Auswirkungen des Corona-Virus auf die Heilmittelversorgung

Online Kurzbefragung für selbständige Heilmittelerbringer für den Zeitraum vom 16.-20.03.2020 (Woche 2)

 

In Anlehnung an die in der Vorwoche durchgeführte Online-Befragung wurden die teilnehmenden Heilmittelerbringer gebeten Angaben zu Ausfallgründen und zu Themen wie Auslastung, wirtschaftlichem Risiko und Erfahrungen mit Gesundheitsbehörden zu machen. Aufgrund der vielen persönlichen Rückmeldungen wurde in dieser Woche zusätzlich die Möglichkeit einer Kommentarfunktion eingeführt von der 358 Befragte Gebrauch machten. Insgesamt lag die Teilnehmerzahl mit 1791 weit über der Zahl der Umfrageteilnehmer der Vorwoche mit 710 Teilnehmern. Die größten Gruppen stellten die Physiotherapie mit 53% und die Ergotherapie mit 28% der TeilnehmerInnen.

Bei der Frage nach der Betriebsgröße stellten Kleinunternehmen mit 4 bis 10 MitarbeiterInnen mit knapp 40% die größte Gruppe dar. (Abb.1)

(Abb.1 Verteilung nach Betriebsgrößen)

Fehlende Kinderbetreuung als zusätzlicher Ausfallgrund

Befragt nach den häufigsten Ausfallgründen gaben die Teilnehmer als Hauptgrund mit 95% (Vorwoche 77%) die vorsorgliche Terminabsage durch Patienten an, obwohl keine Erkrankung akut vorlag. Aber die TherapeutInnen übernahmen auch vorsorglich Verantwortung und sagten von sich aus in Absprache mit den Patienten und Patientinnen in 74% (Vorwoche 52%) ab. Auch Absagen durch generelle Besuchsverbote oder Absagen von Einzelterminen in Pflegeeinrichtungen waren wieder mit knapp 59% (Vorwoche 52%) der dritthäufigste Ausfallgrund. Von 11% auf knapp 30% sind die Ausfälle aufgrund der Überlastung der ärztlichen Praxen angestiegen. Neu hinzugekommen sind Terminausfälle wegen fehlender Kinderbetreuung bei TherapeutInnen. Dieses Problem betraf mit knapp 20% jeden fünften Betrieb. Deutlich häufiger trat mit 27% (Vorwoche 12%) auch der Fall ein, dass Patienten sich in Quarantäne befanden (Abb.2).

(Abb.2 Ausfallgründe)

(Abb.3 Umsetzungsstand von Schutzmaßnahmen)

Es fehlt an Schutzmaßnahmen

Bei der Frage nach dem Umsetzungsstand der Schutzmaßnahmen gaben 8% der Betriebe an über keine Informationen zu verfügen. 19% wussten nicht, welche Maßnahmen konkret einzuhalten sind und orientierten sich an den bisherigen Hygieneplänen. Mit 56% gab die Mehrheit der Betriebe an, dass sie zwar über aktuell notwendige Schutzmaßnahmen informiert seien, es aber an Material fehle. Nur 15% haben aktuell ausreichend Material und können Schutzmaßnahmen einhalten (Abb.3).

Auslastungsquote im Mittel bei 46%

Der Auslastungsgrad wurde erwartungsgemäß sehr unterschiedlich beziffert. Mit knapp 18% war eine Auslastung von 41% bis 50% am häufigsten. 113 Praxen bezifferten den Auslastungsgrad noch mit über 80%, während mit 117 Betrieben knapp 7% eine Auslastung von unter 10% angaben. Im arithmetrischen Mittel lag die Auslastungsquote bei ca. 46%. (Abb.4).

(Abb.4 Auslastungsgrad)

(Abb.5 Praxisschließungen)

Mehrheit versucht die Versorgung aufrecht zu erhalten

Viel diskutiert wurde in der letzten Woche das Thema Praxisschließungen. 6% der Betriebe haben bereits vorsorglich geschlossen. 12% erwägen einer Schließung aufgrund fehlender Schutzausrüstung. 26% zeigen sich verunsichert und wünschen sich konkrete Empfehlungen oder Handlungsanweisungen. Mit 41% wollen die Mehrheit der Inhaber die Versorgung weiter aufrechterhalten, wobei sie der Schutz von Behandlern und Patienten vor eine grosse Herausforderung stellt. Nur 6% der Befragten geben an, dass sie den Betrieb weiterhin geöffnet halten können und dabei den Schutz von Patienten und Behandlern sicherstellen können (Abb.5)

Zusammenarbeit mit Gesundheitsbehörden “mangelhaft”

Gerade in Fragen von Patienten- und Eigenschutz suchen TherapeutInnen vermehrt Kontakt zu den Gesundheitsämtern. Die Bewertung der Kontakte fällt dabei wenig positiv aus. Mit 31% bewertet die Mehrheit der Befragten den Kontakt mit „mangelhaft“. 28% sahen bisher keinen Grund für eine Kontaktaufnahme. Bei 14% ist eine Kontaktaufnahme bisher nicht gelungen (Abb.6)

(Abb.6 Kontakt mit Gesundheitsämtern)

Finanzielles Risiko

Den Blick auf die finanziellen Belastungen sehen die meisten Befragten sehr kritisch. Insgesamt 94% schätze das finanzielle Risiko hoch oder sehr hoch für ihre Betriebe ein (Abb.7)

Insolvenz

Dabei sehen sich schon jetzt 18% der Befragten von Insolvenz bedroht. 59% sehen das derzeit noch nicht so und 22 % können dazu keine Angaben machen. (Abb. 8)

Umfrageteilnehmer beschreiben ihre Sorgen

In den Kommentaren spiegelt sich teilweise die Verzweiflung der Befragten wider. Vielfach wird auf die schwierige finanzielle Situation hingewiesen und es wird ein schnelles Handeln seitens der Politik gefordert. Man fühlt sich allein gelassen. Viele der Befragten äußern große Sorge darüber, dass sie aktuell noch nicht von Insolvenz bedroht sind, dies sich jedoch in wenigen Wochen ändern könne. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die Forderung nach echten Zuschüssen und Hilfen. Kredite würden aufgrund der nach wie vor fehlenden Rücklagen das Ausfallproblem nur auf die Zukunft verschieben. Es überwiegt auch die Frage nach dem Eigenschutz und dem Schutz der Patienten. Hier fordern die Befragten Hilfestellung auch bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln. Es wird darauf hingewiesen, dass klare Regelungen für die Aufrechterhaltung der Versorgung fehlen, diese werden eingefordert. Als zusätzliche Belastung werden uneinheitliche Informationen und teilweise unterschiedliche Meldung über mögliche Schließungen seitens der Landes- und Gesundheitsbehörden beschrieben.

 

Hier einige Beispiele:

„Die erhöhte Ansteckungsgefahr (Nahkontakt/fehlende Schutzausrüstung) und Möglichkeit durch meine Arbeit nicht Leben zu verbessern, sondern vielleicht sogar an der Verbreitung des Covid 19 Erregers beteiligt zu sein und somit Leben zu gefährden bereitet mir und meinen Mitarbeiterinnen große Sorgen und emotionalen Druck. Wir sind an der Belastungsgrenze!“

„Nächste Woche habe ich 10% Auslastung und 100% Kosten.“

„In Bayern haben wir für die Folgewoche aufgrund der Fernsehansage von Söder, dass die Praxen geschlossen werden, absolutes Chaos. Bis zu diesem Moment war unsere Folgewoche super organisiert und wir waren gut im Kontakt mit unseren Klienten. Von Regierungsseite, Verband und Buchner wurde diese Aussage noch nicht bestätigt. Klienten sagen ohne Unterlass für die Folgewoche ab, da die Panik jetzt so richtig angefacht wurde. Auch Klienten, die keinerlei Risiko haben, wenn sie zur Behandlung erscheinen aufgrund der gut umgesetzten Hygienemaßnahmen. Daraufhin habe ich meinen Betrieb für die nächsten 2 Wochen in Betriebsurlaub geschickt, um Zeit zu gewinnen. Eine Mitarbeiterin arbeitet noch in der Telemedizinischen Versorgung. Das Sekretariat ist noch besetzt. Ich überschlage mich vor Arbeit. Ich frage mich, ob die Politik und die Medien das dementieren, wenn es nicht stimmt und wie die Entschädigung dafür aussehen soll, die durch diese Aussage entstanden ist.“

„Schließung aus ethischen und moralischen Gründen! Das bin ich meinen Patienten und der Gesellschaft schuldig! Keine Versorgung mit Schutzmaterial, keine Vorschrift vom Verband! Und Kollegen behandeln munter weiter! Wie kann sowas sein?“

„Es fehlt absolut an einheitlichen Informationen“

„Ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits würde uns eine Praxisschließung schützen, andererseits stehen wir für die meisten Patienten, und das sind bei mir Schmerzpatienten, unseren Mann bzw. Frau. Erfüllen also unseren Auftrag.“

„Ich möchte, dass Ärzte und Patienten durch die offiziellen Entscheidungsträger informiert werden, dass die therapeutischen Einrichtungen geöffnet sind – zum Wohlergehen der Betroffenen. Der Grund für die ärztlich verordnete Therapie ist nicht durch Corona verschwunden. Das Risiko ist auch für die Therapeuten hoch, sich zu infizieren, dennoch sind wir bereit, weiterhin helfend zu wirken. Niemand geht freiwillig und aus reinem Profitgedanken ein gesundheitliches Risiko ein. Daher ist davon auszugehen, dass die Patienten, die einbestellt werden, einen unbedingten Therapiebedarf haben.“

„Wir haben Sorge für uns und unsere Patienten zu tragen. Das ist zur Zeit nicht sichergestellt“

„Ansteckung Risiko in Kombination mit fehlender Schutzausrüstung macht ein sicheres behandeln unmöglich aber eine Schließung ohne finanzielle Unterstützung führt zwangsläufig zu einer Insolvenz im nächsten Quartal“

„Diese Krise zeigt erneut die Schwachpunkte im Bereich der Heilmittelversorgung sehr deutlich auf. Der Gedanke zum Berufsausstieg wird wie seit Jahren weiter genährt. Ich weiß auch nicht wie man Eltern erklären soll dass ihre Kinder zwar nicht in die Kita / Schule dürfen, aber bitte weiter zur Therapie gehen sollen! Das Risiko dem ich die Patienten & mich aussetze durch Betriebsoffenhaltung kann ich nur wegen der enormen Existenzangst unter erhöhten fraglichen Hygienemaßnahmen tolerieren. Kein gutes Gefühl.“

Fazit:

TherapeutInnen dürfen mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen nicht allein gelassen werden. Das war das Fazit der letzten Woche, an dem sich im Prinzip nichts geändert hat. In der Krise fehlt es an klaren Handlungsanweisungen. Es gibt zu viele falsche oder uneinheitliche Information. Es fehlt an ausreichendem Schutzmaterial und die Angst vor finanziellen Schäden ist nach wie vor groß bei den TherapeutInnen. Die Kommunikation mit den Gesundheitsbehörden gelingt nur schlecht.

Das Fazit für diese Woche lautet demnach: TherapeutInnen wurden mit finanziellen Belastungen und organisatorischen Fragen bisher allein gelassen.

Unter den gegebenen Umständen ist die Versorgung der PatienInnen  aktuell und in der Zukunft hochgradig gefährdet.

A

Download der Umfrageergebnisse als Pdf

%

Auslastungsquote im Mittel

%

Vorsorgliche Absage von Patienten von Patienten (Vorwoche 77%)

%

Schätzen das wirtschaftliche Risiko hoch bis sehr hoch ein

%

Können die Versorgung unter Einhaltung der erforderlichen Schutzmaßnahmen sicherstellen

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25690cookie-checkAuswirkungen von Sars-CoV-2 auf die Heilmittelversorgung – Analyse 16.03.-21.03.2020