„Alles neu, alles besser? – Die neue Welt der Heilmittelversorgung“

Ein Gastbeitrag von Claudia Czernik

Claudia Czernik

2012-2015 Ausbildung Physiotherapeutin in Leipzig, ausbildungsintegrierendes Studium Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bis 2017

2017-2020 Master of Science Public Health an der Berlin School of Public Health Interessensschwerpunkte: Weiterentwicklung der Heilmitteltherapie, health workforce, gesundheitliche Chancengleichheit, empowerment

Erste größere Veranstaltung der GKV im Heilmittelbereich

Unter dem oben genannten Motto stand die Veranstaltung „GKV live“ des GKV-Spitzenverbandes am 29.01.2020. Dazu wurden VertreterInnen aus Politik, Heilmittelverbänden und Interessierte geladen, um auf einer Podiumsdiskussion miteinander zu diskutieren.  Dabei ging es um die Auswirkungen auf die Heilmittelerbringenden aus den Änderungen der Heilmittelrichtline und den Bestimmungen aus dem TSVG (Terminservice- und Versorgungsgesetz). Auf dem Podium diskutierten dazu: Stefanie Stoff-Ahnis (Vorstand GKV-Spitzenverband), Irina Cichon (Robert Bosch Stiftung), Andreas Pfeiffer (DVE Vorsitzender), Dr. Roy Kühne (CDU/CSU Bundestagsfraktion) und Dr. Achim Kessler (Fraktion DIE.LINKE im Bundestag).

In ihrer Eröffnungsrede hob Frau Stoff-Ahnis (GKV) zunächst hervor, dass die Heilmittelerbringung in den letzten Jahren eher ein kleines Versorgungsthema war. Mit der neuen Heilmittelrichtlinie sei schon jetzt viel zur Entbürokratisierung beigetragen worden. Noch große Potentiale sehe sie in Digitalen Gesundheitsanwendungen.

Anschließend stellte Frau Cichon (Robert Bosch Stiftung) Ihre Visionen für eine moderne Heilmitteltherapie vor und mahnte dabei besonders an, dass die wohnortnahe Versorgung im ländlichen Raum bereits jetzt gefährdet sei. Sie plädiert für bedarfsgerechte und patientenzentrierte Konzepte, welche eine kontinuierliche und lückenlose Versorgung ermöglichen, anstatt wie zurzeit nur punktuelle und akute Hilfen.

Praxis der Zertifikatsleistungen ist paradoxes System

Danach startete die einstündige Podiumsdiskussion, welche mit den Themen Akademisierung, Direktzugang, Digitalisierung und, der sich aktuell in der Verhandlung befindliche Blankoverordnung, eine volle Agenda abzuarbeiten hatte. Grundsätzlich herrschte dabei, für das Publikum, erstaunlicher Konsens auf dem Podium zwischen den Protagonisten. Es war klar benannt und herausgearbeitet, dass sich die Heilmittelbranche in einem Umbruch befindet und dringend weiterentwickelt werden muss. Für Stoff-Ahnis stellte beispielsweise die Praxis der Zertifikatsleistungen in der Physiotherapie ein paradoxes System dar. Denn mit diesem System „degradiert“ man die Therapeuten von vorn herein und es gehört in dieser Form abgeschafft, so Stoff-Ahnis (GKV) in ihren Ausführungen.

Herr Pfeiffer betonte die notwendige Ausbildungsreform in seinen Ausführungen: „Das was ich 1992 in meiner Ausbildung gelernte habe, hat nichts mehr damit zu tun, was die Medizin heute ausmacht“.

Direktzugang nur bei rechtlicher Sicherheit

Unstrittig bei den Teilnehmenden waren ebenso die notwendigen Investitionen in die Akademisierung der Berufe, um die Attraktivität für TherapeutInnen selber zu steigern und um wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewinnen, welcher die Therapiemethoden forschend auf Wirksamkeit untersuchen kann. Frau Stoff-Ahnis bemerkte dazu, dass diese Wirksamkeit „…noch sehr nebelig“ sei. Evidenz sei aber aus Ihrer Sicht dringend notwendig, um beispielsweise entscheiden zu können, welche Diagnosen für die Blankoverordnung in Frage kommen. Dr. Kühne kritisierte dabei allerdings, dass es nicht ausreicht, therapeutische AkademikerInnen auszubilden, sondern dass deren Mehrwert auch in Form von erweiterten Handlungsspielräumen, besserer Vergütung und Aufstiegsoptionen im Arbeitsmarkt abgebildet werden muss. In diesem Zusammenhang stellte sich auch die Frage nach dem Direktzugang, welcher für Frau Stoff-Ahnis derzeit nicht in naher Zukunft realisierbar sei.
Dr. Kessler bedauerte, dass entsprechender Paragraf zum Modellversuch für einen Direktzugang im Gesetzgebungsverfahren zum TSVG wieder gestrichen wurde. Dr. Kühne begründete dies u.a. damit, dass es zunächst rechtlicher Sicherheit bedarf, bevor ein solcher Versuch starten kann. Diese sei so nicht gegeben gewesen.

Kaum Dialogmöglichkeiten

Weiterhin wurden auch Lösungsideen für die Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum diskutiert, welche von finanziellen Anreizen bis hin zum Aus- und Aufbau von Medizinischen Versorgungszentren reichten. Für das wichtige Thema Digitalisierung blieb am Abend leider keine Zeit mehr. Ebenso konnten am Ende nur wenige Anwesende aus dem Publikum zu Wort kommen.

Alles in allem scheint es klar, wo die Reise in den nächsten Jahren für die Heilmittelerbringer hingehen soll: Evidenzbasierung, Akademisierung, gesteigerte Handlungsautonomie. Jetzt gilt es die gesetzlichen Chancen optimal zu nutzen, um die veralteten Strukturen in der Heilmittelerbringung an die Herausforderungen der heutigen Zeit anzupassen. Diese klare Botschaft ging bei dieser Veranstaltung an alle Verbände, Hochschulen und TherapeutInnen gleichermaßen!

Weitere Links zu dieser Veranstaltung:

https://gkv-live.de/

Physio.de

16610cookie-check„Alles neu, alles besser? – Die neue Welt der Heilmittelversorgung“