Blankoverordnung – Ein Interview mit MdB Dr. Roy Kühne

Blankoverordnung – Ein Interview mit MdB Dr. Roy Kühne

(c) Deutscher Bundestag - Thomas Trutschel

(c) Deutscher Bundestag – Thomas Trutschel

Kurzvita: Dr. Roy Kühne, MdB CDU

Dr. Roy Kühne MdB, Jahrgang 1967, hat Lehramt für Gymnasien in den Fächern Biologie und Sport an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale studiert. Im Anschluss promovierte er dort zum Dr. phil. mit der Arbeit „Heben und Tragen unter kinästhetischem Aspekt“. Kühne ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie im niedersächsischen Northeim. Seit 2013 gehört er dem Deutschen Bundestag und dort dem Ausschuss für Gesundheit an. Er ist Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Heilmittel, Hilfsmittel und Pflege.

Hintergrund:

Holprig gestaltete sich die Umsetzung von Modellvorhaben zur sogenannten Blankoverordnung in der Umsetzung des Heil- und Hilfsmittel Versorgungsgesetzes (HHVG), woraufhin nun der Gesetzgeber mit § 125a SGB V das Versorgungsmodell kurzerhand zur Regelversorgung deklarierte.
Die erforderlichen Verträge sollen bis zum 15. März 2021 zwischen der GKV und den maßgeblichen Berufsverbänden geschlossen werden. Wir sprachen dazu mit MdB Dr. Roy Kühne (CDU). 

TAL gGmbH 18.02.2021

Gemäß §125a Abs.1 SGB V sollen bis zum 15. März Verträge zur Blanko-Verordnung geschlossen werden. Wie ist der aktuelle Umsetzungsstand nach Ihrer Kenntnis?

Meinem Kenntnisstand nach verhandeln die maßgeblichen Verbände auf Bundesebene derzeit mit den Krankenkassen dazu.

Allein die im Gesetz aufgeführten Punkte, die vertraglich zu regeln sind, sind recht komplex. Halten Sie einen fristgerechten Vertragsabschluss für machbar?

Die Frist 15.03.2021 haben wir verbindlich vorgegeben, ich bin nicht bereit diese jetzt aufzugeben. Dass die Verhandlungen so spät begonnen haben ist schade, sicherlich aber auch der pandemischen Lage von nationaler Tragweite und den sehr schwierigen und langwierigen Verhandlungen inkl. der laufenden Schiedsverfahren geschuldet.

Der Gesetzgeber fordert schon zu Beginn „Maßnahmen zur Vermeidung einer unverhältnismäßigen Mengenausweitung in der Anzahl der Behandlungseinheiten je Versicherten, die medizinisch nicht begründet sind“. Der Gesetzgeber geht also davon aus, dass es fast zwangsläufig zu einer Mengenausweitung kommt, woher stammt diese Annahme und ist sie aus Ihrer Sicht begründet?

 

Wir haben in einem Modellprojekt nach § 63 Abs. 3b SGB V  diesen Trend feststellen müssen: Im Beobachtungszeitraum von drei Monaten ab Behandlungsbeginn zeigten sich höhere Kosten, ebenfalls konnte eine Mengenausweitung festgestellt werden. Die Gefahr einer automatischen Mengenausweitung sehe ich nicht. Ich bin mir sicher, dass die Therapeuten sehr verantwortungsvoll mit dieser Möglichkeit der Behandlung umgehen. Die Blankoverordnung soll dem Patienten helfen besser versorgt zu werden, daher müssen sich die Entscheidungen nach dem Versicherten und dem Patientenwohl richten.

Aktuell wird eine mögliche Budgetverantwortung auf Seiten der Therapeut_Innen diskutiert. Technisch bleibt die neue Versorgungsform eine veranlasste Leistung. Ist eine Budgetverantwortung dann übertragbar?

Diese Diskussion muss geführt werden. Die Ärzteschaft hat nach der Indikationsstellung einer Blankoverordnung quasi keinen Einfluss auf die Auswahl und die Dauer der Therapie bzw. auf die Frequenz der Behandlungseinheiten. Ich bin der Auffassung, dass die Therapeuten die Budgetverantwortung auch wirklich meistern können. Gleichzeitig müssen wir die Ärzteschaft von dieser Last entbinden. Ein Vertrag zu Lasten Dritter ist generell unzulässig, dies müssen wir auch bei der Blankoverordnung umsetzen.

Die Verträge sollen auch Möglichkeiten zur Bestimmung der Dauer der einzelnen Behandlungseinheiten durch den Leistungserbringer sowie Regelungen zu der daraus resultierenden Preisstruktur enthalten. Unterliegen dann die Leistungen, die im Rahmen der neuen Versorgungsform erbracht werden, einer eigenen Preisgestaltung?

Grundsätzlich ist dies möglich, dass sollen aber die Verhandlungen zwischen den Verbänden und dem GKV-Spitzenverband zeigen. Es geht insbesondere um den „Preis pro Minute“: Wenn der Therapeut der Auffassung ist, dass eine längere Behandlungszeit angebracht ist, dann muss diese Mehrarbeit natürlich auch besser vergütet werden. Sonst fallen wir unter die neu geschaffenen Standards durch die bundeseinheitlichen Preise zurück, das wäre fatal!

Welche konkreten Verbesserungen erwarten Sie für die Patientenversorgung durch die neue Versorgungsform?

Ich erhoffe mir gerade aus Patientensicht deutliche Erleichterungen: der Therapeut kann individueller entscheiden und passgenauer mit dem Patienten arbeiten. Das bedeutet eine individuellere Versorgung und schafft Einsparpotentiale im GKV-Bereich. Für die Therapeuten bedeutet es künftig, dass sie im Rahmen der Regelungen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten direkter einbringen können und den Versicherten individueller unterstützen und behandeln können. Aus meiner Sicht eine win-win-win-win-Situation für Patient, Arzt, Krankenkasse und Therapeut.

Wie ist die Akzeptanz der neuen Versorgungsform? Bekommen Sie als Berichterstatter Rückmeldungen von TherapeutInnen, deren Verbänden oder den Kostenträgern?

Mein Eindruck ist, dass sich viele Verbände zu Beginn geweigert hatten die Blankoverordnung voranzubringen. Natürlich ist der Direktzugang weiterhin auch für mich ein wichtiges politisches Anliegen an dem ich weiterhin arbeiten werde. Bis es soweit ist dürfen wir uns aber anderen innovativen Versorgungswegen nicht verschließen. Daher ist es gut, dass jetzt endlich alle bereit sind an den Verträgen zur erweiterten Versorgungsverantwortung nach § 125a SGB V mitzuwirken. Von Seiten der Therapeuten bekomme ich viel positiven Zuspruch zu dieser Möglichkeit, viele wollen ihr vorhandenes Wissen und ihre erlernten Fähigkeiten gerne direkter am Patienten einbringen.

Sind Sie mit den aktuellen Prozessen rund um die Einführung der neuen Versorgungsform zufrieden?

 

Wichtig ist, dass sie jetzt endlich zu Stande kommen um dem Innovationsgedanken der erweiterten Versorgungsverantwortung gerecht zu werden. Das ist der nächste Schritt. Parallel arbeite ich bereits am übernächsten Schritt: dem Direktzugang.

Weitere Informationen zum Thema:

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Online-Befragung von Leistungserbringern zur Covid -19 Nachbehandlung

Online-Befragung von Leistungserbringern zur Covid -19 Nachbehandlung

Online-Befragung von Leistungserbringern

Mit steigender Zahl an Erkrankten wird die Versorgung von COVID-19 Patienten auch im ambulanten Heilmittelbereich immer bedeutender. Diese Befragung richtet sich an Leistungserbringer aus den Bereichen Physiotherapie / Massage, Ergotherapie und Logopädie, die aktuell Patienten nach einer COVID-19-Erkrankung oder mit dem Post-COVID-Syndrom (Long COVID) versorgen.

Hilfreich zur Beantwortung der Fragen ist Ihre interne Behandlungsdokumentation. Die letzte Frage (Frage 14) ist als Kommentarfeld gestaltet. Hier können Sie eigene Angaben zu den Behandlungsverläufen, Auffälligkeiten oder besonderen Herausvorderungen für die Versorgung von COVID-19 Patienten machen.

Die Befragung erfolgt anonym. Es werden keine Daten gespeichert,die einen Rückschluss auf Ihre Identität oder die Identität Ihrer Patienten erlauben.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme!

Mengenentwicklung in der Heilmittelversorgung 2. Quartal 2020

Mengenentwicklung in der Heilmittelversorgung 2. Quartal 2020

Versorgungsmonitor Heilmittel

Auf Basis der Daten des GKV Heilmittelinformations-Systems (HIS) werden an dieser Stelle regelmäßig quartalsbezogen Trends in der Heilmittelversorgung dargestellt. Im Hinblick auf das tatsächliche Versorgungsgeschehen werden dabei vorrangig die Mengenentwicklungen betrachtet. Relevante Bezugsgrößen sind zu diesem Zweck die Anzahl der Verordnungen, die Anzahl der Behandlungseinheiten insgesamt und die Anzahl der Behandlungseinheiten pro 1000 Versicherten.

Grundlage des GKV-HIS sind die von den Leistungserbringern übermittelten und anonymisierten Datensätze gemäß § 302 SGB V vor Prüfung und Zahlbarmachung durch die Krankenkassen.

GKV HIS Projektbeschreibung                                                             

Aktuell: 2. Quartal 2020

Im letzten Bericht für das erste Quartal 2020 wiesen wir auf die historischen Höchststände bei den Abrechnungszahlen aufgrund von Maßnahmen zur Liquiditätssicherung hin. Die aktuellen Zahlen des GKV-HIS belegen jetzt die die krisenbedingten Einbrüche in der ambulanten Heilmittelversorgung ab März/April 2020 (Abb.1 bis 4).

 

Zahlen des GKV Heilmittelinformationssystems belegen erwarteten Einbruch in der ambulanten Heilmittelversorgung aufgrund der Pandemie

Die nun vorliegenden Zahlen belegen den von uns im letzten Versorgungsmonitor erwarteten starken Einbruch in der ambulanten Heilmittelversorgung.

Neben den Umsätzen der Leistungserbringer ging auch die die Anzahl der erbrachten Behandlungseinheiten dramatisch zurück. Den größten Einbruch verzeichnete der Leistungsbereich der Logopädie. Hier kam es zu einem Umsatz- und Mengenrückgang von jeweils 67%. Die anderen Heilmittelbereiche verzeichnen jedoch ähnlich hohe Rückläufe. In der Ergotherapie ging der Umsatz im Vergleich zum 1.Quartal um 66%, die Anzahl der Behandlungseinheiten war gegenüber den Höchstständen um 64% gesunken. Ähnlich sieht es in der Physiotherapie (-62% Umsatz und Menge) und der Podologie ( -62% Menge und -61% Umsatz) aus (Abb.1-5).

Somit belegen die Zahlen des GKV-HIS auch die Daten, die wir in den ersten Wochen der Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung im März und April über unsere wöchentlichen Umfragen sammeln konnten. Hier hatten wir z.B. auf die stetig sinkende Auslastung in den ambulanten Therapiepraxen aufmerksam gemacht.

Ein weiterer wichtiger Punkt, den die Umfrageteilnehmer immer wieder angesprochen hatten, waren die Schwierigkeiten bei der Versorgung von älteren Patienten, speziell in Pflege- oder Wohneinrichtungen. Genau dies, belegen auch die offiziellen Zahlen der GKV. Speziell bei den älteren Patienten kam es zu einer deutlichen Unterversorgung. So ging z.B. in der Altersgruppe der 75 bis unter 80-jährigen die Anzahl der erbrachten Heilmittelleistungen auf Bundesebene um 80% zurück (Abb.6)

Abb. 1 Anzahl der Behandlungseinheiten pro Quartal (in 1000) Ergotherapie

Abb. 2 Anzahl der Behandlungseinheiten pro Quartal (in 1000) Physiothrapie

Abb. 3 Anzahl der Behandlungseinheiten pro Quartal (in 1000) Podologie

Abb. 4 Anzahl der Behandlungseinheiten pro Quartal (in 1000) Logopädie

Abb.5 Bruttoumsatz in Tsd. 1. und 2. Quartal 2020, GKV-HIS Quartalsberichte, eigene Darstellung

Anzahl Behandlungseinheiten ambulante Heilmittelversorgung (Bund / absolute Zahlen)

Abb.6 Anzahl Behandlungseinheiten ambulante Heilmittelversorgung  (Bund / absolute Zahlen), GKV-HIS, Quartalsberichte, eigene Darstellung

Weiterer Ausblick auf das Jahr 2020

Die vorläufigen Rechnungsergebnisse der GKV (KV 45), die für das 3. Quartal bereits veröffentlicht wurden, deuten auf eine Erholung der Versorgungssituation hin. Wie deutlich auf Ebene der geleisteten Behandlungseinheit diese Erholung ausfällt und wie sich der erneute Lockdown zum Ende des Jahres ausgewirkt hat, wird anhand der öffentlich zugänglichen Statistiken vermutlich erst Mitte diesen Jahres zu beziffern sein.

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Ergebnisse der Online-Befragung zur Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung-November 2020

Ergebnisse der Online-Befragung zur Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung-November 2020

Zusammenfassung der Online – Befragung zur Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung

Woche vom 02.11. – 06.11.2020

A

An der Online Befragung zur aktuellen Situation in der ambulanten Heilmittelversorgung nahmen insgesamt 1370 Therapeutinnen und Therapeuten teil. Mit 43% war die Physiotherapie der am häufigsten angebotene Leistungsbereich der Befragten, gefolgt von der Ergotherapie (34%), der Logopädie (29%), der Massage (10%), der Podologie (7%) und der Diätassistenz (1%).

Insgesamt war die am häufigsten genannte Betriebsgröße, die mit 4 bis 10 Mitarbeitenden (43%).

60 % der Befragten waren in der Haupttätigkeit Selbständig in der ambulanten Versorgung.

Höhere Zahl an Erkrankten und Quarantänefälle bei Patienten und Therapeuten als Hauptgründe

War im Frühjahr noch der Hauptausfallgrund in 94% der Praxen die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten, ohne dass eine tatsächliche Erkrankung vorlag, so lag im November der Hauptausfallgrund in 69% der Praxen bei der Absage durch Patienten aufgrund einer tatsächlichen Erkrankung. In 60% der Praxen waren Patienten in Quarantäne und in 15 % der Praxen mussten sich Mitarbeiter in Quarantäne begeben.

Mit 16% werden fehlende Verordnungen durch Schließung oder Überlastung von Arztpraxen als Ausfallgrund genannt. Auch Absagen von Pflegeeinrichtungen gehören mit 32% wieder zu den häufigeren Ausfallgründen.

Durchschnittliche Auslastungsquote von ca. 80% in der ambulanten Versorgung

34% der Befragten gaben an, dass die Auslastungsquote noch bei über 90% liegt. Allerdings gab es hier Unterschiede in den einzelnen Leistungsbereichen.

Eine Auslastungsquote von über 90% gaben an:

Physiotherapie – 42%

Ergotherapie –  28%

Podologie – 26%

Logopädie – 25%

  • Absage aufgrund tatsächlicher Erkrankung 69% 69%
  • Patienten in Quarantäne 60% 60%
  • Absagen durch Pflegeeinrichtungen 32% 32%
  • Fehlende Verordnung durch Schließung oder Überlastung von Arztpraxen 16% 16%
  • Mitarbeiter in Quarantäne 15% 15%

Materialbeschaffung durch zu geringe Hygienepauschale eine wirtschaftliche Herausforderung

In Bezug auf die notwendigen Hygienemaßnahmen sehen sich 52% der Befragten gut informiert und haben aktuell ausreichend Material, um Schutzmaßnahmen einhalten zu können. 22% sehen Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung, welche Schutzmaßnahmen aktuell gelten. Die Mehrheit von 74% sehen in der Materialbeschaffung eine wirtschaftliche Herausforderung, da die Hygienepauschale mit 1,50 Euro je Verordnung zu niedrig kalkuliert ist.

Verständnis und Motivation zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen bei Patienten überwiegend hoch

55% der Befragten gaben an, dass das Verständnis und die Motivation zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen überwiegend hoch oder mit 19% sogar sehr hoch ist. 6% der Befragten sahen allerdings überwiegend ein geringes Verständnis seitens der PatientInnen.

  • Gut informiert und ausreichend Material vohanden 52% 52%
  • Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung zu Schutzmaßnahmen 22% 22%
  • Wirtschaftliche Herausforderung Hygienepauschale 74% 74%

Einzelne Patientengruppen unterschiedlich häufig von Therapieausfällen betroffen

 

15% der Befragten gaben an, dass Therapieausfälle gleichmäßig alle Patientengruppen betreffen. 45% sahen HeimbewohnerInnen und 34% generell ältere Patienten betroffen. In den freien Kommentaren wurden zusätzlich häufig Menschen mit Behinderungen genannt. Die Antworten in dieser neu aufgenommenen Kategorie deuten darauf hin, dass einzelne Patientengruppen unterschiedlich von Therapieausfällen betroffen sind.

Weiterhin hohes wirtschaftliches Risiko, aber aktuell wenig Kurzarbeit

 

40% der Befragten sehen nach wie vor ein hohes wirtschaftliches Risiko. 9% schätzen diese sogar als sehr hoch ein. Gleichzeitig waren in der ersten Novemberwoche nur 9% der Befragten von Kurzarbeit betroffen.

Unterschiedliche Nutzung telemedizinischer Anwendungen

Sehr unterschiedlich fiel in den Leistungsbereichen erneut die Nutzung Telemedizinischer Anwendungen aus. Vorreiter waren wieder die LeistungserbringerInnen in der Logopädie. Hier nutzten 42% die Möglichkeit der Telemedizin. In der der Ergotherapie waren es 21% und in der Physiotherapie nur 10%.

Zusammenarbeit mit lokalen Gesundheitsbehörden

Insgesamt hat sich nach Einschätzung der Befragten die Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden leicht verbessert. 20% empfanden die Zusammenarbeit allerdings immer noch als „mangelhaft“.

Hohe psychische Belastung durch die Bedingungen der Pandemie

88% der Befragten sehen sich durch die Bedingungen der Corona-Pandemie einer höheren psychischen Belastung ausgesetzt.

Mit 77% war der zeitliche Druck durch höhere Hygienemaßnahmen der am häufigsten genannte Grund für psychische Belastungen. Aber auch wirtschaftliche Sorgen (66%), die Angst Angehörigen zu infizieren (59%), Angst vor eigener Infektion (52%) und vermehrte Diskussionen über die Einhaltung der Hygienemaßnahmen mit PatientInnen (46%) wurden häufig genannt.

  • Hoher zeitlicher Druck 77% 77%
  • Wirtschaftliche Sorgen 66% 66%
  • Angst Angehörige zu infizieren 59% 59%
  • Angst vor eigener Infektion 52% 52%
  • Diskussionen zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen 46% 46%
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Freie Kommentare der Befragten

Auch in den freien Kommentaren wurden häufig psychische Belastungen thematisiert:

Antwortbeispiele:

„Die psychische Belastung ist unerträglich. Mir ist vor 10 Jahren mal meine gesamte Praxis abgebrannt. Ich musste ein halbes Jahr in Noträumen mit Sonderzulassung arbeiten. Das war eine schlimme Zeit und sehr belastend für mich als „frisch Selbständigen“. Die aktuelle Situation mit all ihren politischen Entscheidungen empfinde ich aber als noch belastender. Es geht mittlerweile an die Substanz ständig diese Sorgen tragen zu müssen. Sorge das wir jeder Zeit wegen eines Corona-falls geschlossen werden könnten. Sorge z.B. Krebskranke Patienten trotz Hygienekonzeptes infizieren zu können usw. Die Liste ist lang.“

„Man steht als Angestellter unter enormen Druck möglichst viele Patienten zu versorgen, um eine Schließung der Praxis zu vermeiden und somit den Verlust seiner Arbeitsstelle zu vermeiden.“

„Pro Behandlung fallen 5 Min zusätzlich an, dazu höhere Heizkosten durch permanentes Lüften, und nun auch noch nach BG Empfehlung eine Maskenpause nach zwei Stunden. Und permanent Fragen von Patienten zum Thema Corona und Impfung, da brummt der Kopf und es ist richtig anstrengend geworden.“

„Es ist insgesamt für therapeutische Betriebe eine sehr belastende Situation, da wir Therapeuten den Patienten einerseits Sicherheit vermitteln sollen, Aufklärungsarbeit leisten (Hygiene, Masken,…), Patienten deutlich ihre Grenzen zeigen müssen, auf keinen Fall mit dem Infektionsgeschehen in Berührung sein dürfen (hatte bereits vor einigen Monaten einen Covid-Fall im persönlichen Umfeld und wurde daraufhin von einigen Patienten bis zu 8 Wochen gemieden). Informationen müssen selbständig beschafft werden, Gesundheitsamt und BG informieren nicht aktiv, bzw. Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter sind oft unfassbar schlecht informiert. Ich selbst fühle mich durch das aktuelle Geschehen psychisch am Limit, da die oben genannten Punkte unfassbar viel Kraft rauben. Es gäbe noch viel zu sagen, aber ich denke, die wichtigsten Punkte sind wenigstens kurz dargestellt.“

„Körperlich, mental und wirtschaftlich stehe ich unter sehr hohem Druck. Die fehlende finanzielle Anerkennung und Herabstufung in der Physiotherapie, lässt mich am Limit agieren. Die “noch” hohe Auslastung in der Praxis, lässt sich mit dem Ausscheiden eines Mitarbeiters erklären. Durch hohe Mieten und viel zu geringe Einkünfte, verbunden mit der Corona-Pandemie, sehe ich eine düstere Zukunft für meine Praxis.“

 

 

„Hoher Druck durch Ausfall von Mitarbeitern aufgrund fehlender Kinderbetreuung und Krankheitstage aufgrund von leichten Erkältungs-Symptomen. Sehr hoher Organisationsaufwand durch Patienten Umbestellung.“

„Ein zusätzlicher Punkt bei der psychischen Belastung besteht bei der Kooperation mit Einrichtungen. Es besteht eine große Unsicherheit in Bezug auf Maßnahmen. Es werden neue Maßnahmen beschlossen, aber die Kommunikation zwischen den beteiligten Berufsgruppen funktioniert nur schlecht. Es entstehen Situationen mit erhöhtem Konfliktpotenzial und leider ist es einigen Menschen nicht möglich, dennoch respektvoll miteinander umzugehen.“

Häufig wurde auch das Problem der Schnelltests thematisiert. Mit dem Inkrafttreten der neuen Testverordnung (TestV) sind für Praxen der Heilmittelversorgung  kostenlose Test unter bestimmten Umständen möglich. In den Kommentaren weisen die Befragten allerdings häufig auf Probleme hin.

„Es herrscht völlige Unklarheit, wie das mit den Antigenschnelltests laufen soll. Die eine Hand weiß nicht, was die andere macht. Mitarbeiter sind dadurch sehr verunsichert.“

„Heilmittelerbringer sollten ein eigenes Kontingent mit Schnelltests zur Verfügung gestellt bekommen um mehr Sicherheit zu haben. Ich renne für jeden Mitarbeiter hinterher.“

„Warum werden Therapeuten nicht standardmäßig durchgetestet?! Warum können wir uns immer noch nicht kostenlos testen lassen!? Warum bekommen Heilmittelerbringer kein Testkontingent?!“

„Ich bekomme keine Schnelltest für meine Mitarbeiter. Es gibt keine Arztpraxis, welche Schnelltests durchführt. Grund u.a.: Die Anschaffungskosten liegen je nach Beschaffungszeitpunkt zw. 12-19€. Erstattet werden aber nur maximal 7 € bei den Ärzten. Ich bin wütend! Wieder ein Erlass, der für uns nicht durchführbar ist, während Heime, etc. es selbst durchführen dürfen. Ein Schnelltest würde viele Ausfallzeiten meiner Mitarbeiter kompensieren, wenn er negativ ist.“

„Es besteht ja nun die Möglichkeit, dass auch Therapeuten sich regelmäßig vorsorglich testen lassen können. Unser zuständiges Gesundheitsamt weiß davon allerdings noch nichts…“

Fazit:

In der ersten Novemberwoche, unter den verschärften Bestimmungen zur Kontaktbeschränkung, waren die Auswirkungen auf die ambulante Heilmittelversorgung weniger drastisch als noch im Frühjahr. Allerdings scheinen die Auswirkungen regional und je Leistungsbereich unterschiedlich zu sein.

Insgesamt scheinen TherapeutInnen und PatientInnen besser informiert und vorbereitet zu sein als zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr. Trotzdem gibt es Anzeichen dafür, dass verschiedene Patientengruppen unterschiedlich von Terminausfällen betroffen sind.

Auch zunehmende psychische Belastungen für die TherapeutInnen lassen sich beschreiben und sollten weiter beobachtet werden.

Leicht verbessert hat sich gegenüber dem Frühjahr die Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden. Trotzdem bewerten noch immer 20% der Befragten die Zusammenarbeit als mangelhaft. Probleme gab es hier häufig bei der Durchführung von Schnelltests und bei der Kommunikation.

Das Ziel muss weiterhin sein, bestehende Versorgungsstrukturen zu schützen, denn die ambulante Heilmittelversorgung wird auch in der Nachbehandlung von Covid-19-Patienten eine wichtige Funktion übernehmen.

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Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität – Interview mit Martina Stöckl (TU München)

Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität – Interview mit Martina Stöckl (TU München)

Frau Martina Stöckl M.Ed. - TU München

Martina Stöckl ist seit 2007 Physiotherapeutin. Sie absolvierte ihr Studium an der TU München (B. Ed., M. Ed.) im Studiengang berufliche Bildung, Fachrichtung Gesundheits- und Pflegewissenschaften mit Sozialkunde.

Seit 2018 promoviert sie an der TU München – Fakultät TUM School of Education. Martina Stöckl forscht auf dem Gebiet „Ausbildung, Akademisierung und Professionalisierung der Physiotherapie in Deutschland“.

“Akademisierung als Grundvoraussetzung für Versorgungsqualität”

Wenn wir die Professionalisierung der Physiotherapie als Weg sehen, wo stehen wir dann in Deutschland?

Eine Professionalisierung in der Physiotherapie hängt von mehreren Faktoren ab. Eine Grundvoraussetzung ist, dass ein Weg durchgängig ist.

Im übertragenen Sinne ist ein durchgängiges Bildungssystem bis hin zur Möglichkeit der Promotion an Universitäten unumgänglich. Wenn wir die Professionalisierung in Deutschland als Weg sehen, stehen wir im Moment vor einer riesigen Umleitung. Das ist ziemlich ungünstig für alle Beteiligten, denn dieser Umweg führt in keinster Weise sicher wieder nach Deutschland oder ins Gesundheitswesen zurück.

Österreich oder die Schweiz wirken hoch attraktiv, gerade für akademisierte oder sehr gut ausgebildete Physiotherapeuten. Es besteht die Gefahr, dass Physiotherapeuten aufgrund dieser fehlenden, durchgängigen Straße – also das Fehlen eines durchgängigen Bildungsweges – erst herumirren und anschließend das Berufsfeld komplett verlassen.

Einige wenige PhysiotherapeutInnen finden tatsächlich eine Möglichkeit an den verschiedensten Universitäten in Deutschland zu promovieren. Das ist aber eher die Ausnahme und in den meisten Fällen über die sogenannten Bezugswissenschaften möglich. Das bedeutet, dass uns andere Wissenschaften einen Platz an einer Universität anbieten, weil wir selbst keinen haben.

Sicher ist, dass diese promovierten Physiotherapeuten mit ihrem “Know-How” hier in Deutschland eine Perspektive brauchen.

Das ist die Voraussetzung um einer gelingenden Professionalisierung mit all ihren neuen Berufsperspektiven überhaupt eine realistische Chance geben zu können.

Welche Hindernisse bestehen aktuell für eine Professionalisierung?

 

Gerade in Deutschland gibt es viele Hindernisse in ganz unterschiedlichen Dimensionen.

  • Gefahr durch Studiengänge ohne anerkannten Abschluß
  • Geringe Aufstiegsmöglichkeiten in der Praxis
  • Schlechte Bezahlung
  • Wenig Berufsautonomie
  • Diffuse berufliche Identität
  • Keine gemeinsame Berufsethik
  • Berufliche Organisation nicht einheitlich
  • Fehlende therapeutische Disziplinargewalt
  • Wissenschaftlich nicht belegbare Fortbildung

Dies sind nur einige, aber wichtige Punkte.

Ich lade Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich vor, wir hätten ein durchlässiges Bildungssystem in der Physiotherapie und einige Physiotherapeuten würden ganz selbstverständlich an Universitäten in Deutschland promovieren. Dann hätten wir Kollegen, die sich nicht nur naturwissenschaftlich sondern auch geisteswissenschaftlich mit der Physiotherapie und ihren vielen Facetten beschäftigen.

Diese WissenschaftlerInnen können dann ihre Erkenntnisse ganz selbstverständlich auf nationaler und internationaler Ebene veröffentlichen. Erstmals kommt es zur Diskussion in der Fachöffentlichkeit von Erkenntnissen und selbstverständlich auch unter anderen Berufsgruppen.

Da dieses Feld des Auftretens in der Physiotherapie in Deutschland komplett fehlt, verlieren sich Diskussionen meist in einer kleinteiligen Betrachtung. Ein Beispiel ist die Einordnung der Therapieberufe ausschließlich als „Handwerk“. Eigentlich ist es aber eine ganz eigene Wissenschaft!

Die Wissenschaft der Physiotherapie ist angesiedelt im Gebiet der Natur- aber auch  Geisteswissenschaften!

Krankenkassen fürchten eine Kostenausweitung, Ärztefunktionäre Kompetenzverlust für die Ärzteschaft. Sind diese Sorgen berechtigt?

 

 

Wenn unsere Kollegen der Ärzteschaft mit der Anzahl der Patienten ausgelastet sind und gleichzeitig noch Physiopraxen „akute“ Patienten innerhalb von 14 Werktagen keinen freien Termin anbieten können, kommen wir gesamtgesellschaftlich in einer sehr ungünstigen Versorgungssituation.

Dann kommen die gleichen Patienten unbehandelt zurück in die mit hoher Wahrscheinlichkeit noch immer überfüllten Arztpraxen. Eine Verschlechterung des allgemeinen Patientenzustandes ist zusätzlich zu erwarten.

Sicher ist, es braucht ein aktuelles Rezept, um die Behandlung beim Physiotherapeuten erneut und erstmals antreten zu können! Wenn es sich hierbei nicht um einen beschriebenen Einzelfall handelt, ist es an der Zeit, solche zukünftigen Tendenzen durch wissenschaftliche Lösungsvorschläge abzufangen!

Selbstverständlich können dann auch genaue Rückschlüsse auf Kosten gezogen werden.

Um auf ihre Frage zurückzukommen:

Ich denke die größte Sorge die Ärztefunktionäre, Ärzteschaft und Krankenkassen haben sollten ist, wenn Wissenschaft in den Therapieberufen weiter stagniert!

In welchem Zusammenhang stehen die Akademisierung und Qualitätssicherung für die Patientenversorgung?

 

 

Die Akademisierung ist die Grundvoraussetzung zum Aufbau einer wissenschaftlichen Basis.

Über die Wissenschaft lassen sich Eckpunkte für eine Sicherung der Versorgungsqualität ermitteln, die letztendlich zu einer hochwertigen Leistung führen. Nur so können PatientInnen, TherapeutInnen und Kostenträger gleichermaßen profitieren. Über die wissenschaftliche Betrachtung können wir herausfinden, welche Aspekte in der Versorgung notwendig sind, um PatientInnen effektiv zu behandeln, TherapeutInnen zu entlasten und nebenbei sogar noch Kosten zu senken.

Nicht selten führen Innovationen langfristig zu einer Kostensenkung! Dabei gilt es wichtige Prozesse im Detail zu analysieren, um Zusammenhänge zu verstehen.

Was muss sich ändern?

 

 

 

Es bedarf eines Verständnisses darüber, dass eine Akademisierung in einem durchgängigen Bildungssystem bis hin zur Möglichkeit der Promotion die Grundlage für Wissenschaft, Forschung und Fortschritt ist.

Dies gilt auch im Bereich der Physiotherapie. Der sogenannte Professionalisierungsprozess darf nicht in der Sackgasse mit einem Bachelorabschlusses und kaum Mehrwert enden.

Es sollte das Ziel einer „professionalisierten Physiotherapie“ angestrebt werden, die“ beste Version ihrer selbst“.

Die Versorgung der Menschen in Deutschland darf nicht länger an mangelnder Wissenschaft in den Therapieberufen leiden.

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