträge sollen auch Möglichkeiten zur Bestimmung der Dauer der einzelnen Behandlungseinheiten durch den Leistungserbringer sowie Regelungen zu der daraus resultierenden Preisstruktur enthalten. Unterliegen dann die Leistungen, die im Rahmen der neuen Versorgungsform erbracht werden, einer eigenen Preisgestaltung?

Grundsätzlich ist dies möglich, dass sollen aber die Verhandlungen zwischen den Verbänden und dem GKV-Spitzenverband zeigen. Es geht insbesondere um den „Preis pro Minute“: Wenn der Therapeut der Auffassung ist, dass eine längere Behandlungszeit angebracht ist, dann muss diese Mehrarbeit natürlich auch besser vergütet werden. Sonst fallen wir unter die neu geschaffenen Standards durch die bundeseinheitlichen Preise zurück, das wäre fatal!

Welche konkreten Verbesserungen erwarten Sie für die Patientenversorgung durch die neue Versorgungsform?

Ich erhoffe mir gerade aus Patientensicht deutliche Erleichterungen: der Therapeut kann individueller entscheiden und passgenauer mit dem Patienten arbeiten. Das bedeutet eine individuellere Versorgung und schafft Einsparpotentiale im GKV-Bereich. Für die Therapeuten bedeutet es künftig, dass sie im Rahmen der Regelungen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten direkter einbringen können und den Versicherten individueller unterstützen und behandeln können. Aus meiner Sicht eine win-win-win-win-Situation für Patient, Arzt, Krankenkasse und Therapeut.

Wie ist die Akzeptanz der neuen Versorgungsform? Bekommen Sie als Berichterstatter Rückmeldungen von TherapeutInnen, deren Verbänden oder den Kostenträgern?

Mein Eindruck ist, dass sich viele Verbände zu Beginn geweigert hatten die Blankoverordnung voranzubringen. Natürlich ist der Direktzugang weiterhin auch für mich ein wichtiges politisches Anliegen an dem ich weiterhin arbeiten werde. Bis es soweit ist dürfen wir uns aber anderen innovativen Versorgungswegen nicht verschließen. Daher ist es gut, dass jetzt endlich alle bereit sind an den Verträgen zur erweiterten Versorgungsverantwortung nach § 125a SGB V mitzuwirken. Von Seiten der Therapeuten bekomme ich viel positiven Zuspruch zu dieser Möglichkeit, viele wollen ihr vorhandenes Wissen und ihre erlernten Fähigkeiten gerne direkter am Patienten einbringen.

Sind Sie mit den aktuellen Prozessen rund um die Einführung der neuen Versorgungsform zufrieden?

 

Wichtig ist, dass sie jetzt endlich zu Stande kommen um dem Innovationsgedanken der erweiterten Versorgungsverantwortung gerecht zu werden. Das ist der nächste Schritt. Parallel arbeite ich bereits am übernächsten Schritt: dem Direktzugang.

Weitere Informationen zum Thema:

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität – Interview mit Martina Stöckl (TU München)

Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität – Interview mit Martina Stöckl (TU München)

Frau Martina Stöckl M.Ed. - TU München

Martina Stöckl ist seit 2007 Physiotherapeutin. Sie absolvierte ihr Studium an der TU München (B. Ed., M. Ed.) im Studiengang berufliche Bildung, Fachrichtung Gesundheits- und Pflegewissenschaften mit Sozialkunde.

Seit 2018 promoviert sie an der TU München – Fakultät TUM School of Education. Martina Stöckl forscht auf dem Gebiet „Ausbildung, Akademisierung und Professionalisierung der Physiotherapie in Deutschland“.

„Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität“

Wenn wir die Professionalisierung der Physiotherapie als Weg sehen, wo stehen wir dann in Deutschland?

Eine Professionalisierung in der Physiotherapie hängt von mehreren Faktoren ab. Eine Grundvoraussetzung ist, dass ein Weg durchgängig ist.

Im übertragenen Sinne ist ein durchgängiges Bildungssystem bis hin zur Möglichkeit der Promotion an Universitäten unumgänglich. Wenn wir die Professionalisierung in Deutschland als Weg sehen, stehen wir im Moment vor einer riesigen Umleitung. Das ist ziemlich ungünstig für alle Beteiligten, denn dieser Umweg führt in keinster Weise sicher wieder nach Deutschland oder ins Gesundheitswesen zurück.

Österreich oder die Schweiz wirken hoch attraktiv, gerade für akademisierte oder sehr gut ausgebildete Physiotherapeuten. Es besteht die Gefahr, dass Physiotherapeuten aufgrund dieser fehlenden, durchgängigen Straße – also das Fehlen eines durchgängigen Bildungsweges – erst herumirren und anschließend das Berufsfeld komplett verlassen.

Einige wenige PhysiotherapeutInnen finden tatsächlich eine Möglichkeit an den verschiedensten Universitäten in Deutschland zu promovieren. Das ist aber eher die Ausnahme und in den meisten Fällen über die sogenannten Bezugswissenschaften möglich. Das bedeutet, dass uns andere Wissenschaften einen Platz an einer Universität anbieten, weil wir selbst keinen haben.

Sicher ist, dass diese promovierten Physiotherapeuten mit ihrem „Know-How“ hier in Deutschland eine Perspektive brauchen.

Das ist die Voraussetzung um einer gelingenden Professionalisierung mit all ihren neuen Berufsperspektiven überhaupt eine realistische Chance geben zu können.

Welche Hindernisse bestehen aktuell für eine Professionalisierung?

 

Gerade in Deutschland gibt es viele Hindernisse in ganz unterschiedlichen Dimensionen.

  • Gefahr durch Studiengänge ohne anerkannten Abschluß
  • Geringe Aufstiegsmöglichkeiten in der Praxis
  • Schlechte Bezahlung
  • Wenig Berufsautonomie
  • Diffuse berufliche Identität
  • Keine gemeinsame Berufsethik
  • Berufliche Organisation nicht einheitlich
  • Fehlende therapeutische Disziplinargewalt
  • Wissenschaftlich nicht belegbare Fortbildung

Dies sind nur einige, aber wichtige Punkte.

Ich lade Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich vor, wir hätten ein durchlässiges Bildungssystem in der Physiotherapie und einige Physiotherapeuten würden ganz selbstverständlich an Universitäten in Deutschland promovieren. Dann hätten wir Kollegen, die sich nicht nur naturwissenschaftlich sondern auch geisteswissenschaftlich mit der Physiotherapie und ihren vielen Facetten beschäftigen.

Diese WissenschaftlerInnen können dann ihre Erkenntnisse ganz selbstverständlich auf nationaler und internationaler Ebene veröffentlichen. Erstmals kommt es zur Diskussion in der Fachöffentlichkeit von Erkenntnissen und selbstverständlich auch unter anderen Berufsgruppen.

Da dieses Feld des Auftretens in der Physiotherapie in Deutschland komplett fehlt, verlieren sich Diskussionen meist in einer kleinteiligen Betrachtung. Ein Beispiel ist die Einordnung der Therapieberufe ausschließlich als „Handwerk“. Eigentlich ist es aber eine ganz eigene Wissenschaft!

Die Wissenschaft der Physiotherapie ist angesiedelt im Gebiet der Natur- aber auch  Geisteswissenschaften!

Krankenkassen fürchten eine Kostenausweitung, Ärztefunktionäre Kompetenzverlust für die Ärzteschaft. Sind diese Sorgen berechtigt?

 

 

Wenn unsere Kollegen der Ärzteschaft mit der Anzahl der Patienten ausgelastet sind und gleichzeitig noch Physiopraxen „akute“ Patienten innerhalb von 14 Werktagen keinen freien Termin anbieten können, kommen wir gesamtgesellschaftlich in einer sehr ungünstigen Versorgungssituation.

Dann kommen die gleichen Patienten unbehandelt zurück in die mit hoher Wahrscheinlichkeit noch immer überfüllten Arztpraxen. Eine Verschlechterung des allgemeinen Patientenzustandes ist zusätzlich zu erwarten.

Sicher ist, es braucht ein aktuelles Rezept, um die Behandlung beim Physiotherapeuten erneut und erstmals antreten zu können! Wenn es sich hierbei nicht um einen beschriebenen Einzelfall handelt, ist es an der Zeit, solche zukünftigen Tendenzen durch wissenschaftliche Lösungsvorschläge abzufangen!

Selbstverständlich können dann auch genaue Rückschlüsse auf Kosten gezogen werden.

Um auf ihre Frage zurückzukommen:

Ich denke die größte Sorge die Ärztefunktionäre, Ärzteschaft und Krankenkassen haben sollten ist, wenn Wissenschaft in den Therapieberufen weiter stagniert!

In welchem Zusammenhang stehen die Akademisierung und Qualitätssicherung für die Patientenversorgung?

 

 

Die Akademisierung ist die Grundvoraussetzung zum Aufbau einer wissenschaftlichen Basis.

Über die Wissenschaft lassen sich Eckpunkte für eine Sicherung der Versorgungsqualität ermitteln, die letztendlich zu einer hochwertigen Leistung führen. Nur so können PatientInnen, TherapeutInnen und Kostenträger gleichermaßen profitieren. Über die wissenschaftliche Betrachtung können wir herausfinden, welche Aspekte in der Versorgung notwendig sind, um PatientInnen effektiv zu behandeln, TherapeutInnen zu entlasten und nebenbei sogar noch Kosten zu senken.

Nicht selten führen Innovationen langfristig zu einer Kostensenkung! Dabei gilt es wichtige Prozesse im Detail zu analysieren, um Zusammenhänge zu verstehen.

Was muss sich ändern?

 

 

 

Es bedarf eines Verständnisses darüber, dass eine Akademisierung in einem durchgängigen Bildungssystem bis hin zur Möglichkeit der Promotion die Grundlage für Wissenschaft, Forschung und Fortschritt ist.

Dies gilt auch im Bereich der Physiotherapie. Der sogenannte Professionalisierungsprozess darf nicht in der Sackgasse mit einem Bachelorabschlusses und kaum Mehrwert enden.

Es sollte das Ziel einer „professionalisierten Physiotherapie“ angestrebt werden, die“ beste Version ihrer selbst“.

Die Versorgung der Menschen in Deutschland darf nicht länger an mangelnder Wissenschaft in den Therapieberufen leiden.

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Ergebnisoffene Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026 – Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

Ergebnisoffene Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026 – Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

Prof. Dr. Heidi Höppner - ASH Berlin

Frau Prof. Dr. Heidi Höppner ist seit 2002 Professorin für Physiotherapie und engagiert sich seitdem für eine zukunftsorientierte Ausbildung und entsprechende hochschulische Rahmenbedingungen.

Seit 2012 ist sie im primärqualitativen Studiengang Physio- Ergotherapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin tätig.

Ihr Kommentar zum vorgelegten Referentenentwurf und zur „ergebnisoffenen Verlängerung akademischer Strukturen bis 2026“.

Hintergrund:

Im sogenannten Omnibusgesetzes mit dem Namen „Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (Gesundheitsversorgungsentwicklungsgesetz – GVWG)“.  Unter Abschnitt II.26 auf S. 49 heißt es im Wortlaut:

„Die Modellklauseln zur Erprobung von akademischen Ausbildungsangeboten in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie werden bis Ende 2026 verlängert. Derzeit sind sie bis Ende 2021 befristet. Die Verlängerung ermöglicht den Ländern, gewachsene Strukturen akademischer Erstausbildungen zunächst fortzuführen.

Die bestehenden Modellstudiengänge können gegebenenfalls ein wichtiger Baustein sein, um reguläre akademische Ausbildungsangebote aufzubauen. Vor diesem Hintergrund ist die Verlängerung der Modellklauseln Voraussetzung für eine ergebnisoffene Entscheidungsfindung, ob und wenn ja in welcher Ausgestaltung die jeweilige Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie akademisiert werden soll.“

Primärqualifizierendes Studium auf die lange Bank geschoben

Mich trifft sehr, dass Innovation bewusst ausgebremst wird. Konkret bedauere ich, dass im Falle der weiteren Verlängerung, Hochschulen mit all den seit Jahren Engagierten weiter hingehalten und (potentielle) Studierende verunsichert werden. Denn, der Ausgang ist lt. Entwurf ergebnisoffen. Für mich ist das eine Farce.

Alle Ziele, die mit einem primärqualifizierenden Studium, also einem für die Berufsausübung vorbereitendem Studium, verbunden sind, werden somit auf die lange Bank geschoben und so die Zielerreichung gefährdet. Dabei stehen wir vor großen Aufgaben im System gesundheitlicher Versorgung und die therapeutischen Berufe sind aktuell gefordert. Worum es geht:

 

  • um eine notwendige wissenschaftliche Fundierung beruflicher Praxis und
  • Professionalisierung,
  • um die Einlösung einer gesetzlich geforderten Qualitätssicherung therapeutischer Leistungen,
  • um Kooperation aller Gesundheitsberufe und damit ein Ernstgenommen werden der Therapeut_innen als bedeutende Akteur_innen in der Gesundheitsversorgung sowie
  • um einen internationalen Anschluss an Forschung und Entwicklung seitens deutscher Therapieberufe und schlicht
  • um Attraktivität für den Nachwuchs.

Evaluationsergebnisse machen Mut für die Zukunft

Trotz und mit Corona: besonders trifft mich mit welcher Ignoranz das BMG unsere als positiv belegte Arbeit der letzten zehn Jahre zur Kenntnis nimmt.

Die Hausaufgaben an Hochschulen sind – unter schwierigen Bedingungen – gemacht. Evaluationsergebnisse machen Mut für die Zukunft und zeigen bereits jetzt offene Fragen.

Schon 2012 hat der Wissenschaftsrat sich in seinen Empfehlungen zur hochschulischen Qualifikation für das Gesundheitswesen – auch nach Anhörung von Expert_Innen aus der Versorgung – für die Einrichtung primärqualifizierender Studiengänge ausgesprochen.

Was ist in Deutschland das Problem?

Was jetzt passiert bedeutet einen erheblichen Innovationsstau in der Gesundheitsbildung der Therapieberufe. Mit diesem Vorschlag aus dem BMG wird Neues bewusst ausgebremst.

Die Frage sei gestattet: Was – bitte – ist in Deutschland das Problem? Warum entscheiden sich andere Länder (zuletzt Österreich und die Schweiz vor 15 Jahren) konsequent und geben somit Wege für Anpassungsprozesse der Gesundheitsfachberufe frei?

Verantwortung muss die Politik für das Tun und Lassen (!) übernehmen. Fakt ist: hier werden Chancen nicht ergriffen und Modellversuche vorgeschoben.

Ein konsequentes Ja zur Primärqualifikation an Hochschulen – jetzt!“ Der zitierte Titel meines Artikels ist nicht neu – er stammt bereits aus dem November 2016 – kurz vor der 1. Verlängerung der Modelle! Diese Forderung nach Entfristung der Modellklausel in den Berufsgesetzen gilt es heute deutlich vorzubringen.

09.11.2020

Kommentar von Prof. Dr. Heidi Höppner

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Die TAL gGmbH finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und regelmäßige Förderbeiträge. Diese Zuwendungen helfen uns unabhängig zu bleiben und unsere Tätigkeit kontinuierlich auszubauen.Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer