Behandlung von Patienten nach COVID-19 Erkrankung oder mit Post-COVID-Syndrom in der ambulanten Heilmittelversorgung

67 Teilnehmende behandelten 366 Patient*innen

Vom 7. Februar bis zum 26.April 2021 nahmen an der Online-Befragung 67 Leistungserbringer aus der ambulanten Heilmittelversorgung teil und übermittelten Daten von 236 Patient*innen, die eine COVID-19 Erkrankung hatten, und 130 Patient*innen mit Post-COVID-Syndrom.

Eine stationäre Anschluss-Heilbehandlung oder Rehabilitationsmaßnahme hatten 22% der Patient*innen nach einer COVID-19 Erkrankungen durchgeführt, bevor sie in die ambulante Heilmittelversorgung kamen. Bei den Patient*innen mit Post-COVID-Syndrom waren es 19%.

60% der COVID-19 Erkrankten und 67% der Patient*innen mit Post-COVID-Syndrom waren zu Beginn der Heilmittelbehandlung noch arbeitsunfähig.

Korrekturbedarf der ärztlichen Verordnungen

Weiterhin hoch war der Korrekturbedarf der ärztlichen Verordnungen. Unklar ist, ob durch die neue Heilmittelrichtlinie der Korrekturbedarf inzwischen geringer wird. Zumindest zeigt sich an dieser Stelle erneut, dass während der gesamten Pandemie durch die notwendige Korrektur von Verordnungen in Papierform unzählige vermeidbare Kontakte entstanden sind.

Diagnosegruppen nach Systematik des Heilmittelkatalogs

Die Zuordnung der Diagnosegruppen erstreckte sich bei den Verordnungen über die gesamte Breite des Heilmittelkataloges. Ein Grund dafür kann in der sehr komplexen Symptomatik der Patient*innen liegen, oder aber auch in der Tatsache, dass ein großer Teil der Symptome „mitbehandelt“ wurde, weil die Patient*innen aufgrund einer anderen Indikation in Behandlung waren.

Komplexe Symptome

Sehr unterschiedlich und vielfältig waren die Symptome der Patient*innen. Eine bedeutende Rolle nimmt dabei das Fatigue ein, eine zu den vorausgegangenen Anstrengungen unverhältnismäßige, durch Schlaf nicht zu beseitigende und damit krankhafte Erschöpfung körperlicher oder geistiger Art.

Besonders häufig waren auch Kurzatmigkeit, Konzentrationsstörungen, Muskelschwäche, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerz, Schlafstörungen und depressive Verstimmungen. Zusätzlich wiesen die Befragten darauf hin, dass viele Patient*innen unter Gangstörungen, Parästhesien und Gedächtnisproblemen litten.

Erhebliche oder voll ausgeprägte Probleme gemäß ICF

In allen Lebensbereichen haben die Patient*inen erhebliche oder voll ausgeprägte Probleme (im Sinne der ICF-Kodierung. Es wird deutlich, dass speziell Patient*innen, die von einem Post-COVID-Syndrom betroffen sind, langfristig stark in ihrer Lebensführung eingeschränkt sind.

Überlastung während der Therapie

Anzeichen einer Überlastung während der Therapie, aufgrund derer die Intensität der Therapie überprüft und angepasst werden musste, zeigten 13% der COVID-19 Erkrankten und 35% der Patient*innen mit Post-COVID-Syndrom. Besonders bei der Therapie von Patient*innen muss demnach mit einer möglichen Überlastung und einer gezielten Anpassung der Intensität gerechnet werden.

Abb.5 Anteil der Patient*innen, die während der Therapie Anzeichen einer Überlastung hatten

Sind die Vorgaben des Heilmittelkatalogs passgenau, um die Behandlung von COVID und Long COVID Patienten zu gewährleisten?

10% der Befragten halten die Vorgaben des Heilmittelkatalogs für passgenau, um die Behandlung von COVID und Long COVID Patienten gewährleisten zu können. Die Mehrheit (49%) sehen bei der Blankoverordnung eine größere Flexibilität. Gerade unter dem zuvor genannten Aspekt der Notwendigkeit einer gezielten Steuerung der Behandlungsintensität erscheint dieses Votum plausibel. Hätte die Blankoverordnung wie geplant den Weg in die Regelversorgung bereits gefunden, wäre dies die prädestinierte Versorgungsform für COVID-Patienten.

Abb.6 Bietet die Systematik des Heilmittelkatalogs passgenaue Vorgaben für die Therapie von COVID/Post-COVID-Patient*innen?

 

Anmerkungen der Befragten

Insgesamt scheinen nur wenige COVID-Patienten den Weg in die ambulante Heilmittelversorgung zu finden. Die Befragten merken an, dass viele Symptome nur „mitbehandelt“ werden und es nur wenige Verordnungen mit einer COVID-Diagnose in der Versorgung geben würde. Teilweise würden  entsprechende Diagnoseschlüssel fehlen, und speziell Verordnungen für Atemtherapie würden zu selten ausgestellt. Gerade bei älteren Patienten würden die Probleme auf das Alter reduziert.

Gleichzeitig wünscht man sich mehr Informationen über die Krankheitsbilder und einen besseren Wissenstransfer bezüglich unterschiedlicher Behandlungsoptionen.

Fazit

Die Befragung bietet einen ersten kleinen Einblick in die Blackbox der Heilmittelversorgung. Aufgrund der Komplexität der COVID-Erkrankungen und speziell des Post-COVID-Syndroms zeigt sich eindringlich der Bedarf an einer zielgerichteten Versorgung. Die Einschränkungen der Patient*innen sind sehr vielschichtig und langwierig und betreffen alle Lebensbereiche. Erschöpfung und Überlastung auch während der Therapie stellen eine große Herausforderung dar.

Die Versorgungsform „Blankoverordnung“, bei der die Therapeut*in selbst die Dauer und die Frequenz der Behandlung anpassen kann, wäre hier prädestiniert für die Versorgung der Patient*innen.

Die ambulante Heilmittelversorgung könnte ein bedeutender Faktor in der Versorgung von Patient*innen nach einer COVID-19 Erkrankung oder mit Post-COVID-Syndrom (Long COVID) sein. Allerdings deuten die Ergebnisse der Befragung darauf hin, dass die Heilmittelerbringenden bisher nicht ausreichend in die Versorgung einbezogen werden.

Wir haben schon zu Beginn der Pandemie darauf hingewiesen, dass Heilmittelerbringende in der Versorgung vergessen werden und können jetzt nur erneut mahnend diesen Hinweis wiederholen.

Auch die Vorschläge für eine bessere Versorgung wiederholen sich: Mehr Digitalisierung, ein besserer Wissenstransfer, bedarfsgerechte Weiterbildung, gezielte Forschung und mehr Versorgungsverantwortung sind unerlässliche Faktoren für eine moderne, patientengerechte Versorgung.

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42320cookie-checkAnalyse zur Umfrage von Patienten nach COVID 19 Erkrankung