Aktuelle Situation in der Heilmittelversorgung Stand 17.03.2020

Unsere aktuelle Umfrage in Betrieben der Heilmittelversorgung zeigt, dass es schon in der letzten Woche zu deutlichen Therapieausfällen gekommen ist. Für die Woche vom 9.-14. März würden wir aufgrund der Daten die Ausfälle mit 20 bis 25% durchschnittlich beziffern. Am kommenden Wochenende starten wir dazu eine neue Befragung, um ein aktuelles Bild zu bekommen.

Doch die Probleme in der Heilmittelversorgung scheinen aktuell noch tiefgreifender zu sein. Sehr viele TherapeutInnen oder PraxisinhaberInnen machen sich große Sorgen um die Sicherheit ihrer Patienten. Aktuell wird als zweithäufigster Grund für Therapieausfälle angegeben, dass Terminabsagen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten geplant werden, insbesondere dann, wenn es um Risikopatienten oder auch deren Angehörige geht.

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Robert - Koch - Institut stuft Gesundheitsrisiko "hoch" ein

Das Robert-Koch-Institut hat heute seine Risikoeinschätzung für Deutschland auf „hoch“ heraufgesetzt. Viele TherapeutInnen fühlen sich verpflichtet im Sinne des Schutzes der Bevölkerung zu handeln und ihren Beitrag zu leisten, die Kurve von Neuinfektionen möglichst flach zu halten.

Dilemma in der Versorgungsrealität

Auf Anweisung der Bundesregierung sind alle Einrichtungen des Gesundheitswesens offen zu halten und besondere Hygienemaßnahmen zu beachten. Nimmt man den Stellenwert der Therapieberufe innerhalb der Gesundheitsversorgung ernst, so ist die Intention der Bundesregierung zur Aufrechterhaltung der Versorgung auch auf den Heilmittelbereich übertragbar. In der aktuellen Versorgungsrealität gibt es zwei unterschiedliche Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Auf der einen Seite steht der berechtigte Anspruch der TherapeutInnen die PatientInnen und auch sich selbst vor den Folgen einer Ausweitung der Corona-Pandemie zu schützen. Auf der anderen Seite gilt der professionelle Anspruch an diese Berufsgruppen zur Aufrechterhaltung der Versorgung, wohlgemerkt dort, wo es sinnvoll ist. Augenscheinlich ist dieses Dilemma neu, vielleicht auch deshalb, weil die Heilmittelberufe noch nicht richtig in der Gesundheitsversorgung verortet sind und mitgedacht werden. Aus Patientensicht ist die Auflösung des Dilemmas etwas einfacher. Das Robert-Koch-Institut rät zur Einhaltung besonderer Hygienemaßnahmen. Die TherapeutInnen müssen durch Schulungen und konkrete Handlungsempfehlungen in die Lage versetzt werden diese Maßnahmen umzusetzen und damit die Versorgung aufrecht zu erhalten. Ebenso müssen entsprechende Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung bevorzugt für Betriebe zugänglich gemacht werden. Wenn dann TherapeutInnen trotzdem Verantwortung übernehmen und Betriebe schließen oder nur noch in sehr kleinem Umfang weiter betreiben, weil sie wissen, dass sie diese notwendigen Schutzmaßnahmen nicht einhalten können, so muss diese Entscheidung individuell möglich bleiben.

Gleichzeitig ist klar, dass die Heilmittelversorgung aufgrund der hohen Ausfallquoten nur noch eine Art Notversorgung darstellen wird. Dies wird ein entsprechendes Liquiditätsproblem für die Betriebe zur Folge haben, dessen Umfang bisher niemand vorhersehen kann. In wie weit Maßnahmen, wie das Kurzarbeitergeld hier helfen, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen.

Rettungsschirm für Heilmittelbetriebe

MdB Dr. Roy Kühne hat heute einen Vorschlag für einen Rettungsschirm vorgelegt, der sicher eine gute Grundlage bieten würde, die Liquidität der Heilmittelbetriebe vorläufig zu sichern. Der Vorschlag hat den Vorteil, dass er sehr schnell umsetzbar wäre, da die entsprechenden Mittel abrufbar sind. Zudem würden die vielen Solo-Selbständigen, die einen großen Beitrag zur Sicherung der Versorgung leisten, ebenfalls davon profitieren.

Einen Nachteil hat der Vorschlag, denn das Liquiditätsproblem wird nur auf die Zukunft verteilt und dadurch abgemildert. Wenn wir davon ausgehen, dass die Ausfälle nur einen relativ kurzen Zeitraum umfassen, ist diese Verlagerung kein Problem. Dauern die Ausfälle über Monate an, so wird aus dem anfänglichen Liquiditätsproblem ein nachhaltiges Rentabilitätsproblem.

Ein Rettungsschirm ist folglich absolut zu begrüßen, allerdings muss explizit an die Möglichkeit einer Nachjustierung gedacht werden, wenn die Auswirkungen der aktuellen Situation abzusehen sind. Hier sind insbesondere die Kostenträger gefordert den Schutz von Versorgungsstrukturen ernst zu nehmen. Es wäre in diesem Zusammenhang zu diskutieren, ob eine Bereitstellungspauschale für die strukturelle Sicherung der Praxen hier Abhilfe schaffen kann. Krankenkassen könnten dann diese Bereitstellungs- oder Sicherstellungspauschale von den Rückzahlungen der Betriebe abziehen und so ein Rentabilitätsproblem minimieren. Ebenso wäre eine Beteiligung des Bundes denkbar, um die finanziellen Belastungen möglichst gering zu halten.

Regelungen zur Fristüberschreitung reichen nicht aus

Die Krankenkassen haben sich ihrerseits aktuell darauf verständig, das Problem von Fristüberschreitungen bei Heilmittelverordnungen zu vermeiden, indem auf die Prüfung dieser Fälle zunächst verzichtet wird. Dieser Schritt ist zu begrüßen, da die Krankenkassen das Problem sehen und proaktiv lösen möchten. Aber gerade weil es zu Liquiditätsproblemen in den Praxen kommt, wären diese vielleicht besser beraten, aktuell unterbrochene Verordnungen zu beenden und abzurechnen. Zudem bleibt das generelle Problem der fehlerhaft ausgestellten Verordnungen bestehen.

Weiterhin müssen Patienten oder TherapeutInnen fehlerhafte Verordnungen in den Arztpraxen korrigieren lassen, was in der aktuellen Situation wieder ein massiv erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Zum Schutz der Versicherten und zur Entlastung speziell der Arztpraxen wäre ein Verzicht auf Prüfung und Retaxierung von Heilmittelverordnungen angemessen.

Unsere Empfehlungen zum Schutz der Versorgungsstrukturen in der Zusammenfassung:

  • Besondere Hygienemaßnahmen müssen nachvollziehbar beschrieben sein.
  • Abläufe der Hygienemaßnahmen müssen klar formuliert werden.
  • Der Zugang zu entsprechenden Materialien muss sichergestellt werden.
  • Die individuelle Entscheidung von TherapeutInnen zum Eigenschutz und zum Schutz der Bevölkerung Praxen nur eingeschränkt zu betreiben, oder ganz zu schließen darf keine finanziellen Nachteile bedingen.
  • Ein Rettungsschirm zur Sicherung der Liquidität und damit der Versorgungsstrukturen ist unter der Berücksichtigung einer möglichen Nachjustierung schnellstmöglich einzurichten. Eine Beteiligung des Bundes könnte ein späteres Rentabilitätsproblem der Praxen vermeiden.
  • Die formale Prüfung und Retaxierung von Heilmittelverordnungen muss ausgesetzt werden.

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23880cookie-checkAktuelle Situation in der Heilmittelversorgung – 17.03.2020