Auswirkungen von Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Analyse 16.03.-21.03.2020

Auswirkungen von Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Analyse 16.03.-21.03.2020

Auswirkungen des Corona-Virus auf die Heilmittelversorgung

Online Kurzbefragung für selbständige Heilmittelerbringer für den Zeitraum vom 16.-20.03.2020 (Woche 2)

 

In Anlehnung an die in der Vorwoche durchgeführte Online-Befragung wurden die teilnehmenden Heilmittelerbringer gebeten Angaben zu Ausfallgründen und zu Themen wie Auslastung, wirtschaftlichem Risiko und Erfahrungen mit Gesundheitsbehörden zu machen. Aufgrund der vielen persönlichen Rückmeldungen wurde in dieser Woche zusätzlich die Möglichkeit einer Kommentarfunktion eingeführt von der 358 Befragte Gebrauch machten. Insgesamt lag die Teilnehmerzahl mit 1791 weit über der Zahl der Umfrageteilnehmer der Vorwoche mit 710 Teilnehmern. Die größten Gruppen stellten die Physiotherapie mit 53% und die Ergotherapie mit 28% der TeilnehmerInnen.

Bei der Frage nach der Betriebsgröße stellten Kleinunternehmen mit 4 bis 10 MitarbeiterInnen mit knapp 40% die größte Gruppe dar. (Abb.1)

(Abb.1 Verteilung nach Betriebsgrößen)

Fehlende Kinderbetreuung als zusätzlicher Ausfallgrund

Befragt nach den häufigsten Ausfallgründen gaben die Teilnehmer als Hauptgrund mit 95% (Vorwoche 77%) die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten an, obwohl keine Erkrankung akut vorlag. Aber die TherapeutInnen übernahmen auch vorsorglich Verantwortung und sagten von sich aus in Absprache mit den Patienten und Patientinnen in 74% (Vorwoche 52%) ab. Auch Absagen durch generelle Besuchsverbote oder Absagen von Einzelterminen in Pflegeeinrichtungen waren wieder mit knapp 59% (Vorwoche 52%) der dritthäufigste Ausfallgrund. Von 11% auf knapp 30% sind die Ausfälle aufgrund der Überlastung der ärztlichen Praxen angestiegen. Neu hinzugekommen sind Terminausfälle wegen fehlender Kinderbetreuung bei TherapeutInnen. Dieses Problem betraf mit knapp 20% jeden fünften Betrieb. Deutlich häufiger trat mit 27% (Vorwoche 12%) auch der Fall ein, dass Patienten sich in Quarantäne befanden (Abb.2).

(Abb.2 Ausfallgründe)

(Abb.3 Umsetzungsstand von Schutzmaßnahmen)

Es fehlt an Schutzmaßnahmen

Bei der Frage nach dem Umsetzungsstand der Schutzmaßnahmen gaben 8% der Betriebe an über keine Informationen zu verfügen. 19% wussten nicht, welche Maßnahmen konkret einzuhalten sind und orientierten sich an den bisherigen Hygieneplänen. Mit 56% gab die Mehrheit der Betriebe an, dass sie zwar über aktuell notwendige Schutzmaßnahmen informiert seien, es aber an Material fehle. Nur 15% haben aktuell ausreichend Material und können Schutzmaßnahmen einhalten (Abb.3).

Auslastungsquote im Mittel bei 46%

Der Auslastungsgrad wurde erwartungsgemäß sehr unterschiedlich beziffert. Mit knapp 18% war eine Auslastung von 41% bis 50% am häufigsten. 113 Praxen bezifferten den Auslastungsgrad noch mit über 80%, während mit 117 Betrieben knapp 7% eine Auslastung von unter 10% angaben. Im arithmetrischen Mittel lag die Auslastungsquote bei ca. 46%. (Abb.4).

(Abb.4 Auslastungsgrad)

(Abb.5 Praxisschließungen)

Mehrheit versucht die Versorgung aufrecht zu erhalten

Viel diskutiert wurde in der letzten Woche das Thema Praxisschließungen. 6% der Betriebe haben bereits vorsorglich geschlossen. 12% erwägen einer Schließung aufgrund fehlender Schutzausrüstung. 26% zeigen sich verunsichert und wünschen sich konkrete Empfehlungen oder Handlungsanweisungen. Mit 41% wollen die Mehrheit der Inhaber die Versorgung weiter aufrechterhalten, wobei sie der Schutz von Behandlern und Patienten vor eine grosse Herausforderung stellt. Nur 6% der Befragten geben an, dass sie den Betrieb weiterhin geöffnet halten können und dabei den Schutz von Patienten und Behandlern sicherstellen können (Abb.5)

Zusammenarbeit mit Gesundheitsbehörden “mangelhaft”

Gerade in Fragen von Patienten- und Eigenschutz suchen TherapeutInnen vermehrt Kontakt zu den Gesundheitsämtern. Die Bewertung der Kontakte fällt dabei wenig positiv aus. Mit 31% bewertet die Mehrheit der Befragten den Kontakt mit „mangelhaft“. 28% sahen bisher keinen Grund für eine Kontaktaufnahme. Bei 14% ist eine Kontaktaufnahme bisher nicht gelungen (Abb.6)

(Abb.6 Kontakt mit Gesundheitsämtern)

Finanzielles Risiko

Den Blick auf die finanziellen Belastungen sehen die meisten Befragten sehr kritisch. Insgesamt 94% schätze das finanzielle Risiko hoch oder sehr hoch für ihre Betriebe ein (Abb.7)

Insolvenz

Dabei sehen sich schon jetzt 18% der Befragten von Insolvenz bedroht. 59% sehen das derzeit noch nicht so und 22 % können dazu keine Angaben machen. (Abb. 8)

Umfrageteilnehmer beschreiben ihre Sorgen

In den Kommentaren spiegelt sich teilweise die Verzweiflung der Befragten wider. Vielfach wird auf die schwierige finanzielle Situation hingewiesen und es wird ein schnelles Handeln seitens der Politik gefordert. Man fühlt sich allein gelassen. Viele der Befragten äußern große Sorge darüber, dass sie aktuell noch nicht von Insolvenz bedroht sind, dies sich jedoch in wenigen Wochen ändern könne. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die Forderung nach echten Zuschüssen und Hilfen. Kredite würden aufgrund der nach wie vor fehlenden Rücklagen das Ausfallproblem nur auf die Zukunft verschieben. Es überwiegt auch die Frage nach dem Eigenschutz und dem Schutz der Patienten. Hier fordern die Befragten Hilfestellung auch bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln. Es wird darauf hingewiesen, dass klare Regelungen für die Aufrechterhaltung der Versorgung fehlen, diese werden eingefordert. Als zusätzliche Belastung werden uneinheitliche Informationen und teilweise unterschiedliche Meldung über mögliche Schließungen seitens der Landes- und Gesundheitsbehörden beschrieben.

 

Hier einige Beispiele:

„Die erhöhte Ansteckungsgefahr (Nahkontakt/fehlende Schutzausrüstung) und Möglichkeit durch meine Arbeit nicht Leben zu verbessern, sondern vielleicht sogar an der Verbreitung des Covid 19 Erregers beteiligt zu sein und somit Leben zu gefährden bereitet mir und meinen Mitarbeiterinnen große Sorgen und emotionalen Druck. Wir sind an der Belastungsgrenze!“

„Nächste Woche habe ich 10% Auslastung und 100% Kosten.“

„In Bayern haben wir für die Folgewoche aufgrund der Fernsehansage von Söder, dass die Praxen geschlossen werden, absolutes Chaos. Bis zu diesem Moment war unsere Folgewoche super organisiert und wir waren gut im Kontakt mit unseren Klienten. Von Regierungsseite, Verband und Buchner wurde diese Aussage noch nicht bestätigt. Klienten sagen ohne Unterlass für die Folgewoche ab, da die Panik jetzt so richtig angefacht wurde. Auch Klienten, die keinerlei Risiko haben, wenn sie zur Behandlung erscheinen aufgrund der gut umgesetzten Hygienemaßnahmen. Daraufhin habe ich meinen Betrieb für die nächsten 2 Wochen in Betriebsurlaub geschickt, um Zeit zu gewinnen. Eine Mitarbeiterin arbeitet noch in der Telemedizinischen Versorgung. Das Sekretariat ist noch besetzt. Ich überschlage mich vor Arbeit. Ich frage mich, ob die Politik und die Medien das dementieren, wenn es nicht stimmt und wie die Entschädigung dafür aussehen soll, die durch diese Aussage entstanden ist.“

„Schließung aus ethischen und moralischen Gründen! Das bin ich meinen Patienten und der Gesellschaft schuldig! Keine Versorgung mit Schutzmaterial, keine Vorschrift vom Verband! Und Kollegen behandeln munter weiter! Wie kann sowas sein?“

„Es fehlt absolut an einheitlichen Informationen“

„Ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits würde uns eine Praxisschließung schützen, andererseits stehen wir für die meisten Patienten, und das sind bei mir Schmerzpatienten, unseren Mann bzw. Frau. Erfüllen also unseren Auftrag.“

„Ich möchte, dass Ärzte und Patienten durch die offiziellen Entscheidungsträger informiert werden, dass die therapeutischen Einrichtungen geöffnet sind – zum Wohlergehen der Betroffenen. Der Grund für die ärztlich verordnete Therapie ist nicht durch Corona verschwunden. Das Risiko ist auch für die Therapeuten hoch, sich zu infizieren, dennoch sind wir bereit, weiterhin helfend zu wirken. Niemand geht freiwillig und aus reinem Profitgedanken ein gesundheitliches Risiko ein. Daher ist davon auszugehen, dass die Patienten, die einbestellt werden, einen unbedingten Therapiebedarf haben.“

„Wir haben Sorge für uns und unsere Patienten zu tragen. Das ist zur Zeit nicht sichergestellt“

„Ansteckung Risiko in Kombination mit fehlender Schutzausrüstung macht ein sicheres behandeln unmöglich aber eine Schließung ohne finanzielle Unterstützung führt zwangsläufig zu einer Insolvenz im nächsten Quartal“

„Diese Krise zeigt erneut die Schwachpunkte im Bereich der Heilmittelversorgung sehr deutlich auf. Der Gedanke zum Berufsausstieg wird wie seit Jahren weiter genährt. Ich weiß auch nicht wie man Eltern erklären soll dass ihre Kinder zwar nicht in die Kita / Schule dürfen, aber bitte weiter zur Therapie gehen sollen! Das Risiko dem ich die Patienten & mich aussetze durch Betriebsoffenhaltung kann ich nur wegen der enormen Existenzangst unter erhöhten fraglichen Hygienemaßnahmen tolerieren. Kein gutes Gefühl.“

Fazit:

TherapeutInnen dürfen mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden. Das war das Fazit der letzten Woche, an dem sich im Prinzip nichts geändert hat. In der Krise fehlt es an klaren Handlungsanweisungen. Es gibt zu viele falsche oder uneinheitliche Information. Es fehlt an ausreichendem Schutzmaterial und die Angst vor finanziellen Schäden ist nach wie vor groß bei den TherapeutInnen. Die Kommunikation mit den Gesundheitsbehörden gelingt nur schlecht.

Das Fazit für diese Woche lautet demnach: TherapeutInnen wurden mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen bisher allein gelassen.

Unter den gegebenen Umständen ist die Versorgung der PatienInnen  aktuell und in der Zukunft hochgradig gefährdet.

A

Download der Umfrageergebnisse als Pdf

%

Auslastungsquote im Mittel

%

Vorsorgliche Absage von Patienten von Patienten (Vorwoche 77%)

%

Schätzen das wirtschaftliche Risiko hoch bis sehr hoch ein

%

Können die Versorgung unter Einhaltung der erforderlichen Schutzmaßnahmen sicherstellen

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Notversorgung oder Praxisschließung?

Notversorgung oder Praxisschließung?

Notversorgung oder Praxisschließung – das aktuelle Dilemma in der Heilmittelversorgung

Nach wie vor herrscht große Unsicherheit unter den Therapiepraxen in Deutschland. Wir versuchen die aktuelle Situation nochmals zu beschreiben.

Unsicherheit bleibt bestehen

In den letzten Jahren haben die Gesundheitsberufe immer wieder auf sich aufmerksam gemacht und ihre Bedeutung für die Gesundheitsversorgung hervorgehoben. Dieser Aspekt darf bei der aktuellen Debatte um Praxisschließungen nicht vergessen werden. Völlig zu Recht haben die Therapieberufe auf ihre Bedeutung für die Patientenversorgung hingewiesen, daran hat sich auch unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie nichts geändert.

Nach wie vor gibt es Patienten, die dringend eine Therapie benötigen und es wäre ein fatales Zeichen, wenn diese Patienten sich in der aktuellen Situation Hilfe in Krankenhäusern suchen müssten, weil die ambulante Versorgung wegbricht. Viele Praxen stehen also vor dem Problem, wie sie die Versorgung zumindest in diesen dringenden Fällen aufrechterhalten können. Die Problemstellungen sind dabei so vielfältig wie individuell. Teilweise sind die erforderlichen Schutzmaßnahmen nicht bekannt, die Behandler im Umgang damit nicht geschult, Materialien nicht lieferbar oder alles gleichzeitig trifft zu.

Hinzu kommen Probleme mit der Betreuung der eigenen Kinder, oder sogar eigene Vorerkrankungen, die die TherapeutInnen selbst zu einer Risikogruppe zugehörig macht. Finanzielle Unwägbarkeiten, eine Fülle von teils konträren Informationslagen und sogar von offizieller Seite verwirrende Informationen runden das Gesamtpaket ab. So hatte der Kreis-Nordfriesland am 17.3. zunächst eine Schließung von Physiotherapiepraxen verkündet und musste diese Einordnung dann selbst wieder zurücknehmen, weil man einen entsprechenden Erlass der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung falsch interpretiert hatte. Zudem werden Onlinepetitionen zur Schließung von Praxen durchgeführt und manche Therapeuten rufen gar zum Generalstreik auf. Insgesamt zeichnet sich hier ein eher verheerendes Gesamtbild ab, das aber auf der anderen Seite auch nicht verwunderlich ist, denn keiner der Beteiligten hat sich zuvor schon einmal in einer ähnlichen Situation befunden.

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Aktuelle Empfehlung des BED nach Rücksprache mit dem Robert-Koch-Institut

Aktuell hat der Bundesverband für Ergotherapie in Deutschland e.V. (BED) nach Rücksprache mit dem Robert-Koch-Institut eine Empfehlung für eine mögliche Schließung durch Gesundheitsbehörden herausgegeben.

Wir versuchen hier nochmals die Situation einzuordnen:

  • Heilmitteltherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung, der aktuell notwendige Umfang kann jedoch nur individuell bemessen werden.
  • Eine generelle Schließung von Praxen könnte zu einer zusätzlichen Belastung der stationären Versorgung führen.
  • Die notwendige Versorgung muss unter Beachtung besonderer Schutzmaßnahmen erfolgen. Diese Maßnahmen dienen dem Schutz der PatientenInnen, TherapeutInnen und der Gesamtbevölkerung.
  • Wir empfehlen die Übersicht des BED über notwendige Schutzmaßnahmen, die in Abstimmung mit dem Robert-Koch-Institut erfolgt sind. Nach Auskunft des BED wird von Seiten des RKI in den nächsten Tagen auch noch eine gesonderte Empfehlung für Therapiepraxen veröffentlicht.
  • Selbständigen und PraxisinhaberInnen muss die Möglichkeit gegeben sein, individuell auf ihre Situation bezogen eine Praxisschließung durch die örtlichen Gesundheitsbehörden erwirken zu können, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, die empfohlenen Schutzmaßnahmen umzusetzen.
  • Wir empfehlen in diesem besonderen Fall die Formulierungshilfe des BED für den schriftlichen Kontakt mit der zuständigen Gesundheitsbehörde.
  • Für die Ermittlung der jeweils zuständigen Behörde empfehlen wir die Suchfunktion des RKI
  • Die Leistungserbringer brauchen schnelle und unbürokratische Hilfen, um die Liquidität aufrechterhalten zu können. Hierzu gibt es bereits mehrere Initiativen, wie z.B. den Vorschlag von Dr. Roy Kühne für einen Rettungsschirm: Rettungsschirm_Therapiepraxen_Kühne_20200316

 

Wir werden an dieser Stelle weiter über aktuelle Entwicklungen berichten und weisen gern schon einmal auf eine aktuelle Umfrage am kommenden Samstag, den 22.03. hin.

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Auswirkungen Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Ergebnisse 9.-14.03.2020

Auswirkungen Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Ergebnisse 9.-14.03.2020

Auswirkungen des Corona-Virus auf die Heilmittelversorgung – Online Kurzbefragung für Selbständige Heilmittelerbringer vom 14.-16.03.2020

In der durchgeführten Online-Befragung wurden die teilnehmenden Heilmittelerbringer gebeten Angaben zu Ausfallgründen von Therapieeinheiten und zu der Stundenzahl und des Umsatzausfalls bezogen auf die Woche vom 09. bis 14. März 2020 zu machen. In dieser Woche wurden erstmals von der Politik Empfehlungen zu Einschränkungen des öffentlichen Lebens und auch konkrete Anweisungen, wie z.B. Schulschließungen, gegeben.

Nach Plausibilitätsprüfung konnten die Angaben von 710 Betrieben oder Solo-Selbständigen aus dem Bereich der Heilmittelversorgung ausgewertet werden. Die größten Gruppen stellten die Physiotherapie mit 41% und die Logopädie mit 38% der TeilnehmerInnen.

Bei der Frage nach der Betriebsgröße stellten Kleinunternehmen mit 4 bis 10 MitarbeiterInnen mit knapp 40% die größte Gruppe dar. (Abb.1)

(Abb.1 Verteilung nach Betriebsgrößen)

TherapeutInnen übernehmen Verantwortung trotz finanzieller Unsicherheit

50% der Solo-Selbständigen sind dem Leistungsbereich der Logopädie zu zuordnen, während 81% der Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern aus der Physiotherapie stammen.

Befragt nach den häufigsten Ausfallgründen gaben die Teilnehmer als Hauptgrund mit 77% die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten an, obwohl keine Erkrankung akut vorlag. Aber die TherapeutInnen übernahmen auch vorsorglich Verantwortung und sagten von sich aus in Absprache mit den Patienten und Patientinnen in 52% der Fälle die Behandlungstermine ab. Ebenso häufig kam es zu Absagen durch Pflegeeinrichtungen entweder bei einzelnen Terminen oder mit generellen Besuchsverboten. (Abb.2)

(Abb.2 Ausfallgründe)

TherapeutInnen dürfen mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden

In dem Befragungszeitraum sind in den Betrieben durchschnittlich 55 Arbeitsstunden ausgefallen. Dies entspricht etwa 9 Stunden je Behandler.

Finanziell betrug der Ausfall durchschnittlich 4.640 Euro je Betrieb. Individuell war dieser Wert natürlich bezogen auf die Betriebsgröße sehr unterschiedlich. Bei den Solo-Selbständigen lag der Umsatzausfall bei durchschnittlich 800 Euro, bei bis zu 3 Mitarbeitern waren es 2.300 Euro, Betriebe mit bis zu 10 Mitarbeitern gaben einen durchschnittlichen Umsatzausfall von knapp 7.000 Euro an, und Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern meldeten einen Umsatzausfall von ca. 11.000 Euro

Die Angaben der Befragten bezogen sich auf die Woche vom 9. bis 14.März 2020. Am 21. März werden wir eine Folgeumfrage durchführen. Es ist zu erwarten, dass die Ausfallzeiten weiter ansteigen.

Fazit:

Die Kurzumfrage zeigt, dass Patienten aus eigener Initiative Termine absagen, aber auch, dass TherapeutInnen trotz finanzieller Unsicherheit Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten übernehmen und gemeinsam mit ihnen über eine Aussetzung der Therapie beraten, insbesondere bei Risikopatienten.

Umso wichtiger ist es, dass die TherapeutInnen mit den finanziellen Belastungen aber auch mit organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden.

Durchschnittlicher Stundenausfall

%

Vorsorgliche Absage von Patienten

Durchschnittlicher Stundenausfall pro Behandler

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Die ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse – Ergebnisse einer Online Befragung

Die ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse – Ergebnisse einer Online Befragung

Schriftenreihe: Lösungen für eine verbesserte Patientenversorgung

“94% der befragten Ärztinnen und Ärzte fordern eine Abschaffung der Wirtschaftlichkeitsprüfung”

29. JANUAR 2020


TAL gGmbH
Hartmannsweilerstraße 71, 65933 Frankfurt am Main


info@tal-ggmbh.de

https://tal-ggmbh.de/

 

Die Hypothesen, die vor der Befragung aufgestellt wurden, werden insgesamt durch die Ergebnisse bestätigt.

 

  1. Ärzte und Ärztinnen in der ambulanten Versorgung sind allein durch Berichterstattungen für das Thema Heilmittelregresse sensibilisiert und passen ihr Verordnungsverhalten an, unabhängig ob sie selbst schon von einem Regressverfahren betroffen waren oder nicht. Obwohl nur 16% der Befragten bisher Regresszahlungen leisten mussten, sehen sich 93% der Befragten in ihrem Verordnungsverhalten beeinflusst.

2. Ärzte und Ärztinnen entwickeln unterschiedliche Strategien, um ein Mindestmaß an Regresssicherheit zu erlangen. 40% der Befragten verordnen nach Möglichkeit ein günstigeres Heilmittel, 25% stellen zur Minimierung des Regressrisikos keine Heilmittelverordnungen aus und 38% versuchen die Verordnung auf andere Fachbereiche zu verlagern.

HINTERGRUND

Die Versorgung mit Heilmitteln innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung umfasst die Leistungsbereiche Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Podologie und Diätassistenz. Dabei gelten diese Leistungsbereiche als veranlasste Leistungen durch die Ärzteschaft, da ohne Verordnung der Zugang zur Leistung innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung für die Patienten verwehrte bleibt. Unter dem Gesichtspunkt des Wirtschaftlichkeitsgebotes wurden verschiedene Instrumente etabliert, die eine Mengensteuerung im eigentlichen Sinn einer Rationierung ermöglichen sollen. Für die verordnende Ärzteschaft sind die unterschiedlichen Maßnahmen ein Ärgernis und auch nicht immer leicht zu durchschauen. Allein die Begrifflichkeiten wie Richtgrößenprüfung, Durchschnittswerteprüfung, Einzelfallprüfung und Zufälligkeitsprüfungen vermitteln das Gefühl einer wirtschaftlichen Gefahr in Form eines Regresses.

Als grundsätzlicher Handlungsleitfaden gilt die Heilmittelrichtlinie des Gemeinsamens Bundesauschusses (G-BA). Hier werden Indikationen und Leitsymptomatiken spezifiziert und mit Behandlungsmengen und Frequenzen dokumentiert, die per Definition schon eine wirtschaftliche Verordnungsweise unterstellen, wie das Bundessozialgericht in einer Urteilsbegründung 2007 angemerkt hat (Az: B 6 KA 7/06 R). Dennoch lässt sich daraus nicht ableiten, dass eine Verordnung nach Vorgaben der Heilmittelrichtline automatisch einen Schutz vor Regressen bedingt, denn die Richtline definiert nur verbindlich, wie die Versorgung gestaltet werden muss, darüber ob sie überhaupt notwendig ist muss der Arzt entscheiden und ist dafür auch wieder einem Regressrisiko ausgesetzt (Nietz, 2007). […]

Anhand der Daten des GKV- Heilmittelinformationssystems wird deutlich, dass im Zuge des demografischen Wandels der Bedarf an Heilmittelleistung weiterhin zunehmen wird.

Ob es überhaupt ökonomisch sinnvoll ist, einen offensichtlich kleineren Leistungsbereich so streng und aufwändig zu regulieren und mit Mengensteuerungselementen zu versehen, mit dieser Frage hat sich bereits 2009 eine Expertise im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen befasst. Wörtlich ziehen die Autoren das Fazit:

„Zusammenfassend erzeugen die vorliegenden Daten unter den getroffenen Annahmen – besonders bezüglich des Präventionseffekts – sowohl durch die Kosten-Nutzen-Analyse bei allen Fachbereichen zusammen, als auch durch isolierte Betrachtung der Fachbereiche mit Regresszahlungen, das Ergebnis, dass die bestehende Heilmittel-Richtgrößenprüfung in Hessen unter ökonomischen Aspekten nicht vorteilhaft ist. Diese Erkenntnis spricht dafür, die Richtgrößenprüfung für alle Fachbereiche ersatzlos abzuschaffen.“ (Neubauer, Wick, 2009)

Im Jahr 2009 betrug die Gesamtsumme an Regresszahlungen allein in Hessen 2.2 Millionen Euro. Ein Fall erreichte sogar eine existenzbedrohende Höhe von 400.000 Euro. Auch wenn die absolute Zahl an Ärzten, die von Regressforderungen direkt betroffen sind, prozentual nicht sehr hoch ist, so ist die Verunsicherung innerhalb der Ärzteschaft dennoch nicht zu unterschätzen (Jäger, 2012).

Beispiel aus der Auswertung:

Wirtschaflicher Druck führt bei den verordnenden Ärztinnen und Ärzten zu unterschiedlichen Regressvermeidungsstrategien.

Stimmen der Befragten:

Diese Antworten lassen sich grob in die Kategorien persönliche Belastung, Systemfehler und Auswirkungen auf die Patientenversorgung einteilen. Teilweise berühren die Aussagen auch mehrere Kategorien. Im Folgenden sind beispielhaft einige Aussagen aufgeführt:

  • „Die Regressandrohung ist unethisch, menschenverachtend und unerträglich. Die tägliche Arbeit wird extrem erschwert und auf Dauer wird man demotiviert. Man entwickelt ein Vermeidungsverhalten, was sich durch alle Bereiche zieht. In diesem System habe ich Angst, selbst einmal Patient zu sein.“
  • „Die Regeln der Heilmittelverordnung sind so komplex, dass ich sie nach 6 Jahren Niederlassung, mehreren Fortbildungen und Beratungen bei der KV immer noch nicht ganz verstanden habe. Ich versuche die Ausstellung zu vermeiden, wo es geht. Bestimmte Maßnahmen, wie z.B. Manuelle Therapie verordne ich grundsätzlich nicht (auch wenn es med. indiziert sein könnte).“
  • „Ich kann die Patienten nicht so versorgen, wie ich es glaube, aus medizinischen Gründen tun zu müssen. Die Möglichkeit einen Regress zu erhalten, nimmt Einfluss auf jede meiner Verordnungen. Es ist unerträglich. Wir verordnen nichts zu eigenem Nutzen, ausschließlich zur Patiententherapie, trotzdem haften wir mit unserem Privatvermögen. Das ist so, als wenn man einen Feuerwehrmann mit Regress bedroht, wenn er nach Ansicht der Stadtwerke zu viel Wasser verbraucht. Die Krankenkassen geben mehr Gelder für Werbung aus, als für alle Heilmittel insgesamt. Wer überwacht die Kassen?“

Kostenloser Download:

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Ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse TAL gGmbH