Auswirkungen Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Ergebnisse 9.-14.03.2020

Auswirkungen Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Ergebnisse 9.-14.03.2020

Auswirkungen des Corona-Virus auf die Heilmittelversorgung – Online Kurzbefragung für Selbständige Heilmittelerbringer vom 14.-16.03.2020

In der durchgeführten Online-Befragung wurden die teilnehmenden Heilmittelerbringer gebeten Angaben zu Ausfallgründen von Therapieeinheiten und zu der Stundenzahl und des Umsatzausfalls bezogen auf die Woche vom 09. bis 14. März 2020 zu machen. In dieser Woche wurden erstmals von der Politik Empfehlungen zu Einschränkungen des öffentlichen Lebens und auch konkrete Anweisungen, wie z.B. Schulschließungen, gegeben.

Nach Plausibilitätsprüfung konnten die Angaben von 710 Betrieben oder Solo-Selbständigen aus dem Bereich der Heilmittelversorgung ausgewertet werden. Die größten Gruppen stellten die Physiotherapie mit 41% und die Logopädie mit 38% der TeilnehmerInnen.

Bei der Frage nach der Betriebsgröße stellten Kleinunternehmen mit 4 bis 10 MitarbeiterInnen mit knapp 40% die größte Gruppe dar. (Abb.1)

(Abb.1 Verteilung nach Betriebsgrößen)

TherapeutInnen übernehmen Verantwortung trotz finanzieller Unsicherheit

50% der Solo-Selbständigen sind dem Leistungsbereich der Logopädie zu zuordnen, während 81% der Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern aus der Physiotherapie stammen.

Befragt nach den häufigsten Ausfallgründen gaben die Teilnehmer als Hauptgrund mit 77% die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten an, obwohl keine Erkrankung akut vorlag. Aber die TherapeutInnen übernahmen auch vorsorglich Verantwortung und sagten von sich aus in Absprache mit den Patienten und Patientinnen in 52% der Fälle die Behandlungstermine ab. Ebenso häufig kam es zu Absagen durch Pflegeeinrichtungen entweder bei einzelnen Terminen oder mit generellen Besuchsverboten. (Abb.2)

(Abb.2 Ausfallgründe)

TherapeutInnen dürfen mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden

In dem Befragungszeitraum sind in den Betrieben durchschnittlich 55 Arbeitsstunden ausgefallen. Dies entspricht etwa 9 Stunden je Behandler.

Finanziell betrug der Ausfall durchschnittlich 4.640 Euro je Betrieb. Individuell war dieser Wert natürlich bezogen auf die Betriebsgröße sehr unterschiedlich. Bei den Solo-Selbständigen lag der Umsatzausfall bei durchschnittlich 800 Euro, bei bis zu 3 Mitarbeitern waren es 2.300 Euro, Betriebe mit bis zu 10 Mitarbeitern gaben einen durchschnittlichen Umsatzausfall von knapp 7.000 Euro an, und Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern meldeten einen Umsatzausfall von ca. 11.000 Euro

Die Angaben der Befragten bezogen sich auf die Woche vom 9. bis 14.März 2020. Am 21. März werden wir eine Folgeumfrage durchführen. Es ist zu erwarten, dass die Ausfallzeiten weiter ansteigen.

Fazit:

Die Kurzumfrage zeigt, dass Patienten aus eigener Initiative Termine absagen, aber auch, dass TherapeutInnen trotz finanzieller Unsicherheit Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten übernehmen und gemeinsam mit ihnen über eine Aussetzung der Therapie beraten, insbesondere bei Risikopatienten.

Umso wichtiger ist es, dass die TherapeutInnen mit den finanziellen Belastungen aber auch mit organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden.

Durchschnittlicher Stundenausfall

%

Vorsorgliche Absage von Patienten

Durchschnittlicher Stundenausfall pro Behandler

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Unterstützen sie unsere Arbeit mit einer

Die ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse – Ergebnisse einer Online Befragung

Die ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse – Ergebnisse einer Online Befragung

Schriftenreihe: Lösungen für eine verbesserte Patientenversorgung

“94% der befragten Ärztinnen und Ärzte fordern eine Abschaffung der Wirtschaftlichkeitsprüfung”

29. JANUAR 2020


TAL gGmbH
Hartmannsweilerstraße 71, 65933 Frankfurt am Main


info@tal-ggmbh.de

https://tal-ggmbh.de/

 

Die Hypothesen, die vor der Befragung aufgestellt wurden, werden insgesamt durch die Ergebnisse bestätigt.

 

  1. Ärzte und Ärztinnen in der ambulanten Versorgung sind allein durch Berichterstattungen für das Thema Heilmittelregresse sensibilisiert und passen ihr Verordnungsverhalten an, unabhängig ob sie selbst schon von einem Regressverfahren betroffen waren oder nicht. Obwohl nur 16% der Befragten bisher Regresszahlungen leisten mussten, sehen sich 93% der Befragten in ihrem Verordnungsverhalten beeinflusst.

2. Ärzte und Ärztinnen entwickeln unterschiedliche Strategien, um ein Mindestmaß an Regresssicherheit zu erlangen. 40% der Befragten verordnen nach Möglichkeit ein günstigeres Heilmittel, 25% stellen zur Minimierung des Regressrisikos keine Heilmittelverordnungen aus und 38% versuchen die Verordnung auf andere Fachbereiche zu verlagern.

HINTERGRUND

Die Versorgung mit Heilmitteln innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung umfasst die Leistungsbereiche Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Podologie und Diätassistenz. Dabei gelten diese Leistungsbereiche als veranlasste Leistungen durch die Ärzteschaft, da ohne Verordnung der Zugang zur Leistung innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung für die Patienten verwehrte bleibt. Unter dem Gesichtspunkt des Wirtschaftlichkeitsgebotes wurden verschiedene Instrumente etabliert, die eine Mengensteuerung im eigentlichen Sinn einer Rationierung ermöglichen sollen. Für die verordnende Ärzteschaft sind die unterschiedlichen Maßnahmen ein Ärgernis und auch nicht immer leicht zu durchschauen. Allein die Begrifflichkeiten wie Richtgrößenprüfung, Durchschnittswerteprüfung, Einzelfallprüfung und Zufälligkeitsprüfungen vermitteln das Gefühl einer wirtschaftlichen Gefahr in Form eines Regresses.

Als grundsätzlicher Handlungsleitfaden gilt die Heilmittelrichtlinie des Gemeinsamens Bundesauschusses (G-BA). Hier werden Indikationen und Leitsymptomatiken spezifiziert und mit Behandlungsmengen und Frequenzen dokumentiert, die per Definition schon eine wirtschaftliche Verordnungsweise unterstellen, wie das Bundessozialgericht in einer Urteilsbegründung 2007 angemerkt hat (Az: B 6 KA 7/06 R). Dennoch lässt sich daraus nicht ableiten, dass eine Verordnung nach Vorgaben der Heilmittelrichtline automatisch einen Schutz vor Regressen bedingt, denn die Richtline definiert nur verbindlich, wie die Versorgung gestaltet werden muss, darüber ob sie überhaupt notwendig ist muss der Arzt entscheiden und ist dafür auch wieder einem Regressrisiko ausgesetzt (Nietz, 2007). […]

Anhand der Daten des GKV- Heilmittelinformationssystems wird deutlich, dass im Zuge des demografischen Wandels der Bedarf an Heilmittelleistung weiterhin zunehmen wird.

Ob es überhaupt ökonomisch sinnvoll ist, einen offensichtlich kleineren Leistungsbereich so streng und aufwändig zu regulieren und mit Mengensteuerungselementen zu versehen, mit dieser Frage hat sich bereits 2009 eine Expertise im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen befasst. Wörtlich ziehen die Autoren das Fazit:

„Zusammenfassend erzeugen die vorliegenden Daten unter den getroffenen Annahmen – besonders bezüglich des Präventionseffekts – sowohl durch die Kosten-Nutzen-Analyse bei allen Fachbereichen zusammen, als auch durch isolierte Betrachtung der Fachbereiche mit Regresszahlungen, das Ergebnis, dass die bestehende Heilmittel-Richtgrößenprüfung in Hessen unter ökonomischen Aspekten nicht vorteilhaft ist. Diese Erkenntnis spricht dafür, die Richtgrößenprüfung für alle Fachbereiche ersatzlos abzuschaffen.“ (Neubauer, Wick, 2009)

Im Jahr 2009 betrug die Gesamtsumme an Regresszahlungen allein in Hessen 2.2 Millionen Euro. Ein Fall erreichte sogar eine existenzbedrohende Höhe von 400.000 Euro. Auch wenn die absolute Zahl an Ärzten, die von Regressforderungen direkt betroffen sind, prozentual nicht sehr hoch ist, so ist die Verunsicherung innerhalb der Ärzteschaft dennoch nicht zu unterschätzen (Jäger, 2012).

Beispiel aus der Auswertung:

Wirtschaflicher Druck führt bei den verordnenden Ärztinnen und Ärzten zu unterschiedlichen Regressvermeidungsstrategien.

Stimmen der Befragten:

Diese Antworten lassen sich grob in die Kategorien persönliche Belastung, Systemfehler und Auswirkungen auf die Patientenversorgung einteilen. Teilweise berühren die Aussagen auch mehrere Kategorien. Im Folgenden sind beispielhaft einige Aussagen aufgeführt:

  • „Die Regressandrohung ist unethisch, menschenverachtend und unerträglich. Die tägliche Arbeit wird extrem erschwert und auf Dauer wird man demotiviert. Man entwickelt ein Vermeidungsverhalten, was sich durch alle Bereiche zieht. In diesem System habe ich Angst, selbst einmal Patient zu sein.“
  • „Die Regeln der Heilmittelverordnung sind so komplex, dass ich sie nach 6 Jahren Niederlassung, mehreren Fortbildungen und Beratungen bei der KV immer noch nicht ganz verstanden habe. Ich versuche die Ausstellung zu vermeiden, wo es geht. Bestimmte Maßnahmen, wie z.B. Manuelle Therapie verordne ich grundsätzlich nicht (auch wenn es med. indiziert sein könnte).“
  • „Ich kann die Patienten nicht so versorgen, wie ich es glaube, aus medizinischen Gründen tun zu müssen. Die Möglichkeit einen Regress zu erhalten, nimmt Einfluss auf jede meiner Verordnungen. Es ist unerträglich. Wir verordnen nichts zu eigenem Nutzen, ausschließlich zur Patiententherapie, trotzdem haften wir mit unserem Privatvermögen. Das ist so, als wenn man einen Feuerwehrmann mit Regress bedroht, wenn er nach Ansicht der Stadtwerke zu viel Wasser verbraucht. Die Krankenkassen geben mehr Gelder für Werbung aus, als für alle Heilmittel insgesamt. Wer überwacht die Kassen?“

Kostenloser Download:

Sie interessieren sich für die gesamte Auswertung und daraus abgeleitete Empfehlung?

Hier geht es zum kostenlosen Download:

Ärztliche Sicht auf Heilmittelregresse TAL gGmbH